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„Arbeit – das beste Mittel gegen Armut“

Interview mit Prof. Dr. Jochen Kluve, Wirtschaftswissenschaftler und Leiter der KfW-Evaluierungsabteilung, über die Bedeutung von Arbeit und welche Faktoren wichtig sind, um mehr Jobs zu schaffen.

Dr. Jochen Kluve
Jochen Kluve – der Wirtschaftswissenschaftler mit ausgewiesener internationaler Expertise in der Arbeitsmarkt- und Entwicklungsökonomik leitet die Evaluierungsabteilung der KfW Entwicklungsbank seit Oktober 2019.

Der Schriftsteller William Faulkner sagte einmal: „Du kannst nicht acht Stunden am Tag essen, nicht acht Stunden am Tag trinken und nicht acht Stunden am Tag Liebe machen, aber du kannst acht Stunden am Tag arbeiten.“ Was schließen Sie daraus?

Arbeit ist ein Kernaspekt unseres Lebens. Sie strukturiert unseren Tag, unser Jahr, sogar unser Leben. Schon Kinder gehen in den Kindergarten, später in die Schule. Bildung ist unser Weg hin zur Arbeit. Dazu kommt: Wir verdienen unser Einkommen mit Arbeit und bestreiten so unseren Lebensunterhalt. Wer keine hat, fällt in vielen Ländern schnell ins Bodenlose. Dann hat Arbeit auch noch eine soziale Dimension, weil wir dabei Menschen treffen und interagieren, und eine gesellschaftliche, denn wir erledigen dabei wichtige, für alle nützliche Aufgaben. Man könnte trefflich darüber streiten, ob es acht Stunden am Tag sein müssen. Vielleicht würden auch sechs genügen. Aber dass Beschäftigung und Arbeit einen wesentlichen Teil unserer heutigen Welt ausmachen, steht außer Frage.

Früher sprach man gerne von „ehrlicher Arbeit“. Gibt es so etwas heute eigentlich noch?

Ich denke schon, dass bei einem Großteil der Beschäftigten Aufwand und Einkommen in direktem Verhältnis stehen. Das gilt zumindest für die Industrieländer. Die Tatsache, dass wir über Mindestlöhne und deren angemessene Höhe sprechen, betrachte ich als Beleg dafür, dass man versucht, Arbeit und Einkommen auf einem ehrlichen Niveau zu halten. Mit allen Unzulänglichkeiten im Detail. Anders sieht es in Entwicklungsländern aus. Dort gibt es oft nicht genug angemessen bezahlte Arbeit oder wie man auf Englisch sagt: „decent work“. Angemessen in dem Sinne, dass der Lohn zum Überleben reicht. Deshalb ist es wichtig, darauf hinzuarbeiten, dass sich die wirtschaftliche Lage in den ärmeren Ländern verbessert und dabei zugleich ordentlich bezahlte Beschäftigung entsteht.

Arbeiter auf der Baustelle zur Erweiterung der Kläranlage Zandvleit in Kapstadt
Arbeiter auf einer Kläaranlagen-Baustelle in Südafrika.

Gilt Arbeit immer noch als das beste Mittel, um sich aus der Armut zu befreien?

Auf jeden Fall. Das gilt über alle Generationen und alle Länder hinweg. Die Forschungsergebnisse sind hier sehr eindeutig. Arbeit bestimmt auch im Wesentlichen die soziale und wirtschaftliche Stellung in einer Gesellschaft, bei uns genauso wie in den Entwicklungsländern.

Und trotzdem ist Arbeit ein rares Gut. Dabei ist die Welt voller Aufgaben, Dinge die erledigt, organisiert und geregelt werden müssen. Warum ist das so? Warum gibt es nicht genügend anständig bezahlte Jobs?

Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage, weshalb ich auch nicht behaupte, dass es dafür ein Patentrezept gibt. Sondern es braucht ein Bündel an Maßnahmen, um mehr Jobs zu schaffen. Bildung ist ein entscheidender Baustein. Wenn man es schafft, Menschen von Anfang an auf einen guten Weg zu bringen, ändert das unheimlich viel – für deren späteres Leben und für Gesellschaften als Ganzes. Wie gut eine Gesellschaft, auch ein Arbeitsmarkt, funktioniert, hat viel damit zu tun, aus welchen individuellen Bildungskarrieren sie sich zusammensetzt. Deshalb gilt es, über die Entwicklungszusammenarbeit Bildungssysteme zu stärken.

Afrika benötigt wegen des Bevölkerungswachstums etwa 20 Millionen Jobs im Jahr. Kann man die allein über Bildung schaffen?

Bildung ist ein Baustein, aber nicht der einzige. Ein weiterer ist ein förderliches Klima für Unternehmensgründungen, vor allem für kleine Unternehmen. Die Masse der Arbeitsplätze entsteht weltweit im Privatsektor. Deshalb muss man ihm entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, das heißt möglichst wenige Hürden und wenig Bürokratie, damit Firmen schnell entstehen können. Das dritte Element ist der Abbau von Informationsdefiziten, um Arbeitssuchende und Firmen zueinander zu bringen. Daran mangelt es zum Beispiel in vielen afrikanischen Ländern. Dort brauchen Absolventen im Schnitt zwei bis drei Jahre, um die erste Stelle zu finden. Das ist viel zu lang.

Blick in eine Küche der Konditoreikette Gourmandise in Tunis
Kleine und mittlere Unternehmen beschäftigen einen Großteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, erhalten jedoch selten Kredite von den Banken.

Helfen hier nicht auch Berufsschulen, weil sie beide Seiten schon in der Ausbildung zueinander bringen?

Das Duale System ist dafür hervorragend geeignet. Damit überwindet man das Informationsdefizit, von dem ich eben sprach, und Berufsschulen überbrücken die Lücke zwischen Ausbildung und Markt. Es gibt viele Spielarten dieses zweigleisigen Bildungsansatzes, je nach Kontext auch mal deutlich kürzer als die deutsche Version. In der Regel sind auch alle erfolgreich, wie uns die Evidenz zeigt. Und hier können wir mit der Entwicklungszusammenarbeit aufgrund unserer Erfahrungen aus Deutschland viel bewirken.

Welche Faktoren sind noch wichtig, um Arbeit zu generieren?

Die Landwirtschaft ist ebenfalls ein entscheidender Job-Motor. Dort finden mit Abstand die meisten Menschen Arbeit im ländlichen Raum. Hier geht es vor allem darum, die Landwirtschaft produktiver zu machen, zum Beispiel durch modernere Anbaumethoden, Bewässerung, neue Maschinen und besseres Training. In Afrika gibt es die meisten noch bebaubaren Flächen. Und dort, wo heute schon Landwirtschaft betrieben wird, wäre durch einen Modernisierungsschub sehr viel mehr herauszuholen. Da gibt es noch viel Potenzial.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf den Arbeitsmarkt? Wir alle haben die vielen Wanderarbeiter vor Augen, die ihre Jobs verloren haben und massenweise in ihre Dörfer zurückgekehrt sind.

Einen enorm großen; die Zahl der Arbeitsplätze ist drastisch gesunken, im Jahr 2020 nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation um knapp 9 % weltweit. Das ist in etwa vier Mal so viel wie während der Finanzkrise; am härtesten traf es junge Menschen. Davon werden wir uns irgendwann wieder erholen, vorausgesetzt es steht genügend Impfstoff zur Verfügung, aber es wird lange dauern und bei einigen bleibende Spuren hinterlassen. Unterbrechungen von Bildungswegen und Schocks auf dem Arbeitsmarkt wirken jahrelang, bei den betroffenen Berufseinsteigenden manchmal jahrzehntelang nach, meist in Form von geringeren Löhnen und Aufstiegschancen. Das nennt man in der Literatur „Scarring-Effekt“, weil Narben zurückbleiben.

Derzeit ist viel die Rede von „Green Recovery“ oder von „Recover Forward“, also der Vorstellung, dass man die staatlichen Stimulus-Programme aus der Corona-Krise für grüne Investitionen und grüne Arbeitsplätze nutzt. Ist das aus Ihrer Sicht ein realistisches Szenario?

Das ist ein weiterer Baustein, weil Innovationen typischerweise Treiber für neue Arbeitsplätze sind. Wir sollten diese Post-Corona-Zeit als Gelegenheit nutzen, grünen Wirtschaftspraktiken durch entsprechende Anreize Auftrieb zu geben. Das ist wichtig, für unseren Planeten sowieso, aber eben auch um Beschäftigung zu generieren.

Sie haben als Bausteine also Bildung und Ausbildung, ein förderliches Umfeld für Unternehmensgründungen, Menschen und Märkte zusammenbringen, eine produktivere Landwirtschaft und „Recover Forward“ genannt. Wo genau kann die KfW am besten unterstützen?

Die KfW kann mit ihren Projekten und Programmen an all diesen Punkten ansetzen, und das macht sie auch. Besondere Unterstützung kann sie als Bank jedoch bei der Entwicklung von Finanzmärkten leisten. Studien haben gezeigt, dass gründungswillige Unternehmer entsprechendes Know-how benötigen und gleichzeitig Zugang zu Finanzprodukten. Fehlt letzteres, bleibt der wirtschaftliche Erfolg in der Regel aus. Auch bereits existierende Unternehmen haben nur dann die Möglichkeit zu wachsen und Arbeitsplätze zu schaffen, wenn sie investieren können und dafür die entsprechenden finanziellen Mittel haben.

Mitarbeiter und Kundin am Bankschalter bei der Vergabe eines Mikrokredits
Unternehmensgründungen und -erweiterungen sind ohne Zugang zu Finanzprodukten nicht möglich.

Welche Rolle spielt die Evaluierung bei diesem Thema? Wie kann sie die Entwicklungszusammenarbeit verbessern?

Evaluierung ermittelt und bewertet die Wirkungen und Zielerreichung der Vorhaben, und kann uns so sagen, was wir gut gemacht haben, was weniger gut, und wie wir noch besser werden können. In der konkreten Arbeit meiner Abteilung machen wir drei Dinge. Wir führen, erstens, sogenannte Ex-Post-Evaluierungen durch, das heißt, wir schauen einige Jahren nach Projektende, welche Wirkungen sich aus einem Projekt ergeben haben und ob diese weiterhin bestehen. Das ist unser Kerngeschäft seit vielen Jahren. Zudem begleiten wir, zweitens, Projekte von Anfang an durch Wirkungsmessung. Das heißt, wir speisen unsere Erkenntnisse in ein laufendes Vorhaben ein, das dann gegebenenfalls noch umgesteuert werden kann. Das ist ein neuerer Ansatz. Und drittens treiben wir das institutionelle Lernen voran und spielen unsere empirischen Ergebnisse möglichst zielgenau und nutzbar in die Entwicklungsbank zurück, zum Beispiel durch Evaluierungsberichte, durch Diskussionsformate, vor allem aber durch eine neue interaktive App mit allen Evaluierungsergebnissen. Mit diesen drei Instrumenten versuchen wir die Entwicklungsarbeit zu verbessern, auch beim Thema Arbeit.

Wenn eine junge Afrikanerin, ein junger Afrikaner aus armem Hause auf Sie zukommt und fragt, was sie, er machen soll, um einen guten Job zu bekommen. Was raten Sie?

Ich würde ihr oder ihm sagen: Versuche so viel wie möglich zu lernen. Das muss nicht in der Stadt und auch kein moderner, hipper Beruf sein. Eine solide Ausbildung genügt, aber sie muss abgeschlossen sein, denn Lernen ist das entscheidende Erfolgs-Rezept im Leben.

Das Interview führte Friederike Bauer.