Meldung vom 19.03.2026 / KfW Entwicklungsbank

Fragen Weltwassertag 2026 – Wassersektor in Syrien

Dr. Hanan Fawaz und Prof. Dr. Stefan Gramel
Dr. Hanan Fawaz und Dr. Stefan Gramel

Die KfW Entwicklungsbank ist im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) seit Jahrzenten weltweit im Wassersektor tätig. Die Region Nahost steht dabei in besonderer Weise für die komplexen Zusammenhänge zwischen dem Wassersektor und unterschiedlichen Herausforderungen: Wasserarmut, Klimawandel, Verstädterung, Bevölkerungswachstum, hohe Zahlen von Geflüchteten – und den zahlreichen Krisen in beinahe allen Ländern.

Dr. Hanan Fawaz ist Umweltingenieurin und Portfoliomanagerin, Prof. Dr. Stefan Gramel ist Ingenieur für Wasserwirtschaft und berät als solcher in Wasserprojekten in der Nahostregion.

Nach 14 Jahren Krieg und jetzt etwa eineinhalb Jahren nach dem Sturz Assads – wie ist der Zustand der Infrastruktur im Land, insbesondere im Wassersektor?

Dr. Hanan Fawaz: Die öffentliche Infrastruktur ist stark zerstört – und das betrifft alle Basisdienstleistungen. Die syrische Regierung ist bemüht, den Wiederaufbau einzuleiten und nachhaltig zu gestalten. Das BMZ hilft ihr dabei, vor allem auch über uns. Das KfW-Portfolio ist im Jahr 2025 substanziell gewachsen. Das BMZ hat über uns 118,5 Mio. Euro für die Rehabilitierung von Krankenhäusern, Wasserinfrastruktur, Straßen und Schulen bereitgestellt.

Dr. Stefan Gramel: Ein großer Teil der syrischen Bevölkerung hat pro Person weniger als 25 l Trinkwasser täglich zur Verfügung. Zum Vergleich: in Deutschland sind es ca. 120 l, in den USA sogar mehr als 300 l. Viele Menschen sind von teuren Wasserlieferungen per LKW abhängig. Auch die Abwasserentsorgung ist defizitär: Viele Kanalnetze, Pumpstationen sind noch defekt; Kläranlagen funktionieren nicht oder nur rudimentär. Daraus ergeben sich erhebliche gesundheitliche Risiken. 2022 erkrankten 50.000 Menschen an Cholera. Durchfallerkrankungen gefährden besonders Babys und Kleinkinder. Sie werden häufig unterschätzt: Sie sind die wichtigste Ursache dafür, dass – nach Angaben der WHO – weltweit täglich ca.1.000 Kinder unter 5 Jahren sterben.

Kinder und Erwachsene füllen Wasser in Kanister
Dank der KfW-Unterstützung erhalten vulnerable Gemeinden in Hasakeh wieder Wasser aus dem Netz - statt aus Kanistern

Sie sind schon im Land unterwegs gewesen - welche sind in Ihren Augen die größten Herausforderungen?

HF: Der finanzielle Bedarf ist riesig. Nach dem Sturz Assads ging es für die Regierung erst einmal einen Überblick über die Zerstörungen zu gewinnen, aber auch über das Engagement anderer Geber. Die deutsche EZ ist im Wassersektor führend, die Golfstaaten und die Weltbank engagieren sich überwiegend im Energiesektor.

SG: Auch personell gibt es große Herausforderungen. Die Managementebene im Energie- und Wasserministerium wurde ausgetauscht und sehr viele Fachkräfte, die das Land verlassen hatten, warten auf stabilere Verhältnisse, bevor sie über eine Rückkehr nachdenken.

Während des Krieges war Finanzielle Zusammenarbeit nur mit UN-Organisationen, NRO und dem KfW-verwalteten Syria Recovery Trust Fund (SRTF) möglich. Hat sich seit dem Regierungswechsel da etwas geändert? Gibt es wieder eine Zusammenarbeit mit etwa den staatlichen Wasserbehörden?

HF: Die Bundesregierung hat wieder bilaterale Mittel für den Wiederaufbau der öffentlichen Infrastruktur zugesagt, mit einem Fokus auf Wasser und – temporär - Gesundheit. Diese Projekte werden in einer Übergangsphase jedoch weiterhin über unsere UN-Partner UNICEF und UNDP umgesetzt. Wir planen aktuell den Einsatz von Consultants, die die Kapazitätsbedarfe in den Partnerministerien hinsichtlich der Vergabe und Überwachung von Infrastrukturprojekten wie unseren ausloten. Dabei sollen auch Potenziale für die deutsche Wirtschaft identifiziert werden.

SG: In unserem neuen bilateralen UNICEF-Vorhaben geht es konkret um strategisch wichtige Infrastruktur (z. B. Pumpstationen, Trinkwasseraufbereitungen), die bestimmend ist für die Stabilität der Wasserversorgung. Ca. 1,8 Mio. Menschen werden davon profitieren. Dazu gehören 1,5 Millionen Menschen, die bislang mit < 25 l pro Tag auskommen müssen und 1Million Menschen, die abhängig sind von teuren und unsicheren Lieferungen per LKW. Dabei ist uns wichtig, dass weiterhin der „Whole of Syria-‚Ansatz“ zur Anwendung kommt – Maßnahmen also in allen Regionen Syriens durchgeführt werden. So wird jetzt eine Maßnahme in einer mehrheitlich von Drusen bewohnten Region als eine der ersten aus der neuen Finanzierung umgesetzt.

Spielt in Zeiten zerstörter Klärwerke und Wasserleitungen das Thema Klimaanpassung eine Rolle? Was in den Nachbarländern der Region ja der Fall ist….

SG: Unbedingt. Klimawandel und Wasserknappheit sind ganz wichtige Themen. Im sehr trockenen Jahr 2025 fielen nur ca. 60 % der Niederschläge im Vergleich zum langjährigen Mittelwert. Besonders zentral ist da die Wasserversorgung über Quellen: Beispielsweise ist die Fijeh-Quelle die wichtigste Ressource für die Wasserversorgung des Großraums Damaskus; sie lieferte 2025 nur 2 m³/s im Vergleich mit dem langjährigen Mittelwert von 7 m³/s. Mit dem aktuellen Vorhaben werden wir die Versorgung mit Brunnen stabilisieren und die Wasserressourcen in der Region Damaskus genauer untersuchen. Denkbar sind in einer nächsten Phase auch kleine Entsalzungsanlagen für schwach salzhaltiges Grundwasser, solche Vorhaben laufen bereits in Jordanien.

In Israel und in Golfstaaten wird ein beträchtlicher Teil des Wasserbedarfs über Meerwasseraufbereitungsanlagen gedeckt – ist das auch für Syrien eine Option?

HF: Meerwasseraufbereitung ist aufwändig und teuer. Aber Saudi-Arabien hat den Bau einer Anlage am Mittelmeer – u. a. zur Stabilisierung der Versorgung im Großraum Damaskus – zugesagt. Die Planung und der Bau ist ebenfalls sehr zeitintensiv – das wird sicherlich noch sechs oder sieben Jahre dauern. Und da ist die unsichere politische Entwicklung in der Region noch nicht mitgedacht. Unser Fokus ist aktuell, Menschen in sehr prekären Versorgungssituationen so schnell wie möglich Hilfe zukommen zu lassen.

Ein KfW-Büro in Damaskus ist in Planung – wie sieht die Zusammenarbeit mit Partnern aus? Wie werden Reisen von Frankfurter KollegInnen vorbereitet / begleitet?

HF: Vereinzelt waren wir in den vergangenen Monaten im Land unterwegs und konnten persönliche Gespräche vor Ort führen. Von Frankfurt aus ist eine direkte Abstimmung mit den lokalen Behörden im Moment schwierig. Das wird sich mit unserem Büro in Damaskus ändern.