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„Bei der Bekämpfung der Armut wurde bereits viel erreicht“

Meldung vom 27.01.2020 / KfW Entwicklungsbank

KfW-Bereichsleiter Roland Siller im Gespräch zum SDG 1 „Keine Armut“

Portrait Roland Siller
Besonders bedrückend ist für KfW-Bereichsleiter Roland Siller der große Unterschied zwischen Arm und Reich in einigen Ländern.

Nach Berechnungen der Weltbank leben derzeit rund 700 Millionen Menschen in extremer Armut. Sie verfügen nur über ein sehr geringes Einkommen. Wenn weitere Faktoren berücksichtigt werden, gelten nach einem UN-Armutsindex sogar rund 1,4 Milliarden Menschen als arm. Sie sind bei Bildung, Gesundheitsversorgung und Lebensstandard stark benachteiligt. Für die KfW Entwicklungsbank ist die Bekämpfung der Armut eine ihrer wichtigsten Aufgaben, sagt Bereichsleiter Roland Siller im Gespräch.

Herr Siller, das SDG 1 „Keine Armut“ ist ein sehr ambitioniertes Ziel. Im Jahr 2030 soll kein Mensch mehr in extremer Armut leben. Dabei ist der Begriff ja auch relativ. Wann ist aus Ihrer Sicht ein Mensch arm?

Roland Siller: Der Begriff hat natürlich verschiedene Dimensionen. Zunächst hat sich die Weltgemeinschaft zur Messung von Armut beim Einkommen darauf geeinigt, das in US-Dollar pro Tag auszudrücken. Wer über weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag verfügt, gilt als absolut arm. Die Einteilung ist erstmal sinnvoll, um eine Einschätzung zu haben – sie bildet die Komplexität des Themas aber nicht ab. Daher gibt es den Begriff der relativen Armut.

Dabei geht es darum, dass Menschen von bestimmten Möglichkeiten ausgeschlossen sind, die in dem jeweiligen Land als Grundbedürfnis gelten. Dazu gehört auch der Zugang zu Bildung und einer ausreichenden Gesundheitsversorgung.

Bei den absolut Armen war die Weltgemeinschaft erfolgreich dabei, ihre Zahl zu reduzieren. Von rund 1,9 Milliarden Armen in den 1990er Jahren ist die Zahl heute auf rund 700 Millionen Arme gesunken. Aber: Die Ungleichheit ist gestiegen, die Schere zwischen Arm und Reich geht in vielen Ländern weiter auseinander.

 Schwangere Frauen und andere mit ihren Kindern an einem Hof außerhalb einer Klinik kochen auf dem Boden Abendessen
Rund 700 Millionen Menschen leben derzeit in extremer Armut und sind bei Bildung und Gesundheitsversorgung stark benachteiligt.
Sie haben als langjähriger KfW-Projektmanager, Abteilungsleiter und jetzt Bereichsleiter schon viele von der KfW geförderte Projekte in Afrika, Asien und Lateinamerika gesehen. Wo ist Ihnen die bedrückendste Armut begegnet?

Siller: Die Situation ist in jedem Land natürlich anders. Aber ich empfinde die Armut manchmal in den Ländern besonders bedrückend, wo die Unterschiede zwischen Reich und Arm extrem groß sind. Also die absolute Armut in den Ländern, die eigentlich über Ressourcen und Finanzmittel verfügen, um allen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen.

Und natürlich sind Armut und Elend in fragilen Kontexten besonders groß. Wenn Menschen durch Kriege und Konflikte alles verloren haben, praktisch vor dem Nichts stehen, über viele Jahre in Flüchtlingslagern überleben müssen und angesichts der schwierigen politischen Verhältnisse wenig Hoffnung haben, dass sich die Situation bessert – die Konflikte werden einfach nicht gelöst. In solchen „failed states“ hat sich die Zahl der Armen in den vergangenen Jahren kaum verringert.

Weil es in solchen fragilen Kontexten sehr schwer ist, Armut zu bekämpfen?

Siller: Genau, das stimmt. Und bei der direkten Nothilfe in Konfliktgebieten sind eher UN-Organisationen oder nicht-staatliche humanitäre Organisationen rasch vor Ort. Wir als KfW helfen langfristig dabei mit, dass sich die Lebensverhältnisse für die Menschen stabilisieren – etwa indem sie wieder Strom erhalten und fließendes Wasser, später auch wieder Schulbildung und eine Gesundheitsversorgung. In der Türkei haben wir rund 300.000 syrischen Flüchtlingskindern einen Schulzugang ermöglicht. Außerdem unterstützen wir die Menschen mit „Cash-for-Work“-Programmen dabei, wieder Arbeit zu finden und sich den Lebensunterhalt zu verdienen.

Schüler lesen in der Klasse einen Text, Lehrerin passt auf.
300.000 syrische Flüchtlingskinder haben in der Türkei einen Zugang zur Schulbildung erhalten.
Neben solcher Hilfe zur Beschaffung von Arbeit gibt es aber auch Programme zur „Sozialen Sicherung“. Also „Cash-Transfers“, bei denen besonders Arme Geld ohne Gegenleistung erhalten. Ist das entwicklungspolitisch sinnvoll?

Siller: Das klingt zunächst wie ein schwieriger Ansatz. Aber damit wird tatsächlich etwas sehr Sinnvolles bewirkt. Es handelt sich bei der Zielgruppe nämlich nicht einfach nur um arme Menschen, sondern sozusagen um „Ultra-Arme“. In bereits sehr armen Ländern ist es die unterste soziale Schicht, die wir damit erreichen. Da geht es darum, dass Menschen einfach zwei Mal am Tag etwas zu essen haben; da geht es darum, Wachstums- und Entwicklungsverzögerung durch mangelnde Nahrung zu verhindern.

Erst wenn sie wieder Zugang zu solchen elementaren Grundbedürfnissen haben, gibt es für die Menschen eine Chance, sich selber aus der Armut zu befreien.

Sie haben bereits die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich in vielen Ländern angesprochen. Banken eilt mitunter der Ruf voraus, solche Ungleichheit mit ihrer Geschäftspolitik eher zu begünstigten. Die KfW hat einen ganz anderen Anspruch und auch im SDG 10 heißt es ja „Weniger Ungleichheiten“. Wie kann die KfW als entwicklungspolitisch erfahrene Finanzinstitution dazu beitragen, dass die Ungleichheit geringer wird?

Siller: Unser Ziel im Auftrag der Bundesregierung ist es ja, in den Ländern ein nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen. Dabei geht es um Umwelt, Wirtschaft aber auch um Soziales. Wenn Sie sich die Welt anschauen, ist die Ungleichheit in Europa am geringsten. Das ist unsere DNA und dazu wollen wir auch weltweit beitragen: den Menschen aus allen sozialen Schichten eine breite Teilnahme am gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Leben ermöglichen und die Ungleichheit verringern.

Wie unterscheidet sich die Arbeit der KfW in Entwicklungs- und Schwellenländern?

Siller: In Schwellenländern arbeiten wir anders als in den besonders armen Ländern. Zum einen konzentrieren wir uns dort darauf, globale öffentliche Güter wie Klima und Umwelt zu schützen, etwa durch besondere Projekte zum Erhalt des Regenwaldes. Dann geht es darum, Wertschöpfung zu schaffen und ein breitenwirksames Wachstum anzuregen – kein Wachstum, das nur wenigen dient.

Das gelingt uns, in dem wir kleine und mittlere Unternehmen unterstützen. Oder auch in benachteiligten Regionen eine bessere Strom- und Wasserversorgung schaffen. Durch solche Investitionen wird Armut indirekt bekämpft. Die direkte Armutsbekämpfung müssen die Schwellenländer aus eigener Kraft schaffen.

Was hat die KfW bei Armutsbekämpfung erreicht?

Siller: Wir haben mit unserer Arbeit dazu beigetragen, dass die Zahl der absolut Armen wie erläutert weltweit gesunken ist. Indirekt durch die genannten Hilfen bei Investitionen, bei der Schaffung von Arbeitsplätzen und dadurch, dass wir am Aufbau von nachhaltiger Infrastruktur für bessere wirtschaftliche Möglichkeiten in den jeweiligen Ländern gesorgt haben. Direkt durch die Cash-for-Work-Programme, die es den Menschen ermöglichen, sich selbst ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und auch durch die genannten Cash-Transfers, die „Ultra-Arme“ aus Not und Elend befreien.

Aber es gibt noch viel zu tun: in den fragilen Kontexten ist die Lage weiter schwierig, ich bin fest davon überzeugt, dass es gerade in den Konfliktgebieten eine wichtige Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit bleibt, den Menschen zu helfen, die Krisen zu überstehen und ihnen neuen Perspektiven zu eröffnen.

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