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"Versicherungen sind ein legitimes Mittel der Notfallhilfe"

Meldung vom 14.03.2017 / KfW Entwicklungsbank

Joanna Syroka spricht über neue Versicherungsfelder in der Entwicklungszusammenarbeit

Ist sich die internationale Gemeinschaft mittlerweile der Bedeutung von Versicherungen bewusst?

Ich denke schon. Meiner Meinung nach stellte das Jahr 2015 mit dem Pariser Klimagipfel im Dezember einen Wendepunkt dar. Die G7 und die deutsche Präsidentschaft spielten dabei eine entscheidende Rolle. Es gab nicht nur schöne Worte, denn seit Paris finden viele Diskussionen auf praktischer Ebene statt, und es werden zahlreiche Maßnahmen entwickelt. Selbst aus humanitärer Sicht gelten Versicherungen inzwischen als legitimes Mittel der Notfallhilfe. Es handelt sich noch um ein neues und innovatives Instrument, dessen Einsatz mittlerweile jedoch in Erwägung gezogen wird. Dies ist ein großer Fortschritt, denn vor zehn oder sogar noch fünf Jahren sah das noch anders aus.

Wie war die Situation damals?

Die Kosten für direkte Hilfsmaßnahmen nach Naturkatastrophen wurden teilweise von den Regierungen übernommen, während der Großteil der Kosten für internationale humanitäre Hilfe üblicherweise von den Gebern getragen wurde. Doch im Allgemeinen kam die Hilfe zu spät und langsam, und so mussten die Betroffenen für die restlichen Kosten selbst aufkommen, was sich nachteilig auf ihre Lebensbedingungen auswirkte. Die Versicherungsinstrumente machen den Regierungen erstmals in vollem Umfang die Kosten solcher Katastrophen bewusst. Sie nehmen außerdem wahr, dass die finanziellen Risiken und ihre Folgen verringert werden, wenn Prämien bezahlt und durch Versicherungsauszahlungen rechtzeitige Maßnahmen vor Ort ermöglicht werden. Das ist als großer Fortschritt zu werten.

ARC besteht mittlerweile seit einigen Jahren. Was haben Sie in dieser Zeit erreicht?

Wir haben zu diesem Paradigmenwechsel beigetragen. Dass es sinnvoll ist, sich im Vorfeld finanziell und operativ auf Naturkatastrophen wie Dürren oder Hochwasser vorzubereiten, ist mittlerweile weithin anerkannt.

Was ist derzeit die größte Herausforderung für ARC? Vielleicht, dass manche Staaten Versicherungen als Luxus betrachten, auf den man in finanziellen Krisenzeiten verzichten kann?

Natürlich sind Versicherungen mit Kosten verbunden. Schließlich müssen im Voraus Prämien bezahlt werden. Die regelmäßige Prämienzahlung oder selbst der erste Beitritt zum ARC-Versicherungspool stellt manche Staaten tatsächlich vor große Herausforderungen. Daher arbeiten wir aktiv an Modellen zur Prämienfinanzierung. Wir müssen Möglichkeiten finden, unseren Mitgliedsstaaten bei der Zahlung dieser Prämien Unterstützung zu bieten. Gleichzeitig müssen sie die versicherungstechnischen und operativen Prozesse von ARC in ihren Staatshaushalt und ihre Risikomanagementsysteme einbinden.

Stellt das auch für Geldgeber ein Problem dar?

Ja, es stellt sich die Frage, wer in der Zwischenzeit bei der Finanzierung dieser Prämien hilft. Langfristig müssen die Staaten jedoch selbst die Prämienzahlungen übernehmen, so dass die Kosten der Geldgeber für humanitäre Hilfe deutlich sinken werden. Die Herausforderung besteht darin, eine Übergangslösung zu finden. Dabei wird es auf die Geldgeber ankommen.

Wie gehen Sie dieses Problem an? Vermitteln Sie zwischen Staaten und Geldgebern?

Früher nicht, es sei denn, eine Regierung bat uns um Unterstützung. Wir stellten jedoch fest, dass Prämienzahlungen ein grundlegendes Thema für ARC und unsere Wachstumsziele sind. Mittlerweile hat es für uns Priorität, für die teilnehmenden Länder eine Art Mechanismus zur Prämienfinanzierung zu entwickeln, um sie auf ihrem Weg zu einem proaktiven Risikomanagement zu unterstützen und langfristig einen nachhaltigen und unabhängigen Versicherungspool zu schaffen.

Welche weiteren Herausforderungen gibt es?

Bevor sie Mitglied des ARC-Versicherungspools werden können, gibt es für die Staaten viel zu tun, d. h. technische Arbeiten, Krisenpläne usw. In der Regel ist eine ca. 18-monatige Vorarbeit erforderlich, bevor die erste Prämienzahlung fällig ist. Dies bedeutet sowohl für uns als auch für die Staaten einen beträchtlichen Kosten- und Ressourcenaufwand. Viele Staaten benötigen für diese Investition auch Unterstützung.

Möchten Sie Ihre Leistungen für Klimarisiken auf andere Risikofelder ausdehnen?

Derzeit visieren wir den Bereich Gesundheit an. Wir stehen, in Zusammenarbeit mit der Rockefeller Foundation, am Beginn einer Forschungs- und Entwicklungsphase für ein Versicherungsprodukt, das beim Ausbruch von Krankheiten und Epidemien zum Einsatz kommen soll. Diesen Auftrag haben wir von unseren Mitgliedstaaten erhalten. ARC ist mehr als nur ein Versicherungspool: Es bietet unseren Mitgliedern einen starken politischen und technischen Rahmen. Wir kombinieren die drei Elemente Frühwarnung, Krisenplanung und Versicherung. Dies sind wichtige Aspekte auch beim Ausbruch von Krankheiten und Epidemien.

Gibt es noch weitere Bereiche, in denen Sie expandieren möchten?

Allgemein möchten wir uns stärker auf Wetterrisiken konzentrieren. Derzeit decken wir ausschließlich Dürren ab, doch schon in Kürze führen wir Versicherungssysteme für andere Wetterrisiken wie Stürme und Hochwasser ein. Unsere Mitgliedstaaten haben uns auch gebeten, uns künftig mit weiteren Gefahren wie Buschfeuer und Heuschreckenplagen zu beschäftigen.

Gibt es Grenzen für Versicherungen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit?

Versicherungen sind natürlich Grenzen gesetzt. Die Risiken für unsere Mitgliedstaaten und ihre Bürger sind enorm. Viele Risiken sind jedoch auf bekannte Faktoren zurückzuführen, die sich nicht versichern lassen. Probleme wie chronische Armut und Lebensmittelknappheit können von Versicherungen nicht abgedeckt, geschweige denn sinnvoll gelöst werden. Für solche Probleme benötigt man planbare und nachhaltige Investitionen, sie lassen sich nicht einfach „wegversichern“. Mit Versicherungen kann man diese Investitionen jedoch immerhin absichern.

Wie beurteilen Sie die Rolle der KfW beim Thema Versicherung?

Deutschland und die KfW spielen hier eine sehr wichtige Rolle. Die Unterstützung der KfW im Auftrag des BMZ war essentiell, um die ARC ins Leben zu rufen. Die deutsche Initiative zu Klimarisikoversicherungen, genannt InsuResilience, die das BMZ initiiert hat und die beim G7 Gipfel in Elmau verkündet wurde, hat entscheidend dazu beigetragen, das Versicherungsthema auf die internationale Bühne zu heben.

Die Fragen stellte Friederike Bauer.

Joanna Syroka
Joanna Syroka ist Direktorin für Forschung und Entwicklung der African Risk Capacity (ARC).

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