Nordafrika und Naher Osten
BEDROHT DURCH WASSERMANGEL UND KLIMAWANDEL
Projektgebiet Nordafrika und Naher Osten. Quelle: KfW
Die Region "Naher Osten und Nordafrika" (MENA, Middle East and North Africa) erstreckt sich über den Norden Afrikas - von Marokko bis Ägypten - und östlich des Mittelmeers, vom Jemen über die Länder der arabischen Halbinsel bis nach Syrien und Irak. Alle Länder der Region - bis auf Israel - gehören der Arabischen Liga an.
Arabischer Frühling
Anfang des Jahres 2011 triumphierten die Menschen zunächst in Tunesien, dann in Ägypten über die Diktatur. Zwar war der Zorn über Willkürherrschaft und Unterdrückung vielfach Auslöser der Proteste, nicht zuletzt waren es aber die wirtschaftlichen Probleme, wie zum Beispiel die hohen Arbeitslosenzahlen und die fehlenden Zukunftsperspektiven, die die Menschen auf die Straßen trieben. Die Generation der 20- bis 35-Jährigen stellt in allen arabischen Ländern mehr als 30 Prozent der Bevölkerung, sie ist gut ausgebildet und über Twitter und Facebook vernetzt. Und: diese Generation leidet unter der größten regionalen Jugendarbeitslosigkeit weltweit, bis zu 90 Prozent dieser Altersgruppe sind ohne Anstellung.
In Tunesien und Ägypten wurden relativ schnell Übergangsregierungen etabliert und Reformprozesse angestoßen, Wahlen werden für den Herbst 2011 vorbereitet. Hier gibt es eine relativ starke Mittelschicht und etablierte staatliche Institutionen. Auch in anderen Ländern der Region – bei allen Unterschieden in den politischen Systemen – entfalteten sich mit großer Dynamik Revolten und Revolutionen, die zum Teil mit brutaler Härte der Regime beantwortet werden. In Jordanien und Marokko könnten sich konstitutionelle Monarchien entwickeln, dort existieren bereits Mehrparteiensysteme, zivilgesellschaftliche Strukturen und eine freie Presse.
Was kommt?
Die Frage ist nun, ob und wie die Umbrüche und Aufbrüche zu wirtschaftlichen Reformprozessen und nachhaltigem Wirtschaftswachstum führen. Denn eine Chance zur langfristigen demokratischen Entwicklung gibt es nur, wenn Veränderung im Leben der Menschen spürbar wird: mehr Jobs, mehr Ausbildungsplätze für junge Leute - aber auch Erfolge im Kampf gegen Korruption. Der Erfolg wird nicht zuletzt von europäischen Unterstützungsangeboten beeinflusst. Die Länder in MENA erwarten neue Investitionen, aber auch Unterstützung beim Aufbau demokratischer und ordnungspolitischer Strukturen sowie die Öffnung der europäischen Märkte für ihre Produkte.
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat auf den Umbruch reagiert und drei Soforthilfemaßnahmen aufgesetzt: einen Fonds zur Unterstützung der Demokratisierungsprozesse, insbesondere durch die vor Ort tätigen Stiftungen sowie einen Fonds für Beschäftigung und Qualifizierung junger Menschen. Der dritte Fonds (SANAD) - umgesetzt von der KfW Entwicklungsbank und anderen Gebern - wird über Mikrofinanzinstitutionen in der Region Kredite an kleine und mittlere Unternehmen geben. Er wird zunächst mit 20 Mio. Euro aus dem Haushalt der Bundesregierung ausgestattet, geplant sind Einzahlungen weiterer Geber bis zu insgesamt 100 Mio. Euro. Erwartet werden positive Effekte für Beschäftigung und ein leistungsfähigerer Finanzmarkt.
Wasserkrise und Klimawandel
In allen Ländern der Region herrscht eine gravierende Wasserknappheit. Trotz sichtbarer Fortschritte bedrohen steigender Verbrauch, hohe Schadstoffbelastungen und institutionelle Schwächen die knappen Ressourcen. Die Wasserreserven zum Beispiel der Länder Jemen und Jordanien werden bei gleich bleibender Entwicklung in naher Zukunft nicht mehr für die Versorgung der Bevölkerung, der Landwirtschaft und der Industrie ausreichen.
Sieben Länder der Region zählen zu den zehn Ländern mit der weltweit größten Wasserknappheit. Einige Länder beziehen ihr Wasser von außerhalb oder teilen sich Wasserressourcen mit benachbarten Staaten. Während die reichen Golfstaaten bereits auf Meerwasserentsalzung umgestellt haben, suchen gerade die ärmeren Länder wirtschaftlich und ökologisch sinnvolle Lösungen, um die drohende Krise abzuwenden. Aktuelle Prognosen gehen auch davon aus, dass die Region überdurchschnittlich stark unter dem Klimawandel und dem zusätzlichen Druck auf die Wasserressourcen leiden wird.
Wind und Sonne sichern künftig die Energieversorgung
Eine gesicherte Energieversorgung ist essentiell für alle Bereiche der Gesellschaft, für Privathaushalte, aber auch für die Industrie und den Dienstleistungssektor. Auch die Landwirtschaft ist auf zuverlässig funktionierende Pumpen für die Bewässerung angewiesen. Wirtschaftliches Wachstum – zentral vor dem Hintergrund des starken Bevölkerungswachstums und der hohen Arbeitslosigkeit - muss immer auf eine solide Energiepolitik ziehen können. Schon heute sind die Systeme nah an der Auslastungsgrenze und die Bevölkerung reagiert mit großer Unzufriedenheit auf Abschaltungen.
Angesichts der Erwartungen reformfreudigerer Länder ist es wichtig, sie beim Ausbau der erneuerbaren Energien zu unterstützen. Sie brauchen eine Chance auf eine regionale Einbindung sowie eine Zusammenarbeit mit Europa im Kontext der Mittelmeer-Energiepolitik - damit sie nicht etwa auf kostengünstigere fossile Energieträger umsteigen. Energieeffizienz kann zu einer besseren Mittelallokation führen und Wirtschaftsentwicklung indirekt fördern. Auch im Energiesektor ist es wichtig, den Gedanken der sozialen und ökologischen Marktwirtschaft im Dialog der Geber mit den Regierungen nachhaltig zu verankern.
Seit über 40 Jahren in der Region
Die KfW Entwicklungsbank ist seit über 40 Jahren in der Region tätig. Lokale Büros und Vertretungen finden sich mittlerweile in Marokko, Ägypten, Jemen, den Palästinensischen Gebieten, Jordanien, Syrien, Tunesien und im Libanon. Im Auftrag der Bundesregierung wurde in erneuerbare Energien, Siedlungswasserwirtschaft, Bewässerung und Abfallwirtschaft investiert. In Zukunft wird es in der Finanziellen Zusammenarbeit darum gehen, gemeinsam die Folgen des Klimawandels zu bewältigen und die knappen Ressourcen der Länder zu schützen. Zusätzlich unterstützt die KfW Entwicklungsbank die Partnerregierungen bei der Umsetzung wichtiger Reformen im Bildungs- und Finanzsektor. Vor dem Hintergrund der zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtung mit Europa und der Öffnung der Märkte ist ein weiterer Schwerpunkt die Stärkung kleiner und mittlerer Unternehmen.
Weiterführende Informationen
Stand: Juli 2011