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Soziales Marketing

Rot gekleidete Motoradfahrer nehmen an einer fahrenden Parade teil.

Motorradhändler, die Kondome verkaufen, bei einer Parade zum Welt-Aids-Tag. 

Erfolgreiche Anti-Aids-Kampagne im Niger

Verhaltensänderungen sind schwierig zu erreichen, gerade wenn es um Privates geht. Das Thema Familienplanung und Aids ist deshalb ein hoch sensibles, bei dem viel Einfühlungsvermögen nötig ist. Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel Niger. Dort hat die Regierung nach einem Fehlversuch mit Unterstützung der KfW Entwicklungsbank schließlich ein erfolgreiches Konzept gefunden, das auf kulturelle Eigenheiten des Landes Rücksicht nimmt.

Dabei ist die Ausgangslage denkbar schwierig: Der afrikanische Binnenstaat weist das höchste Bevölkerungswachstum weltweit auf, gleichzeitig grassieren Armut und Elend. Die Frauen Nigers bringen im Schnitt mehr als sieben Kinder zur Welt, von denen die Hälfte unter Mangelernährung leidet. Zugleich steigt die Verbreitung des HI-Virus, zumindest in den bekannten Risikogruppen wie bei Lastwagenfahrern oder Prostituierten. Alles zusammen genommen spricht für eine stärkere Verbreitung von Kondomen und anderer Verhütungsmittel.

Ein erster Versuch, die Bevölkerung über die Gefahren von Aids und zahlreichen Schwangerschaften aufzuklären, ist Mitte der neunziger Jahre fehlgeschlagen. Muslimische Geistliche hatten überlebensgroße Plakatwerbung zum Einsatz von Kondomen als würdelos und verunglimpfend empfunden und systematisch abreißen lassen.

Sorgfältig angelegt und geplant

Fast zehn Jahre später unternahm das Land mit Unterstützung der KfW Entwicklungsbank einen neuen Versuch des sogenannten "sozialen Marketing" – eine Methode, die herkömmliche Marketingmethoden anwendet, allerdings nicht um Produkte zu verkaufen, sondern um Verhalten zu ändern oder Wissen zu vermitteln. Dieses Mal ging man überlegter und vorsichtiger vor.

Mit Hilfe der KfW wurde eine landesweit tätige Organisation zum "Social Marketing" mit dem Namen „Animas-Sutura“ gegründet, die mittlerweile als zentrales Instrument zur Umsetzung der nationalen Bevölkerungspolitik und Aids-Strategie gilt. Ihr Ziel ist es, Kondome und andere Verhütungsmittel so zu verbreiten, dass sie für jeden Mann und jede Frau im Niger zugänglich sind, ganz gleich, wo sie wohnen. Damit verbindet sich natürlich auch die Hoffnung, das Verhalten der Menschen zu ändern und sowohl den Anstieg von HIV-Infizierten als auch die Bevölkerungsdynamik zu beeinflussen beziehungsweise den ungedeckten Bedarf an Verhütungsmitteln zu senken.

Als Logo ein landestypischer Hut

Damit sich die Vorfälle aus den neunziger Jahren nicht wiederholen, haben die Verantwortlichen dieses Mal viel Wert auf Sitten und Bräuche im Land gelegt. Für die Verbreitung von Kondomen zum Beispiel wurde sorgfältig ein passendes Logo ausgewählt: Es zeigt einen landestypischen traditionellen Hut (Foula), bekannt dafür, besonders gut vor der gleißenden Sonne im Niger zu schützen – eine Anspielung auf Kondome, die ja auch schützen sollen.

Um die neue Marke zu platzieren, suchte man sich prominente Kooperationspartner, wie zum Beispiel den bekannten und populären Ringkämpfer Balla Harouna, dessen Konterfei auf den ersten Werbeplakaten zu sehen war.

Außerdem wurde das Logo, das sich bald in vielen Teilen des Landes ausbreitete, begleitet von einer intensiven Radiokampagne. Das trug zum Erfolg bei, aber auch die vielen ungewöhnlichen Vertriebswege hatten daran Anteil: Anti-Aids-Kioske an großen Straßen und Trucker-Routen gehören genauso dazu wie Taxifahrer oder fliegende Händler, die Kondome an wechselnden und ungewöhnlichen Plätzen anbieten und dadurch Anonymität garantieren.

Vertrauenspersonen eingebunden

Außerdem wurden in mehr als 100 Dörfern besonders anerkannte Frauen, so genannte "Femmes relais", in Fragen rund um Krankheiten und Familienplanung ausgebildet. Sie gelten als Vertrauenspersonen und veranstalten regelmäßig Frauentreffen, moderieren Diskussionen, verteilen Kondome und zeigen, wie sie korrekt angewendet werden, geben Tipps für die Verwendung von Wasserreinigungstabletten, Moskitonetzen und vieles mehr.

Nach einigen Jahren des "sozialen Marketing" im Niger steht fest, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Die Kampagne ist akzeptiert, auch in religiösen Kreisen. Immer neue Kioske und Verkaufsstellen wurden eröffnet, mehr als 16 Millionen Kondome zwischen 2003 und 2008 vergeben. Damit haben sich die selbst gesteckten Ziele mehr als erfüllt.

Gute Noten von unabhängigen Experten

Vor kurzem haben HIV/AIDS-Experten ("HIV Peer Review Group") das Projekt nach acht verschiedenen Kriterien bewertet. Ergebnis: Es erfüllt alle acht untersuchten Kategorien (wie zum Beispiel Effektivität, Übertragbarkeit auf andere Vorhaben, partizipativer Ansatz, Gendersensibilität etc.) und wurde von unabhängigen Fachleuten als Modell-Projekt eingestuft - ein Erfolg für "Animas-Sutura" und die KfW Entwicklungsbank.

Wegen der guten Akzeptanz der Kampagne soll die Produktpalette noch größer werden: Künftig wird es auch die Pille geben; weitere bisher unerreichte Regionen sollen angeschlossen werden. Für ganz entlegene Gebiete kommen noch mobile Einheiten dazu, die durchs Land fahren, damit eines Tages wirklich jeder Erwachsene des Landes Verhütungsmittel erhalten kann, wenn er oder sie das wünscht.

Kräftiger Sportler mit dem Foula-Symbol in der Hand

Direkt nach einem Kampf wirbt Ringerstar Balla Harouna für Foula-Kondome. 


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Stand: 24. November 2009


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