Interview mit Scott Morris
„Erneuerbare Energien sind eine wirtschaftliche Entscheidung“Scott Morris, Vizepräsident der Asiatischen Entwicklungsbank, spricht im Interview mit Friederike Bauer über den Energiebedarf von Entwicklungsländern, die Nachhaltigkeitsagenda und warum pragmatische Lösungen der beste Weg nach vorn sind.
Die Klimafinanzierung bleibt ein zentraler Bestandteil unserer Strategie für 2030. Das wurde im vergangenen Jahr erneut bestätigt.
Wir haben eine Klimaschutzagenda nicht deshalb, weil darüber in weit entfernten Konferenzsälen diskutiert wird, sondern weil unsere Entwicklungsländer-Mitglieder dies fordern. Sie erwarten von uns Unterstützung auf ihrem Weg, resilienter zu werden. Denn für sie ist der Klimawandel kein zukünftiges oder entferntes Problem, sondern asiatische Länder sind damit in Echtzeit konfrontiert. Erst kürzlich hat ein weiterer Taifun die Philippinen getroffen. Der Flughafen von Hongkong, ein riesiger internationaler Flughafen, musste eine außergewöhnliche Maßnahme ergreifen und für 36 Stunden schließen. Solche Wetterereignisse und ihre verheerenden Folgen sind in diesem Teil der Welt Realität. Daher konzentrieren sich die Gespräche mit unseren Regierungen stark auf die Art von Investitionen, die sie tätigen müssen, um ihre Bevölkerungen und Infrastruktur zu schützen.
Absolut. Unsere Mitgliedsländer haben einen enormen und stetig wachsenden Energiebedarf. Fortgeschrittenere Länder beschäftigen sich mit ihrer Energiewende und arbeiten an ihrem Energiemix. Die Dynamik ist etwas anders, wenn man mit einem Indonesier, einem Filipino oder einem kleinen pazifischen Inselstaat spricht: Sie versuchen, ihre Energieversorgung wirtschaftlich und nachhaltig zu gestalten. Der Kontext ist also ein anderer; hier geht es weniger um den Energiemix, sondern vielmehr um die Versorgung.
Wir beobachten in allen unseren Ländern eine starke Nachfrage nach Investitionen in erneuerbare Energien. Der Fokus liegt dabei auf langfristiger Zuverlässigkeit und Bezahlbarkeit. Häufig stellen erneuerbare Energien die beste Lösung dar. Nehmen wir das Beispiel Nauru, eine kleine Insel im Pazifik. Die dortige Regierung setzt auf Solargenergie, nicht, weil sie sich davon Emissionsreduzierungen verspricht, sondern weil sie die beste Energieoption ist. Nauru investiert derzeit in Solarenergie mit Unterstützung der ADB. Nach Umsetzung des Projekts deckt das Land nahezu die Hälfte seines Energiebedarfs mit Solarenergie ab. Das ist für das Land die wirtschaftlichste Variante, weil sie die Abhängigkeit Naurus von teuren Dieselimporten vermindert und die Anfälligkeit gegenüber Wechselkursschwankungen deutlich reduziert.
Genau. Erneuerbare Energien sind eine wirtschaftliche Entscheidung.
Fossile Brennstoffe dominieren in dieser Region nach wie vor. Gleichzeitig investieren die Länder in einem weltweit beispiellosen Tempo in erneuerbare Energien. Sie sind nicht an ideologischen Debatten interessiert; erneuerbare Energien gelten als selbstverständlich und werden dann gewählt, wenn sie – wie bereits erwähnt – wirtschaftlich rentabel, bezahlbar und zuverlässig sind. Die größere Herausforderung liegt vielmehr im Zustand der Stromnetze, wie diese weiterentwickelt werden könnten, und wie die politischen Rahmenbedingungen für die notwendigen Investitionen aussehen.
Bei der ADB verbringen wir nicht viel Zeit damit, diese Frage zu beantworten. Wir konzentrieren uns vielmehr auf die Grundlagen, die zu einem solchen Ergebnis führen. Ob das realistisch ist oder nicht, ist für uns nicht ausschlaggebend. Wir konzentrieren uns darauf, was unsere Länder auf dem Weg zu ihren Zielen voranbringt.
Unsere Investitionen im Umweltbereich sind unbestritten umfangreich. Unsere Zusagen im Bereich Klima sind klar und ambitioniert. Letztes Jahr beschloss die ADB, dass die Klimafinanzierung bis 2030 50 % der gesamten jährlichen Zusagen ausmachen soll. Das entspräche einer kumulierten Klimafinanzierung von über 100 Mrd. US-Dollar aus eigenen Mitteln im Zeitraum von 2019 bis 2030. Bis dahin wollen wir außerdem sicherstellen, dass 75 % unserer Aktivitäten der Eindämmung des Klimawandels und/oder der Anpassung an dessen Folgen dienen. Diese Zahlen sprechen für sich und unterstreichen die Richtung, in die sich die ADB bewegt.
Eines unserer größten Projekte befindet sich derzeit hier auf den Philippinen. Wir stellen der Regierung einen Kredit in Höhe von 1,4 Mrd. US-Dollar für das sogenannte Malolos-Clark-Eisenbahnprojekt zur Verfügung. Es handelt sich um einen rund 53 Kilometer langen Abschnitt eines Eisenbahnnetzes, der den Pendlerverkehr bedient und zum internationalen Flughafen Clark führt. Nach der Fertigstellung wird ein nachhaltiges Massenverkehrssystem entstanden sein, das weitere Investitionen nach sich zieht, Arbeitsplätze schafft und zum Wirtschaftswachstum beiträgt. Genau diese Art von Infrastruktur fördern wir, da sie unsere Mitgliedstaaten bei der Erreichung ihrer Entwicklungsziele unterstützt und gleichzeitig klimafreundlich ist.
Sie sind von entscheidender Bedeutung, denn wir alle wissen, dass Entwicklung die Beteiligung des Privatsektors erfordert. Darüber hinaus sind private Unternehmen sehr wichtige Umsetzungspartner für uns. Daher bemühen wir uns, Unternehmen weltweit darauf aufmerksam zu machen, dass sie vielfältige Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit der ADB haben.
Auf jeden Fall. Wir suchen aktiv den Kontakt zur Privatwirtschaft, auch in Deutschland. Unternehmen haben viel zu bieten, beispielsweise in den Bereichen Innovation, neue Technologien und Best Practices. Dadurch können wir die Qualität unserer Projekte verbessern und unsere Entwicklungsländer-Mitglieder mit Ansätzen vertraut machen, die ihnen sonst nicht zugänglich wären. Wir sind daher sehr an einer Zusammenarbeit mit Unternehmen, auch aus Deutschland, interessiert. Es ist unsere Aufgabe, unsere Arbeitsweise besser zu erklären, als das in der Vergangenheit der Fall war. Dazu gehören auch unsere Regeln und Vorschriften, damit Unternehmen sich um Ausschreibungen bei unseren Projekte bewerben können. Eine Institution wie unsere kann für sie ein Sprungbrett in die Region sein.
Unser Partnerschaftsmodell ist sehr weit gefasst. Wir stehen in ständigem Kontakt mit unseren Kunden. Das ist unsere wichtigste Beziehung, denn hier wird unsere Arbeit umgesetzt. Darüber hinaus kooperieren wir mit europäischen Ländern, den USA sowie Staaten in Asien und im Pazifikraum, die keine Entwicklungsländer sind, wie beispielsweise Japan, Australien, Korea und Singapur. Diese Partnerschaften sind für uns von großer Bedeutung, da sie zusätzliche Finanzmittel, Expertise und Kapazitäten mit sich bringen. Dazu gehören auch Institutionen wie die KfW.
Es ist ein herausforderndes globales Umfeld – daran besteht kein Zweifel. Wir befinden uns bisher auf einem Wachstumskurs und stehen in keinerlei Konflikt mit unseren Anteilseignern. Zu ihnen zählen als die größten: Japan, die USA, China und Indien. Keiner von ihnen versucht, uns von unserem Kurs abzubringen. Es gibt zwar immer wieder unterschiedliche Ansichten zu einzelnen Aspekten unserer Agenda, doch bei den grundlegenden Fragen erhalten wir Unterstützung.
Wir fühlen uns privilegiert und in unserer Arbeit bestätigt.
Ich habe den Großteil meines Berufslebens mit multilateralen Entwicklungsbanken zusammengearbeitet. Ich habe sie alle im Laufe der Jahre recht gut kennengelernt, und die ADB sticht besonders hervor. Ich habe ihre Arbeit, ihre Effizienz und ihre Agilität immer sehr geschätzt. Die Bank ist eine vergleichsweise kleine Institution, die dennoch viel bewirkt. Außerdem ist sie in einer äußerst dynamischen Weltregion angesiedelt. All diese Aspekte haben mich angesprochen und dazu bewogen, zur ADB zu gehen.
Seite teilen
Um die Inhalte dieser Seite mit Ihrem Netzwerk zu teilen, klicken Sie auf eines der unten aufgeführten Icons.
Hinweis zum Datenschutz: Beim Teilen der Inhalte werden Ihre persönlichen Daten an das ausgewählte Netzwerk übertragen.
Datenschutzhinweise
Alternativ können Sie auch den Kurz-Link kopieren: https://www.kfw-entwicklungsbank.de/s/dezB8ux_
Link kopieren Link kopiert