Interview mit Scott Morris

„Erneuerbare Energien sind eine wirtschaftliche Entscheidung“

Scott Morris, Vizepräsident der Asiatischen Entwicklungsbank, spricht im Interview mit Friederike Bauer über den Energiebedarf von Entwicklungsländern, die Nachhaltigkeitsagenda und warum pragmatische Lösungen der beste Weg nach vorn sind.

Ein Bild von Scott Morris
Scott Morris ist seit 2023 Vizepräsident der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB). Zuvor bekleidete er verschiedene Positionen in der US-Regierung, in Think Tanks sowie in der Forschung. Unter anderem war er als Deputy Assistant Secretary im US-Finanzministerium tätig und arbeitete als Senior Fellow am Center for Global Development in Washington. Morris hat internationale Ökonomie studiert und lebt derzeit in Manila.

Politische Prioritäten scheinen sich heutzutage schnell zu ändern. Wie wichtig ist das Klimathema für eine Entwicklungsbank wie die ADB noch?

Die Klimafinanzierung bleibt ein zentraler Bestandteil unserer Strategie für 2030. Das wurde im vergangenen Jahr erneut bestätigt.

Nachhaltigkeitsthemen sind also nicht vom Tisch?

Wir haben eine Klimaschutzagenda nicht deshalb, weil darüber in weit entfernten Konferenzsälen diskutiert wird, sondern weil unsere Entwicklungsländer-Mitglieder dies fordern. Sie erwarten von uns Unterstützung auf ihrem Weg, resilienter zu werden. Denn für sie ist der Klimawandel kein zukünftiges oder entferntes Problem, sondern asiatische Länder sind damit in Echtzeit konfrontiert. Erst kürzlich hat ein weiterer Taifun die Philippinen getroffen. Der Flughafen von Hongkong, ein riesiger internationaler Flughafen, musste eine außergewöhnliche Maßnahme ergreifen und für 36 Stunden schließen. Solche Wetterereignisse und ihre verheerenden Folgen sind in diesem Teil der Welt Realität. Daher konzentrieren sich die Gespräche mit unseren Regierungen stark auf die Art von Investitionen, die sie tätigen müssen, um ihre Bevölkerungen und Infrastruktur zu schützen.

Das sind Anpassungsmaßnahmen. Verfolgen Sie auch eine Strategie zur Minderung von Emissionen?

Absolut. Unsere Mitgliedsländer haben einen enormen und stetig wachsenden Energiebedarf. Fortgeschrittenere Länder beschäftigen sich mit ihrer Energiewende und arbeiten an ihrem Energiemix. Die Dynamik ist etwas anders, wenn man mit einem Indonesier, einem Filipino oder einem kleinen pazifischen Inselstaat spricht: Sie versuchen, ihre Energieversorgung wirtschaftlich und nachhaltig zu gestalten. Der Kontext ist also ein anderer; hier geht es weniger um den Energiemix, sondern vielmehr um die Versorgung.

Setzen sie auf erneuerbare Energien, um dieses Ziel zu erreichen?

Wir beobachten in allen unseren Ländern eine starke Nachfrage nach Investitionen in erneuerbare Energien. Der Fokus liegt dabei auf langfristiger Zuverlässigkeit und Bezahlbarkeit. Häufig stellen erneuerbare Energien die beste Lösung dar. Nehmen wir das Beispiel Nauru, eine kleine Insel im Pazifik. Die dortige Regierung setzt auf Solargenergie, nicht, weil sie sich davon Emissions­reduzierungen verspricht, sondern weil sie die beste Energieoption ist. Nauru investiert derzeit in Solarenergie mit Unterstützung der ADB. Nach Umsetzung des Projekts deckt das Land nahezu die Hälfte seines Energiebedarfs mit Solarenergie ab. Das ist für das Land die wirtschaftlichste Variante, weil sie die Abhängigkeit Naurus von teuren Dieselimporten vermindert und die Anfälligkeit gegenüber Wechselkursschwankungen deutlich reduziert.

Scott Morris beim Besuch eines Solarparks
Scott Morris besucht das von der ABD unterstützte Solarenergieprojekt in Nauru. Das Projekt steht für eine wirtschaftlich sinnvolle und langfristig zuverlässige Lösung im Bereich erneuerbarer Energien.

Also ist das eine rationale und keine ideologische Entscheidung?

Genau. Erneuerbare Energien sind eine wirtschaftliche Entscheidung.

Aber investieren asiatische Länder nicht auch in fossile Energielösungen?

Fossile Brennstoffe dominieren in dieser Region nach wie vor. Gleichzeitig investieren die Länder in einem weltweit beispiellosen Tempo in erneuerbare Energien. Sie sind nicht an ideologischen Debatten interessiert; erneuerbare Energien gelten als selbstverständlich und werden dann gewählt, wenn sie – wie bereits erwähnt – wirtschaftlich rentabel, bezahlbar und zuverlässig sind. Die größere Herausforderung liegt vielmehr im Zustand der Stromnetze, wie diese weiterentwickelt werden könnten, und wie die politischen Rahmenbedingungen für die notwendigen Investitionen aussehen.

Ist Klimaneutralität bis 2050 angesichts der Komplexität des Themas noch ein realistisches Ziel?

Bei der ADB verbringen wir nicht viel Zeit damit, diese Frage zu beantworten. Wir konzentrieren uns vielmehr auf die Grundlagen, die zu einem solchen Ergebnis führen. Ob das realistisch ist oder nicht, ist für uns nicht ausschlaggebend. Wir konzentrieren uns darauf, was unsere Länder auf dem Weg zu ihren Zielen voranbringt.

Betrachten Sie die ADB als „Grüne Bank“? Ist das eine Bezeichnung, die Sie für sich selbst verwenden?

Unsere Investitionen im Umweltbereich sind unbestritten umfangreich. Unsere Zusagen im Bereich Klima sind klar und ambitioniert. Letztes Jahr beschloss die ADB, dass die Klimafinanzierung bis 2030 50 % der gesamten jährlichen Zusagen ausmachen soll. Das entspräche einer kumulierten Klimafinanzierung von über 100 Mrd. US-Dollar aus eigenen Mitteln im Zeitraum von 2019 bis 2030. Bis dahin wollen wir außerdem sicherstellen, dass 75 % unserer Aktivitäten der Eindämmung des Klimawandels und/oder der Anpassung an dessen Folgen dienen. Diese Zahlen sprechen für sich und unterstreichen die Richtung, in die sich die ADB bewegt.

Bild des Tubbataha-Riffs
Mit ambitionierten Zielen und umfangreicher Klimafinanzierung unterstützt die ADB Länder dabei, ihre Verpflichtungen zum Schutz von Klima und Natur zu erfüllen.

Könnten Sie mir ein Beispiel für Ihr grünes Engagement nennen?

Eines unserer größten Projekte befindet sich derzeit hier auf den Philippinen. Wir stellen der Regierung einen Kredit in Höhe von 1,4 Mrd. US-Dollar für das sogenannte Malolos-Clark-Eisenbahnprojekt zur Verfügung. Es handelt sich um einen rund 53 Kilometer langen Abschnitt eines Eisenbahnnetzes, der den Pendlerverkehr bedient und zum internationalen Flughafen Clark führt. Nach der Fertigstellung wird ein nachhaltiges Massenverkehrssystem entstanden sein, das weitere Investitionen nach sich zieht, Arbeitsplätze schafft und zum Wirtschaftswachstum beiträgt. Genau diese Art von Infrastruktur fördern wir, da sie unsere Mitgliedstaaten bei der Erreichung ihrer Entwicklungsziele unterstützt und gleichzeitig klimafreundlich ist.

Apropos Wirtschaft. Wie wichtig sind Kooperationen mit der Privatwirtschaft für die ADB?

Sie sind von entscheidender Bedeutung, denn wir alle wissen, dass Entwicklung die Beteiligung des Privatsektors erfordert. Darüber hinaus sind private Unternehmen sehr wichtige Umsetzungspartner für uns. Daher bemühen wir uns, Unternehmen weltweit darauf aufmerksam zu machen, dass sie vielfältige Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit der ADB haben.

Gilt das auch für deutsche Firmen?

Auf jeden Fall. Wir suchen aktiv den Kontakt zur Privatwirtschaft, auch in Deutschland. Unternehmen haben viel zu bieten, beispielsweise in den Bereichen Innovation, neue Technologien und Best Practices. Dadurch können wir die Qualität unserer Projekte verbessern und unsere Entwicklungsländer-­Mitglieder mit Ansätzen vertraut machen, die ihnen sonst nicht zugänglich wären. Wir sind daher sehr an einer Zusammenarbeit mit Unternehmen, auch aus Deutschland, interessiert. Es ist unsere Aufgabe, unsere Arbeitsweise besser zu erklären, als das in der Vergangenheit der Fall war. Dazu gehören auch unsere Regeln und Vorschriften, damit Unternehmen sich um Ausschreibungen bei unseren Projekte bewerben können. Eine Institution wie unsere kann für sie ein Sprungbrett in die Region sein.

Auf Ihrer Website betonen Sie die Bedeutung von Partnerschaften. An wen denken Sie hier?

Unser Partnerschaftsmodell ist sehr weit gefasst. Wir stehen in ständigem Kontakt mit unseren Kunden. Das ist unsere wichtigste Beziehung, denn hier wird unsere Arbeit umgesetzt. Darüber hinaus kooperieren wir mit europäischen Ländern, den USA sowie Staaten in Asien und im Pazifikraum, die keine Entwicklungsländer sind, wie beispielsweise Japan, Australien, Korea und Singapur. Diese Partnerschaften sind für uns von großer Bedeutung, da sie zusätzliche Finanzmittel, Expertise und Kapazitäten mit sich bringen. Dazu gehören auch Institutionen wie die KfW.

Das gegenwärtige geopolitische Umfeld wirkt nicht immer freundlich und partnerschaftlich. Tatsächlich stehen multilaterale Institutionen unter erheblichem Druck. Wie ist die Situation bei der ADB im 60. Jahr ihres Bestehens?

Es ist ein herausforderndes globales Umfeld – daran besteht kein Zweifel. Wir befinden uns bisher auf einem Wachstumskurs und stehen in keinerlei Konflikt mit unseren Anteilseignern. Zu ihnen zählen als die größten: Japan, die USA, China und Indien. Keiner von ihnen versucht, uns von unserem Kurs abzubringen. Es gibt zwar immer wieder unterschiedliche Ansichten zu einzelnen Aspekten unserer Agenda, doch bei den grundlegenden Fragen erhalten wir Unterstützung.

Heißt das, Sie fühlen sich privilegiert im Vergleich zu anderen multilateralen Institutionen momentan?

Wir fühlen uns privilegiert und in unserer Arbeit bestätigt.

Sie sind US-Amerikaner. Was hat Sie nach Manila und zur ADB geführt?

Ich habe den Großteil meines Berufslebens mit multilateralen Entwicklungsbanken zusammen­gearbeitet. Ich habe sie alle im Laufe der Jahre recht gut kennengelernt, und die ADB sticht besonders hervor. Ich habe ihre Arbeit, ihre Effizienz und ihre Agilität immer sehr geschätzt. Die Bank ist eine vergleichsweise kleine Institution, die dennoch viel bewirkt. Außerdem ist sie in einer äußerst dynamischen Weltregion angesiedelt. All diese Aspekte haben mich angesprochen und dazu bewogen, zur ADB zu gehen.