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„Afrikas Zukunft ist elektrisch“

Meldung vom 10.05.2019 / KfW Entwicklungsbank

Michaella Rugwizangoga leitet das VW-Werk „Mobility Solutions“ in Ruanda, das der Fahrzeughersteller dort im vergangenen Jahr eröffnet hat. Sie ist studierte Chemie-Ingenieurin und hat einen Teil ihrer akademischen Ausbildung in Deutschland absolviert. Bei einem internationalen Kongress der KfW in Frankfurt sprach sie vor kurzem über ihre Mobilitätsvision für Afrika.

VW eröffnete 2018 ein Werk in Ruanda, das erste in Zentralafrika, und wird dort in Zukunft auch Elektrofahrzeuge bauen. Was heißt das genau und was steckt hinter dieser Entscheidung?

Für 2019 ist zunächst geplant, 50 Elektrofahrzeuge nach Ruanda zu importieren. Anschließend beginnen wir in nicht allzu ferner Zukunft mit der Konstruktion einer Fertigungsstraße für Elektrofahrzeuge in Kigali. Denn wir glauben, dass die Zukunft elektrisch sein wird.

Heißt das, Sie halten Elektromobilität für die Zukunft des Transportwesens in Afrika?

Die Zukunft gehört definitiv Elektrofahrzeugen, elektrischen Bussen und App-basierten Mobilitätslösungen.

Das meinen Sie, obwohl in vielen Teilen des Kontinents noch immer Energieknappheit herrscht und schätzungsweise 600 Millionen Menschen in Subsahara-Afrika nicht an ein Elektrizitätsnetz angeschlossen sind?

Die Energieerzeugung ist in der Tat noch immer ein großes Problem in Afrika, sollte sie aber nicht sein. Das Potenzial ist riesig, vor allem für erneuerbare Energien. Afrika hat Sonne, Wasser und Wind. Wir können all die Energie erzeugen, die wir brauchen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieses Problem gelöst ist. Und was Ruanda und Kigali betrifft, ist Elektromobilität nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.

Inwiefern ist sie eine Lösung?

In Ruanda wird derzeit mehr Strom erzeugt, als wir brauchen, aber wir können ihn nicht speichern. Elektrofahrzeuge sind gewissermaßen ein Kanal, um diese überschüssige Energie zu nutzen, die sonst verloren ginge. Aus diesem und anderen Gründen halte ich Elektromobilität für eine überaus zukunftsfähige Lösung in Afrika.

Das bedeutet, Sie wollen mehrere Stufen in der Mobilitätsentwicklung überspringen, die wir zum Beispiel in Europa durchlaufen haben?

Afrika ist meines Erachtens genau die Gegend, wo man „Leapfrogging“ betreiben, also Entwicklungsstufen überspringen kann. Es gibt keinen Grund, weshalb wir ein veraltetes Mobilitätskonzept übernehmen sollten, um letztlich nur dorthin zu gelangen, wo andere heute sind. Natürlich gibt es Herausforderungen, die in jedem Land Afrikas ein bisschen anders aussehen, aber Leapfrogging ist der richtige Weg. Wir brauchen moderne, digitalisierte Mobilitätsformen.

Sie sehen in Afrika keine größeren Hürden für Elektromobilität als auf anderen Kontinenten?

Genau, ich sehe keine größeren Hürden. Auch weil Afrikas Bevölkerung jung und für neue, technologisch fortschrittliche Lösungen sehr empfänglich ist. Und die Bevölkerung wächst. Wir haben also Bedarf, die richtige Grundhaltung und einen Markt.


Ist dieses Szenario auch für ländliche Gegenden realistisch?

Moderne Mobilitätslösungen gibt es zuerst in Städten. Wir von VW konzentrieren uns auf jeden Fall zunächst auf urbane Gebiete, beginnend in Kigali, und weiten den Fokus in ein paar Jahren auf kleinere Städte aus. In ländlichen Gegenden sind weitreichendere Lösungskonzepte erforderlich. Ein Dorfbewohner könnte z. B. mit dem Motorrad zur nächsten Landstraße fahren, dort in ein Auto umsteigen, zum nächst größeren Verkehrspunkt fahren und von dort den Bus nehmen. Die Verkettung der Mobilitätsarten ist komplexer als in Städten. Außerdem sind selbstfahrende Fahrzeuge wahrscheinlich die bessere Wahl für ländliche Gegenden, weil dort nicht alle Menschen Auto fahren können. Wie auch immer die Szenarien aussehen, Digitalisierung spielt immer eine zentrale Rolle.

Moderne Mobilität für Afrika – die VW-Niederlassung in Ruanda

Michaella Rugwizangoga leitet die im Mai 2018 eröffnete VW-Außenstelle in Ruanda. Die Niederlassung ist mehr als eine bloße Fertigungsstraße: VW möchte hier in Zukunft umfassende Mobilitätslösungen, u. a. im Bereich Elektromobilität, und einschlägige Ausbildungs- möglichkeiten entwickeln. VWs Strategie basiert auf der Erkenntnis, dass sich nicht jeder in Afrika einen Neuwagen leisten kann, sehr wohl aber einzelne Fahrten. Darum werden die meisten der VW-Fahrzeuge, die in Ruanda vom Band laufen, für Carsharing- und Ride-Hailing-Dienste eingesetzt, für die es derzeit zwei entsprechende Apps gibt. Mit seinem Ansatz, der auf den vier Säulen – Montage, Vertrieb, Akademie und Mobilitätsdienste – fußt, möchte VW die Mobilität in Afrika neu definieren und zum Marktführer auf dem Kontinent avancieren.

Sie schließen also Mobilitätsdienste in ländlichen Gebieten definitiv nicht aus?

Nein, weshalb sollten wir? Veränderungen sind auch dort möglich. Sie erfordern mehr Zeit und möglicherweise andere Vorgehensweisen, aber es gibt definitiv einen Markt.

Was genau macht VW aktuell in Ruanda?

Wir verfolgen einen Ansatz mit vier Säulen. Erstens verfügen wir über eine Montagestraße zur Fertigung von Polo, Passat und Teramont (SUV) im Herzen Afrikas. Zweitens arbeiten wir im Vertrieb mit einem lokalen Partner zusammen. Drittens betreiben wir eine Ausbildungsakademie zur Schulung von Technikern. Und viertens bieten wir Mobilitätsdienste an.

Warum haben Sie genau diese vier Aspekte gewählt?

Die Montagestraße bedarf keiner Erklärung. Wir sehen einen Markt in Afrika und haben eine ordentliche Kapazität von 5.000 Fahrzeugen pro Jahr. Die Konzentration auf den Vertrieb liegt ebenfalls auf der Hand. Wir hatten allerdings das Gefühl, in Afrika mehr als reinen Autoverkauf anbieten zu müssen. Warum? Nur wenige Menschen haben Geld für einen Neuwagen, sicherlich nicht die breite Masse. Für 30 Minuten aber oder vielleicht auch ein oder zwei Stunden können sich viele ein Fahrzeug leisten. Darum bieten wir unterschiedliche Mobilitätsdienste an. Die Menschen können kurzzeitig ein Fahrzeug mieten, sie können selbst fahren oder sich fahren lassen, allein oder gemeinsam mit anderen. All dies ist möglich. Wir haben bereits zwei Apps dafür entwickelt, hauptsächlich für Unternehmenskunden. Und wir werden hier weiter expandieren.

Und warum haben Sie eine Akademie gegründet?

Wir brauchen einerseits selbst das Know-how und die Techniker, andererseits möchten wir das generelle Kompetenzniveau im Markt erhöhen. Derzeit haben wir 20 Ausbildungsplätze. In Zukunft möchten wir auch gerne Onlineschulungen anbieten und mit örtlichen Einrichtungen, Technik- und Berufsschulen zusammenarbeiten.

Sie leiten ein Werk in einer männlich dominierten Branche. Haben Sie als Frau gezögert, als man Ihnen die Spitzenposition bei VW in Ruanda anbot?

Nein. Ich war dankbar und glücklich. Für mich bedeutete die Stelle eine großartige Chance, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Übrigens sind junge Frauen in Führungspositionen in Ruanda nichts Außergewöhnliches. Davon gibt es hier viele.

Das Interview führte Friederike Bauer.

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