Interview mit Lorenz Gessner
Die Ukraine baut nach dem Vorbild der KfW ihre eigene Förderbank auf, um direkt EU-Mittel zu erhaltenDie Ukraine hat die Umwandlung ihres Nationalen Förderinstituts nach dem Vorbild der KfW abgeschlossen, und strebt nun erstmals danach, EU-Mittel zu erhalten.
In einem Interview mit der Zeitung Radio NV hat Lorenz Gessner, der Leiter der KfW-Büros in Kyjiw und Chisinau, erläutert, wie die Umwandlung des Business Development Fund in das Nationale Förderinstitut Mittel i.H.v. 1,3 Mrd. EUR für die Ukraine erschließen, und damit Darlehen mit einem Volumen von bis zu 3,3 Mrd. EUR für ukrainische Unternehmen hebeln könnte.
Diese Transformation geht weit über eine institutionelle Routinereform hinaus. Vielmehr stellt sie die Schaffung einer modernen Fördereinrichtung für die Ukraine dar.
Das Nationale Förderinstitut wurde als staatliche Förderbank konzipiert, die nach den Prinzipien guter, transparenter und finanziell verantwortungsvoller Führung arbeitet, gleichzeitig aber ein fundamental anderes Mandat als kommerzielle Banken aufweist.
Im Unterschied zu profitorientierten Banken liegt ihr Fokus auf Wirkung. Sie steht mit kommerziellen Geldhäusern nicht im Wettbewerb, sondern arbeitet mit diesen zusammen. Damit ermöglicht sie die Darlehensvergabe in Marktsegmenten mit höheren Risiken, wie KMU, Unternehmen in Frontnähe und strategischen Sektoren. Als nichtprofitorientierte Bank reinvestiert das Nationale Förderinstitut seinen gesamten Gewinn in die Finanzierung der Entwicklungsziele der Ukraine.
Ich denke, die Rahmenbedingungen ändern sich durch diese Reform grundlegend. Die KfW unterstützt diesen Prozess gemeinsam mit den Regierungen Deutschlands und der Ukraine, sowie der Europäischen Union und der Weltbank.
Bemerkenswerterweise ruht diese Reform in zweierlei Hinsicht auf den Schultern der KfW: mit Mitteln der Bundesregierung und der Europäischen Kommission wird das Nationale Förderinstitut parallel in zwei Bereichen unterstützt. Erstens stellen wir Mittel für die KMU-Finanzierung bereit, und zweitens für Beratungsleistungen. Damit fördern wir die Weiterentwicklung des Nationalen Förderinstituts.
Bislang hat die KfW bis zu 228 Mio. EUR bereitgestellt. Weitere 230 Mio. EUR für neue Projekte befinden sich derzeit in Vorbereitung.
Im letzten Vierteljahrhundert hat sich das Institut erst vom Deutsch-Ukrainischen Fonds in den Business Development Fund gewandelt, und nun schließlich in das Nationale Förderinstitut.
Die früheren Phasen der KfW-Unterstützung konzentrierten sich vorwiegend auf den Aufbau bestimmter Fähigkeiten. So hatten ukrainische Banken damals wenig Erfahrung in der Kreditvergabe an KMU. Internationale Unterstützung fokussierte daher auf Training, Beratung und die Einführung in die Grundlagen moderner Kreditvergabe. Diese umfasste lokale staatliche Programme wie „Erschwingliche Kredite 5-7-9%“, die zum Teil mit Finanzierungen der KfW umgesetzt wurden.
Die jetzige Transformation markiert den Schritt hin zu einer gewissen Reife dieser Förderbank. Das Nationale Förderinstitut ist nunmehr nicht mehr einfach nur eine Umsetzungsorganisation, sondern ist zu einem strategischen Partner der ukrainischen Regierung geworden.
Ähnlich wie die KfW in Deutschland wird sie wird nun zur Entwicklung von Programmen beitragen, sektorale Analysen durchführen, und als ein Kompetenzzentrum für wirtschaftliche Förderung wirken.
Auch vom rechtlichen Status her wurde das Institut erheblich gestärkt. Den Rahmen hierfür bietet ein spezielles Gesetz, das im Oktober 2025 verabschiedet wurde, während die Führungsstruktur nach OECD-Standards aufgebaut wurde: so setzt sich der Aufsichtsrat jetzt zum Großteil aus unabhängigen Mitgliedern zusammen.
Das Nationale Förderinstitut setzt sich für die nächsten Jahre ehrgeizige Ziele. Sie möchte rund 1,3 Mrd. EUR mobilisieren, woraus in Zusammenarbeit mit Durchleitungsbanken circa 3,3 Mrd. EUR KMU-Fördermittel gehebelt werden sollen.
Dieser Hebel bedeutet, dass aus 1 EUR externer Mittel 3 EUR Investitionen für ukrainische Unternehmen werden.
Das Institut wird hauptsächlich mit drei Instrumenten arbeiten. Zum einen wird es langfristige Liquidität für Banken bereitstellen, die diese in die Lage versetzt, langlaufende Kredite an Unternehmen zu vergeben. Sie wird darüber hinaus aktiv Portfoliokreditgarantien anwenden, um die Darlehensvergabe in Hochrisiko- oder Frontgebieten zu stimulieren. Schließlich wird sie Zuschüsse anbieten, um Investitionsprojekte zu kofinanzieren.
Im Vergleich zu bestehenden Programmen wird die Förderung künftig zugänglicher, längerfristiger, zielgenauer und maßgeschneidert auf die Bedürfnisse von Lieferketten sein. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei Frontgebieten und Unternehmen, die von Frauen und Veteranen geführt werden, zuteil.
Die Transformation des Instituts folgt der Roadmap für die Vision 2.0, die auf der Ukraine Recovery Conference 2024 in Berlin vorgestellt wurde, und die von Deutschland, der Europäischen Union und der Weltbank unterstützt wird.
Die Roadmap besteht aus drei Phasen. Die erste Phase, die auf institutionelle Reformen und rechtliche Eigenständigkeit fokussierte, ist weitgehend abgeschlossen. Die zweite Phase schließt die Überprüfung sogenannter Säulen von der Europäischen Union mit ein, die prüft, ob das Institut die Standards für die Verwaltung von EU-Mitteln erfüllt. Die dritte Phase schließlich sieht den Zugang zum Kapitalmarkt mittels der Begebung von Anleihen, sowie langfristige finanzielle Nachhaltigkeit vor.
Allerdings wird die erste Phase erst vollständig abgeschlossen sein, wenn das Nationale Förderinstitut die Fähigkeit entwickelt hat, die Wirkungen ihrer Programme zu evaluieren. Denn dies ist die Voraussetzung für ein effektives Design von Unterstützungsprogrammen. Sobald diese Fähigkeit entwickelt wurde, wird das Nationale Förderinstitut gemäß dem Vorbild der KfW mit der ukrainischen Regierung kooperieren.
Das übergeordnete Ziel der Vision 2.0 ist es, eine voll funktionsfähige Förderbank zu schaffen, von der aus zentral Regierungsprogramme und internationale Geber koordiniert werden.
Die KfW unterstützt diesen Prozess fortlaufend durch technische Hilfe, Beratung und die Vorbereitungen für die Säulenüberprüfungen der Europäischen Union. Auf der Ukraine Recovery Conference 2026 in Danzig wurde ein darauf bezogenes Zuschussvorhaben mit Mitteln des Bundesfinanzministeriums unterzeichnet.
Das Modell der KfW beruht auf vier Grundprinzipien, die auch für das Design des Nationalen Förderinstituts von zentraler Bedeutung sind.
Erstens ein klares und festes gesetzliches Mandat, das institutionelle Kontinuität und Eigenständigkeit garantiert. Zweitens eine starke Eigenkapitalposition, die langfristige finanzielle Stabilität gewährleistet. Drittens die professionelle Führung mit einer Aufsichtsstruktur, deren Unabhängigkeit gewahrt ist. Viertens schließlich ein Bekenntnis zu langfristiger Nachhaltigkeit, einschließlich der strikten Einhaltung von Umwelt-, Sozial-, und Führungsstandards.
Zusammen betrachtet erlauben es diese Prinzipien der KfW, sowohl als Krisenreaktionsinstrument, als auch als langfristiger Wachstumsmotor zu wirken. Das Nationale Förderinstitut wird entlang derselben Grundsätze entwickelt.
Institutionelle Unabhängigkeit im Fördergeschäft bedeutet keine Trennung vom Staat. Sowohl die KfW als auch das Nationale Förderinstitut befinden sich im Staatsbesitz und verfügen über Mandate, die auf den Leitlinien der Regierungen beruhen.
Der Staat setzt die strategischen Prioritäten, während die Institute über eine gewisse Unabhängigkeit im Design und in der Umsetzung der Finanzinstrumente verfügen.
Aufgrund der Erfahrungen der KfW wissen wir, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Staat und einem Förderinstitut gut funktioniert, wenn sie wechselseitig ausgerichtet ist – die Regierung legt die Leitlinien fest, das Institut entwirft dann spezifische Programme. Dabei nutzt es die Analysen seiner Volkswirte und von Wirtschaftsverbänden, mit denen es im Austausch steht. Die Übertragung der Ausgestaltung von Unterstützungsprogrammen an das Nationale Förderinstitut wird zu einer effizienten Arbeitsteilung führen, und die Ministerien mittels des Einsatzes von hochspezialisierten Experten entlasten.
Dieses Gleichgewicht wird durch verschiedene Mechanismen aufrechterhalten, u.a. durch einen klaren legislativen Rahmen, der die operative Unabhängigkeit gewährleistet, einen Aufsichtsrat mit einer Mehrheit von unabhängigen Mitgliedern, und einer klaren Trennung zwischen politischen Entscheidungen und ihrer Implementierung.
Eine solche Struktur ist essenziell für Stabilität, insbesondere in Ländern, die gerade eine politische oder wirtschaftliche Transition durchlaufen.
Da wir gerade vom Dialog mit der ukrainischen Regierung sprechen, möchte ich eines nicht unerwähnt lassen: alle jüngst erreichten Zwischenziele, von der Umsetzung der Vision 2.0 zur Verkündung der Strategie 2030 des Nationalen Förderinstituts, wurden in enger Kooperation mit den aktuellen Amtsinhabern im Finanzministerium und dem Wirtschaftsministerium erreicht. Wir freuen uns darauf, diese dynamische Partnerschaft fortzusetzen. Unser nächstes größeres Ziel ist es, dem Nationalen Förderinstitut dabei zu helfen, die Säulenüberprüfungen der EU zu bestehen.
„Die Kooperation mit der KfW ist wichtig für die Ukraine, da sie die Regierung dabei unterstützt, die Finanzstabilität zu bewahren, die Basisversorgung zu sichern, und Schlüsselreformen voranzutreiben. Dies trotz der Herausforderungen, die durch die Invasion des Aggressors hervorgerufen wurden. Gemeinsam fokussieren wir auf die Stärkung und den Schutz der Energieversorgung, der Wiedererrichtung städtischer und sozialer Infrastruktur, dem Wohnungsbau für Binnenflüchtlinge, und der Modernisierung der betrieblichen Ausbildung und von medizinischen Einrichtungen. Eine besondere Priorität hat die Unterstützung von KMMU durch Zuschüsse und Darlehen, die ukrainischen Unternehmern in befreiten oder Frontgebieten die Ressourcen geben, den Betrieb aufrecht zu erhalten und Arbeitsplätze zu sichern. Das Nationale Förderinstitut ist ein klares Beispiel dafür, was diese Zusammenarbeit ermöglicht. Das Finanzministerium schätzt diese Partnerschaft hoch und freut sich darauf, die Kooperation weiter auf Bereiche auszuweiten, die essenziell für den Wiederaufbau, die Modernisierung und die Integration der Ukraine in die Europäische Union sind."
Die EU-Säulenüberprüfungen sind eine umfassende Evaluierung der internen Systeme einer Institution, einschließlich für Führung, Finanzmanagement, Rechnungslegung, den Kontrollmechanismen, dem Zuschussmanagement und der Vergaberichtlinien.
Das Bestehen dieser Überprüfungen ist die Voraussetzung für die direkte Verwaltung von EU-Mitteln.
Für die Ukraine ist dieser Schritt besonders bedeutsam, weil es das Nationale Förderinstitut zur ersten inländischen Bank machen würde, die ohne Intermediäre in der Lage wäre, EU-Mittel zu erhalten und zu verwalten.
Die KfW hat diese Überprüfung selbst durchlaufen und spielt deshalb eine Rolle bei der Durchleitung von EU-Mitteln an die Ukraine.
Es gibt noch einen klaren Nutzen für die Reputation des Nationalen Förderinstituts – eine erfolgreiche Akkreditierung bei der Europäischen Union signalisiert in- und ausländischen Investoren, dass das Nationale Förderinstitut ein zuverlässiger Anleiheemittent ist.
Derzeit werden EU-Mittel für die Ukraine überwiegend durch internationale Finanzinstitute durchgeleitet, die bereits die EU-Standards erfüllen.
Direkter Zugang ermöglicht die direkte Überweisung von EU-Mitteln über das Nationale Förderinstitut in den ukrainischen Finanzsektor.
Das würde die Programmumsetzung erleichtern, administrative Hürden und damit verbundene operative Kosten verringern, und die Bearbeitungsgeschwindigkeit und das Volumen von Mitteln sowohl für KMU als auch für Wiederaufbauprojekte deutlich erhöhen.
Die wichtigste Herausforderung ist es, das Tempo bei gleichzeitig laufender Reform des Instituts beizubehalten.
Während ähnliche Förderinstitute in Europa oftmals mehrere Jahre benötigen, um die Säulenüberprüfungen der EU zu bestehen, versucht die Ukraine dies unter Kriegsbedingungen mit einem sehr viel höheren Tempo.
Dies macht parallele Verbesserungen in den Führungs- und Rechnungslegungssystemen, der IT-Infrastruktur und dem Risikomanagement notwendig.
Glücklicherweise ist das Management des Nationalen Förderinstituts durch vorhergehende Transformationsprojekte gut vorbereitet, während die Risiken in Bezug auf das Humankapital bereits in der Strategie 2030 des Nationalen Förderinstituts antizipiert wurden. Auch fokussiert das technische Beratungsprojekt, das wir finanzieren und helfen umzusetzen, stark auf die Vorbereitung.
Allerdings sieht der Prozess nicht eine singuläre Prüfung vor, sondern vielmehr einen iterativen Verlauf. Wenn die Überprüfungen nicht beim ersten Versuch erfolgreich bestanden wurden, erhält das Institut Rückmeldung und setzt den Prozess fort.
Allein das Durchlaufen des Prozesses selbst ist wertvoll, weil es die Entwicklung des Instituts beschleunigt und das öffentliche Finanzsystem stärkt.
Die KfW ist seit mehr als 25 Jahren in der Ukraine engagiert, und zwei Rückschlüsse können insbesondere aus der Zusammenarbeit gezogen werden.
In den 1990ern half technische Beratung ukrainischen Banken dabei, moderne KMU-Finanzierungsfähigkeiten aufzubauen. Nach 2014 fokussierte die Kooperation zunehmend auf Risikomitigierung, die Unterstützung von Unternehmen in Regionen nahe der Front, Binnenflüchtlinge, Energieeffizienz und die allgemeine Modernisierung.
Nach Beginn des Angriffskriegs im Februar 2022 sind die Erfahrungen aus diesen Vorhaben von übergeordneter Bedeutung für das Design von Finanzinstrumenten, die auch unter Kriegsbedingungen funktionieren.
Im Verlauf der nächsten zwei Jahre wird die KfW weiter über das Nationale Förderinstitut substanzielle Mittel bereitstellen, um ukrainische KMU zu unterstützen.
Eine größere neue Initiative ist das Industrial Ramstein Program, das gemeinsam vom ukrainischen Wirtschaftsministerium und dem deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung aufgesetzt wurde. Es stellt initial 30 Mio. EUR als Anschubfinanzierung für die industrielle Modernisierung bereit.
Es wird erwartet, dass das Programm unter Beteiligung der Europäischen Union und anderen internationalen Partnern ausgeweitet wird. Es hat zum Ziel, die ukrainische Industrie tiefer in europäische Wertschöpfungsketten zu integrieren, und die langfristige wirtschaftliche Erholung zu unterstützen.
Wenn Sie der ukrainischen Seite eine Empfehlung geben könnten, um den Erfolg des Nationalen Förderinstituts zu gewährleisten, was wäre dies?
Unsere Kooperation mit der ukrainischen Seite ist unglaublich bereichernd und weiter vielversprechend. Wir teilen eine geeinte Vision und haben einen starken Aktionsplan und vor allem Vertrauen aufgebaut.
Wenn ich nur eine wichtige Empfehlung geben dürfte, so wäre dies folgende: man sollte sich stark auf die Entwicklung des Nationalen Förderinstituts fokussieren.
Es sollte als lebenswichtiger strategischer Partner des Staates gesehen werden. Dabei sollte sichergestellt werden, dass es ausreichend Ressourcen erhält, insbesondere von der ukrainischen Regierung selbst, um eine hinreichende Eigenkapitalbasis aufzubauen. Nebenbei gesagt sind wir mehr als erfreut darüber, dass die ukrainische Regierung 2026 eine Kapitalinjektion in Höhe von 140 Mio. EUR in das Nationale Förderinstitut plant, die von einem KfW-Darlehen flankiert und einer Garantie der Europäischen Union unterstützt wird.
Förderbanken sind unglaublich machtvolle Instrumente, benötigen aber wie alle stark komplexen Systeme ein langfristiges Bekenntnis und die richtige Anwendung. Nur dann kann das Nationale Förderinstitut sein Potential zur Beschleunigung des Wiederaufbaus und des Wachstums der ukrainischen Wirtschaft voll ausschöpfen.
Letztendlich bedingt ein gewisser institutioneller Entwicklungsstand wirtschaftlichen Wohlstand, nicht andersherum.
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