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„Sharing ist das wirklich Neue“

Meldung vom 07.02.2019 / KfW Entwicklungsbank

Bild von Ani Dasgupta während des Interviews
Ani Dasgupta, Global Director des WRI Ross Center for Sustainable Cities, spricht im Interview über den tiefgreifenden Umbruch im Mobilitätssektor.

Ani Dasgupta ist Global Director des WRI Ross Center for Sustainable Cities, das zum Washingtoner World Resources Institute (WRI) gehört. Als ausgebildeter Architekt und Stadtplaner hat er seine berufliche Laufbahn hauptsächlich der Zukunft der Städte gewidmet. Vor seiner Zeit beim WRI war er bei der Weltbank tätig. Im Interview spricht er über die grundlegenden Veränderungen, die der Mobilität bevorstehen, und erklärt, warum er die Elektrifizierung im Vergleich zur Einführung von Sharing-Modellen für die geringere Herausforderung hält.

Sie sprechen gerne von „Mobilitätsrevolution“. Warum?

Meiner Einschätzung nach wird sich in den kommenden zehn Jahren ein tiefgreifender Umbruch im Mobilitätssektor vollziehen. Die Art und Weise, wie Mobilität genutzt, zur Verfügung gestellt und gesteuert wird, ändert sich gravierend. Im Zuge dieser Entwicklung entstehen auch neue Geschäftsmuster und -modelle. Und es werden ganz neue Akteure daran beteiligt sein. Kurzum: Alles wird ordentlich durcheinander gewirbelt. Daher spreche ich gerne von einer „Revolution der Mobilität“.

Für mich ist eine Revolution eigentlich etwas Abruptes, wie ein Vulkanausbruch. Doch der Wandel in der Mobilität nimmt viel Zeit in Anspruch und erfordert gründliche Planung.

Das ist richtig. Der Planungsaufwand ist enorm, um die gewünschten Verbesserungen im öffentlichen Bereich zu erreichen; unter anderem den einfacheren Zugang zu Mobilitätsangeboten und weniger Emissionen. Derzeit ist dies kaum der Fall, und genau darin besteht das Problem. App-basierte Sammeltaxis zum Beispiel werden nicht von Städten geplant. Bike-Sharing-Unternehmen schießen vielerorts wie die Pilze aus dem Boden, Existenzgründer entwickeln Verkehrs-Apps. Wir können nicht automatisch davon ausgehen, dass diese Veränderungen allen gleichermaßen nutzen – tatsächlich haben wir viele Signale, die auf das Gegenteil hindeuten, es sei denn, die Städte steuern die Entwicklung.

Sie erwecken den Eindruck, dass wir uns bereits mitten in diesem tiefgreifenden Wandel befinden. Ist das so?

Ich denke schon. Es mag sein, dass das in Ländern und Städten weniger spürbar ist, in denen es bereits eine hervorragende Infrastruktur für Fußgänger, Radfahrer und den öffentlichen Nahverkehr gibt. Doch dieser Anteil ist weltweit gering. In den meisten Teilen der Welt sieht die Sache ganz anders aus. Städte werden in den nächsten 20 Jahren stark wachsen und dadurch unter endlosen Staus und schlechter Luft zu leiden haben. Der Druck, Veränderungen in die Wege zu leiten, steigt also.

Was sind die wichtigsten Aspekte des Mobilitätswandels?

In meinen Augen: Digitalisierung, Elektrifizierung, Sharing und zuletzt autonomes Fahren. Es gibt also genau genommen mehrere Transformationen. Die Digitalisierung ist bereits in vollem Gange. Sie beeinflusst unsere Mobilitätsentscheidungen, weil wir andere und bessere Daten als bisher erhalten. So werden wir zum Beispiel bald schon wissen, wie voll der nächste Bus ist und ob wir dort noch reinpassen. Dazu kommen viele neue Dienstleistungen, die es geben wird. Und schließlich ermöglicht die Digitalisierung auch, Städte besser zu verwalten. All das wird sich immer weiter beschleunigen.

Wie ist der Stand bei Elektro-Mobilität? Und wohin sollte die Reise hier gehen?

Ich habe keinen Zweifel, dass E-Mobilität kommen wird, nicht zuletzt wegen der Luftqualität in den wachsenden Städten. Den Leuten wird es letztlich egal sein, ob ihr Auto mit Benzin oder Strom angetrieben wird – solange es fährt. Die Technologie haben wir, sie muss nur günstiger und schneller nutzbar werden.

Und es braucht die Lade-Infrastruktur...

Auch die wird kommen. Vielleicht nicht so schnell, wie wir das gerne hätten, aber es wird passieren.

Selbst in ärmeren Ländern, in denen immer noch viele Menschen keinen Strom haben?

Durchaus, denn viele dieser Länder haben ein enormes Potenzial für erneuerbare Energien. Es ist eine Frage von Zeit und Geld, aber auch dort wird die Welt elektrisch. Die große Hürde wird nicht die Elektrifizierung sein, sondern sich daran zu gewöhnen, dass man Mobilität teilt, dass es Sharing-Modelle gibt. Darin besteht der eigentliche kulturelle Wandel und dieser wird uns vor weitaus größere Herausforderungen stellen. Den Leuten macht es nichts aus, in einem Flugzeug auf engstem Raum zehn, elf oder sogar zwölf Stunden neben anderen Personen zu sitzen, die sie nicht kennen. Aber auf der Straße möchten sie allein in ihrem Auto sitzen oder wenigstens nicht mit Fremden.

Wie erklären Sie sich das?

Es entspricht einfach unseren Erwartungen und unserer Prägung. Wir sind damit aufgewachsen – und daher ist es viel schwieriger, mit diesen Gewohnheiten zu brechen. Deshalb müssen hier sehr bewusst ansetzen. Urbane Zentren werden ohne Sharing-Modelle die Mobilitätsanforderungen der Zukunft nicht erfüllen können. Das bedeutet auch, dass private PKWs unabhängig von ihrem Antrieb in Städten abgeschafft werden sollten. Sie sind ineffizient und nehmen zu viel Platz weg.

Interview with Ani Dasgupta
Ani Dasgupta, Global Director des WRI Ross Center for Sustainable Cities, spricht im Interview über den tiefgreifenden Umbruch im Mobilitätssektor.
Verkehrschaos auf Ägyptens Straßen
Verkehrschaos auf Ägyptens Straßen.

Sie wollen die Autos abschaffen? Das scheint angesichts der Leidenschaft, die viele Menschen für Autos hegen, kaum vorstellbar...

Es wird weiterhin Autos geben. Verstehen Sie mich nicht falsch – nur in den Städten wird kein Platz mehr für sie sein. Man muss sich das Auto künftig eher wie ein Pferd vorstellen, das man zum Vergnügen auf dem Land ausreitet. In ländlichen Gegenden und in der Freizeit werden Autos unverzichtbar bleiben. Man fährt sie am Wochenende, etwa in die Berge. Aber in den Städten sind sie anachronistisch, undemokratisch, klima- und umweltschädlich. Das entscheidende Stichwort für die Mobilität der Zukunft heißt deshalb „Sharing“ – und das ist eine echte Herausforderung.

Wie kann man die Menschen dazu bringen, sich diesem Wandel zu öffnen?

Mit Zuckerbrot und Peitsche: Die Leute müssen die echten Kosten für das jeweilige Verkehrsmittel zahlen. Wenn Sie Auto fahren, legt die Gesellschaft auf jeden Dollar von Ihnen neun Dollar drauf. Stellen Sie sich vor, die Unterhaltskosten für Autos würden um das Neunfache steigen – also beispielsweise von 100 auf 900 Euro pro Monat. Dann würden die meisten wahrscheinlich den Gebrauch des Autos überdenken. Solche Regelungen erfordern natürlich ein entschlossenes Handeln der Politik gegenüber der mächtigen Automobillobby. Aber daran führt aus meiner Sicht Weg kein Weg vorbei.

Worin bestünden mögliche Anreize?

Mit einem bequemeren und besser nutzbaren öffentlichen Nahverkehr könnte man den Leuten den Umstieg sicher versüßen. Das Auto zu nehmen, ist schließlich keine rein irrationale Entscheidung. Eltern sehen ihre Kinder darin besser aufgehoben, auch Frauen fühlen sich sicherer in einem Auto. Daher wäre es wichtig, den öffentlichen Nahverkehr attraktiver und weniger gefährlich zu gestalten.

Welche Rolle wird dem autonomen Fahren zukommen?

Von allen Bereichen, die die Zukunft der Mobilität prägen, wurden hier bislang die geringsten Fortschritte erzielt. Es gibt noch zahlreiche Hürden für das autonome Fahren. Ich denke, dass wir noch einiges an Tests hier sehen werden. Das alles wird noch deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als bei der Digitalisierung, der Elektrifizierung und dem Sharing.

Wie könnten Finanzinstitute wie die KfW den Prozess unterstützen?

Indem sie klar Position zu diesem Wandel beziehen und strategische Ziele damit verbinden. Organisationen wie der KfW kommt eine wichtige Rolle zu, denn ihre Fördermittel sind wertvoll. Sie können sich weiter in Einzelprojekten engagieren – dagegen ist nichts einzuwenden –, oder sie blicken dieser Revolution entgegen und gestalten sie maßgeblich mit. Indem sie beispielsweise neue digitale Lösungen und einen verbesserten öffentlichen Nahverkehr zu einem System verbinden.

Das Interview führte Friederike Bauer.

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