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Messung der Wasserverlustrate
© KfW-Bildarchiv / photothek.net
Fast idyllisch liegt nur 63 Kilometer nördlich von Jerusalem, in einer Talsenke zwischen den Bergen Ebal und Gerizim, die Stadt Nablus. Eine geographische Idylle, mehr nicht. Denn die Flüchtlingslager außerhalb der Stadt und israelische Checkpoints, die die Stadt wie einen Ring umschließen, lassen den ersten Eindruck aus der Vogelperspektive schnell verblassen. Rund 200.000 Einwohner machen die Stadt zu einem der größten Ballungszentren in den palästinensischen Autonomiegebieten; die Mehrheit der Bevölkerung (inoffizielle Schätzungen sprechen von bis zu 80 Prozent) ist unterbeschäftigt. Die dauerhafte Isolierung, der israelisch-palästinensische Konflikt, aber auch innenpolitische Instabilität lähmen die Wirtschaft, die Unzufriedenheit ist hoch. Nablus ist nicht nur Ballungszentrum, sondern auch ein Schwerpunkt krimineller Gewalt in den Palästinensischen Gebieten.
Nablus zeigt als ein Beispiel von vielen, wie brüchig das soziale und politische Fundament der Region sich immer noch gestaltet. Fortschritte sind eher die Ausnahme. Und doch gibt es Ausnahmen, die auf bessere Zeiten hoffen lassen.
Die Region ist von extremer Wasserarmut geprägt. Ein rasches Bevölkerungswachstum und die spürbaren Auswirkungen des Klimawandels führen zur Verknappung der Wasserressourcen und erhöhen das Konfliktpotenzial über Nutzungsrechte zusätzlich. Israel beansprucht heute rund 70 Prozent des Grundwasservorkommens der Westbank für die eigene Nutzung. Bereits 2010 ergibt sich dadurch auf palästinensischer Seite eine Wasserversorgungslücke von 60 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Probleme sind jedoch auch in der maroden Infrastruktur zu finden: Pro Liter Wasser, der das palästinensische Kanalsystem durchfließt, geht unterwegs rund ein Drittel verloren und versickert ungenutzt im Boden, da die Leitungen marode sind und seit der britischen Mandatszeit nicht mehr erneuert wurden. Folge ist, dass es in vielen Stadtvierteln nur zwei Tage pro Woche Trinkwasser aus der Leitung gibt. Die Versorgungstage werden jeweils in der Zeitung veröffentlicht. Um an den anderen Tagen fließendes Wasser zu haben, installieren die Hausbesitzer schwarze Wassertanks auf den Dächern. Doch diese sind oft nicht ausreichend und bergen außerdem die Gefahr der Verkeimung.
Seit Ende 2007 profitieren im Stadtteil Rafidia 8.000 Menschen von einem FZ-Wasserverlustreduzierungsprogramm über die KfW Entwicklungsbank - indirekt begünstigt ist die gesamte Stadtbevölkerung. Rund 3 Millionen Euro bewilligte die Bundesregierung in einer ersten Phase für Maßnahmen, die die Wasserverlustrate der Stadt Nablus auf 5 Prozent (Hauptversorgung) bzw. 25 Prozent (im besonders problembelasteten Stadtteil Rafidia) senken sollte. 500.000 Euro wurden von palästinensischer Seite beigesteuert. In nur etwas mehr als einem Jahr wurde die Sanierung der öffentlichen Kanalnetze von örtlichen Baufirmen erfolgreich abgeschlossen: Mehrere Monate früher als geplant und mit Einsparungen von fast 200.000 Euro gegenüber ursprünglichen Berechnungen. Palästinensische Arbeiter erneuerten über 9 Kilometer der Hauptversorgungsleitung der Stadt, weitere 26 Kilometer wurden in Rafidia neu verlegt, außerdem wurden 1.700 Wasserzähler angeschlossen und zwei große Wasser-Reservoirs angelegt. Dass die Maßnahmen unter den schwierigen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vorangetrieben und erfolgreich durchgeführt wurden, ist vor allem auch dem persönlichen Engagement, einer hohen Kooperationsbereitschaft und der individuellen Kompetenz der Stadtverwaltung zu verdanken.
Nach den Erfolgen der ersten Phase läuft nun eine zweite Projektphase: Mit 14 Millionen Euro von deutscher Seite soll das Netz der anderen Stadtteile saniert und umstrukturiert werden, so dass ein besseres Druckmanagement möglich ist, die Verluste weiter sinken und die Versorgungshäufigkeit steigt.
Die Motivation des ersten Erfolges ist bei der lokalen Bevölkerung spürbar: Eine alte Frau, die uns bei der Besichtigung der neuen Anlagen auf der Straße begegnet, spricht uns unvermittelt an und berichtet strahlend vom fließenden Wasser; der beschwerliche Weg zum Brunnen bleibt ihr zum ersten Mal erspart. Diese und künftige Erfolge können der einst von den Griechen gegründeten "Neustadt" wichtige positive Impulse geben.
Stand: Juni 2009