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„Ein Marathon, kein Spurt“

Interview mit KfW-Abteilungsleiterin Arlina Elmiger über den Stellenwert der Digitalisierung in der Entwicklungszusammenarbeit und warum sich die KfW hier große Ziele gesetzt hat.

Portrait Arlina Elmiger
Arlina Elmiger, Leiterin der Abteilung "Digitalisierung, Innovation und Kommunikation" der KfW Entwicklungsbank, im Interview
Noch stecken wir mitten in der Corona-Pandemie, aber schon jetzt ist klar, dass wir sie ohne digitale Instrumente wesentlich schlechter hätten bewältigen können. Stimmt diese Aussage auch für die Entwicklungsländer?

Auf jeden Fall, allerdings sind die Dinge unterschiedlich gelagert. Bei uns geht es neben Gesundheitsfragen oft auch um die Möglichkeiten des Homeoffice, der Zusammenarbeit auf Distanz und des Homeschooling. Das spielt in den Entwicklungsländern nicht dieselbe Rolle, weil es weniger Bürojobs gibt. In den Entwicklungsländern trifft die Corona-Pandemie die Menschen und ihre Existenzen mit weitaus größerer Wucht. Deshalb geht es dort mehr um Fragen, wie man die Bevölkerung am besten informieren kann, wie man Inzidenzen erfasst, das Gesundheitssystem stärkt, Impfkampagnen ausrollt – also letztlich darum, wie man Menschen erreichen und schützen kann. Hierfür sind digitale Hilfsmittel ganz entscheidend.

In zentralen Punkten entfernen sich die Entwicklungsländer wegen der Pandemie wieder von den nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs). Kann Digitalisierung diesen Verlust wettmachen? Oder könnte man sogar sagen, ohne Digitalisierung sind die Ziele unerreichbar?

So ist es. Schon vor der Pandemie war klar, dass wir die Ziele, ohne das Potenzial der Digitalisierung zu nutzen, nicht erreichen können. Das gilt jetzt erst recht. Wobei ich betonen möchte: Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, ein Hilfsmittel, um sich den SDGs effizienter und effektiver anzunähern.

Gibt es Bereiche, bei denen die Digitalisierung besonders wirkungsvoll ist?

Eigentlich gibt es keinen Sektor, in dem digitale Technologien, die Vernetzung sowie das Erfassen und Nutzen von Daten keine Wirkung hat. Ein paar Beispiele: Im Gesundheitssektor kann Digitalisierung Ungleichheiten abbauen, wenn etwa die ländliche Bevölkerung durch Telemedizin eine bessere medizinische Versorgung erhält. Auch Im Klimabereich sind die digitalen Potenziale bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Klimarelevante Daten durch Sensoren, Satelliten, Daten- und Managementinformationssysteme zu sammeln und zu nutzen – in unseren Projekten und darüber hinaus – hilft, die Reduktion von CO2 zu messen oder Modellierungen für Anpassungsszenarien vorzunehmen. Und schließlich sind natürlich die Möglichkeiten, etwas aus der Ferne zu bearbeiten und voranzutreiben, das sogenannte „Remote-Arbeiten“, sehr vielversprechend. Letzteres wird vor allem für unsere eigene Tätigkeit als Entwicklungsbank immer wichtiger, gerade in Zeiten eingeschränkter Reisemöglichkeiten.

Raum mit mehreren Bildschirmen, auf einem zeigen zwei Kollegen Bilder aus einer Baustelle, auf den anderen sieht man den Grundriss, einige Statistiken und weitere Kollegen, die zusehen.
Virtueller Projektbesuch via "Remote Management, Monitoring and Verification" (RMMV)
Ist die Bedeutung der Digitalisierung inzwischen überall angekommen? Forcieren auch die Entwicklungsländer diesen Prozess?

Nahezu alle Länder, mit denen wir arbeiten, haben großes Interesse an einer schnellen Digitalisierung. So gut wie alle haben die Vorteile erkannt. Die Frage ist, wie systematisch und strukturiert und auch wie reguliert das Ganze geschieht. Es fehlen manchmal Masterpläne, dann wieder Kompetenzen. Die Digitalisierung umfasst viel viel mehr als die Einführung einer Technologie; das sehen wir auch bei uns. Es geht letztlich um die Umwälzung ganzer Lebens- und Wirtschaftsbereiche. Nicht ohne Grund sprechen wir von digitaler Transformation. Und dazu braucht es eine neue Kultur des Denkens und Handelns.

Können wir dabei auch von den Entwicklungsländern lernen? Staaten wie Ruanda scheinen manchem Industrieland davon zu eilen in Sachen Digitalisierung...

Ruanda ist ein Beispiel, aber es gibt auch noch andere Länder. Ostafrika hat sich zu einem Digitalisierungs-Hub entwickelt und wie weit viele asiatische Staaten sind, ist allseits bekannt. Das heißt: Wir als KfW können und wir sollten unbedingt von anderen Weltgegenden lernen, als Gesellschaft und als Entwicklungsakteur. Kolleginnen und Kollegen berichten immer wieder von Partnern, die über gut funktionierende digitale Prozesse verfügen, an deren Einführung wir in der KfW noch arbeiten.

Wie weit ist die Digitalisierung denn in der KfW Entwicklungsbank gediehen?

Wir sind mittendrin. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass es seit Juli 2020 eine neue Abteilung dazu gibt. Hier arbeiten rund 20 Leute allein in der KfW Entwicklungsbank an Digitalisierungsthemen. Darunter sind zum Beispiel Digital Scouts, die digitale Potenziale aufspüren und identifizieren. Wir haben digitale Promoter, die sich darum kümmern, die KfW stärker mit der Außenwelt zu vernetzten. Und alle zusammen versuchen wir, die Prozesse effizienter und vor allem medienbruchfrei und ohne Mehrfacheingaben zu gestalten. Dabei spielen Daten für uns eine zentrale Rolle. Denn über die bessere Nutzung und Analyse von Daten können wir Förderentscheidungen mit Blick auf den bestmöglichen SDG-Beitrag evidenzbasierter treffen und unser Portfolio noch wirkungsorientierter steuern. Das ist eine große Aufgabe.

Wie genau soll das funktionieren?

Wir sind dabei, ein Portfolio-Management-Tool einzuführen, das uns in die Lage versetzt, unseren Arbeitsalltag digitaler und nutzerfreundlicher zu gestalten. Die Kolleginnen und Kollegen können dann schnell auf relevante Portfolio-Daten zugreifen und werden auch durch die Prozesse geführt. Auf diese Weise kann man nicht nur das Portfolio digital verwalten, sondern zum Beispiel auch Wirkungs- und Klimaanalysen erstellen. Von der Struktur des Projekts, über die Auszahlungsmodalitäten bis hin zu seinen Wirkungen – alles wird an einer Stelle gesteuert und aktualisiert. Damit reduzieren wir Medienbrüche und erleichtern die Zusammenarbeit im Team. Unsere zahlreichen Prozesse werden viel einfacher, übersichtlicher und strukturierter.

Lässt sich das Tool auch mit anderen vernetzen?

Das wäre dann der nächste Schritt, soweit sind wir allerdings noch nicht. Wir beginnen intern, aber es ist schon das Ziel, uns mit Partnern und natürlich den Auftraggebern auszutauschen und in Richtung „Open Data“ zu gehen.

Könnte sich daraus auch ein neuer Geschäftszweig entwickeln? Gibt es dazu schon Überlegungen?

Wir denken tatsächlich darüber nach, wie das Finanzierungsmodell der Entwicklungszusammenarbeit durch eine bessere Nutzung von Daten auf eine andere Ebene gehoben werden könnte, etwa durch wirkungsvollere Analyse- oder Anreizsysteme. Wir überlegen auch, wie Daten, die wir als Entwicklungsbank sammeln und über unsere neuen digitalen Tools künftig auch leicht abrufen können, noch besser in Wert gesetzt werden könnten – etwa für den Klimaschutz und andere Nachhaltigkeitsthemen.

Wo steht die KfW im Vergleich zu anderen Entwicklungsorganisationen Ihrer Einschätzung nach?

Im Mittelfeld. Aber wir haben den Anspruch, der Digitalisierung in den nächsten Jahren einen großen Push zu verleihen. Derzeit sind nur 3 % unserer Prozesse wirklich digital vernetzt, etwa 10 % der Neuzusagen haben eine digitale Komponente. Beides wollen wir Zug um Zug substantiell erhöhen. Das eine haben wir selbst in der Hand. Um das digitale Potenzial in unseren Projekten zu nutzen und unsere Partner bei der digitalen Transformation zu begleiten, braucht es neue Herangehensweisen bei der Projektplanung, Implementierung und der Zusammenarbeit innerhalb der FZ, mit den Partnern und anderen Stakeholdern in diesem sehr dynamischen Umfeld. Dabei gilt: Je besser wir selbst intern aufgestellt sind, desto besser können wir die Möglichkeiten der digitalen Technologien in Projekten nutzen. Unsere Partner können wir nur qualifiziert beraten, wenn wir die Themen aus eigener Anschauung kennen.

Die Digitalstrategie der KfW Entwicklungsbank
Die KfW Entwicklungsbank hat vor kurzem eine eigene Digitalstrategie verabschiedet, in der zum Beispiel steht, dass sie bis zum Jahr 2025 ein führender Partner bei der Entwicklung und Finanzierung digitaler Lösungen zur Erreichung der SDGs sein möchte. Ist das ein realistisches Ziel?

Das ist zweifellos ambitioniert, aber nicht unrealistisch. Meiner Ansicht nach ist es wichtig, die Messlatte hoch zu hängen, damit wir wirklich vorankommen. Relativ weit vorne sind wir beim Thema „Remote Management, Monitoring and Verification“, also dem Steuern von Projekten aus der Ferne. Da haben wir die Zeit der Pandemie genutzt und auf den umfangreichen Erfahrungen der Projektarbeit in fragilen Ländern aufgebaut, in denen wir aufgrund der Sicherheitsrisiken schon seit Jahren Projekte aus der Ferne planen und umsetzen. Wir haben bereits rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Remote-Projektmanagement fortgebildet. Außerdem verfügen wir mittlerweile über vier Büros in Frankfurt mit der nötigen Ausstattung für virtuelle Projektbesuche, von denen aus man zum Beispiel den Baufortschritt eines Gebäudes detailliert verfolgen kann. Aber auch hier wollen wir permanent besser werden. Digitalisierung ist kein Spurt, sondern ein Marathon.

Braucht es für die Veränderungen einen anderen Typus Mitarbeiter? Ändert sich hier gerade das Stellenprofil der Entwicklungszusammenarbeit?

Die Welt hat sich insgesamt verändert. Digitalisierung findet überall statt, wir müssen alle digitaler und technikaffiner werden, um in vielen Bereichen mithalten zu können. Deshalb denke ich, der generelle Wandel in der KfW ist nicht größer als in anderen Lebensbereichen. Aber klar ist auch, in dieser neuen digitalen Welt muss man agiler, anpassungsfähiger und flexibler sein als früher.

Es geht also um mehr als Technik...

Absolut. Digitalisierung ist kein Selbstzweck, etwas für technikverliebte Nerds, sondern sie muss immer Ziel und Richtung haben. Deshalb braucht es neben Technik, Systemen und Strategien auch eine Haltung, zum Beispiel zu Datenschutzfragen. Und es braucht Menschen, die in der Lage sind, mit dieser Technik umzugehen. Erst wenn alle diese Faktoren zusammenkommen, können wir die Vorteile der Digitalisierung im Sinne der Nachhaltigkeit und der SDGs nutzen und in Wert setzen.

Das Interview führte Friederike Bauer.