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„Wir haben eine imaginäre Männerquote“

Interview mit Dagmar Schumacher, Direktorin des EU-Verbindungsbüros von UN Women, über Corona, die Lage von Frauen und warum sie dreifach benachteiligt sind.

Foto von Dagmar Schumacher
Dagmar Schumacher, Direktorin des EU-Verbindungsbüros von UN Women.
Die Corona-Pandemie scheint gerade Frauen ganz besonders zu treffen. Wo und wie zeigt sich das am meisten?

Als allererstes möchte ich die Gewalt gegen Frauen nennen. Sie stellte schon vor Corona eine große Herausforderung dar, und zwar weltweit – sie ist wie ein globales Feuer, das einfach nicht zum Erlöschen gebracht wird. Durch Corona hat sich das Phänomen noch einmal deutlich verstärkt, weil Frauen einen erzwungenen Rückzug erleben und dann häuslicher Gewalt fast schutzlos ausgeliefert sind. Zugleich gibt es viel weniger Schutzräume und Möglichkeiten zur Zuflucht.

Woher weiß man eigentlich, dass die Gewalt zugenommen hat in Zeiten der Pandemie? Wie kann man das messen?

Generell gilt: Eine von drei Frauen erfährt Gewalt. Das ist der globale Schnitt, der sich tatsächlich auch über die ganze Welt erstreckt. Genaue Zahlen, wie sich das während der Corona-Pandemie entwickelt hat, liegen uns noch nicht im Einzelnen vor, gerade weil Vieles versteckt stattfindet. Aber von den großen Tech-Unternehmen wissen wir, dass die Schlagwortsuche nach Wörtern wie „sexueller Missbrauch“ oder „sexuelle Gewalt“ sprunghaft gestiegen ist. Und die Hotlines erleben ebenfalls eine erhöhte Nachfrage. Das sind eindeutige Hinweise darauf, dass Corona die Lage für viele Frauen verschlechtert hat.

Sehen Sie noch mehr Probleme, die sich für Frauen aus der Pandemie ergeben?

Ich sehe ein ganzes Bündel. Frauen sind häufig von extremer Armut bedroht, und sie verlieren eher ihren Job. Die hausnahen Dienste, typische Tätigkeiten für Frauen, oftmals ohne jede soziale Absicherung, sind wegen der Lockdowns als erstes heruntergefahren worden. Frauen kämpfen also mit massiven wirtschaftlichen Schwierigkeiten, deren genaue Folgen sich noch gar nicht absehen lassen. Aber klar ist, wir verlieren hier Fortschritte, die in den letzten Jahren erzielt wurden, wenn wir nicht entschlossen gegensteuern. Die Corona-Pandemie verstärkt viele Geschlechterungerechtigkeiten.

Gibt es weitere Härten?

Viele Mädchen werden zu den Bildungsverlierern gehören, weil sie wahrscheinlich auch nach Öffnung der Schulen nicht mehr in ihre Einrichtungen zurückkehren können, aus den unterschiedlichsten Gründen. Das ist ein Einschnitt, der ihr ganzes späteres Leben negativ beeinflussen wird. Die Weltbank hat errechnet, dass sich dadurch auch noch Jahre später Einkommenseinbußen ergeben.

Portrait einer Erstklässlerin in einer Grundschule während des Unterrichts
Bildungschancen waren schon vor Corona ungleich verteilt; die Pandemie wird das Problem voraussichtlich verschärfen.
Und zu Hause leisten Frauen einen Großteil der Arbeit...

Das ist richtig. Frauen sind im Haushalt und bei der Sorgearbeit, der sogenannten „care work“, in etwa doppelt so aktiv wie Männer. Auch dieses Ungleichgewicht hat sich durch die Krise weiter verschärft. Rund um den Globus ackern sie jetzt nochmal mehr, um den Laden mit Fernunterricht etc. am Laufen zu halten. Auch Bundeskanzlerin Merkel hat schon von „Retraditionalisierung“ gesprochen, die wir dadurch gerade erleben. Das halte ich für ein großes Problem. Dieses Muster darf sich nicht verfestigen.

Gleichzeitig sind Frauen besonders gefordert im Gesundheitssektor.

Ganz genau. Rund 70 % der Gesundheitskräfte, die mit dem Kampf gegen COVID-19 zu tun haben, sind Frauen. Auf ihnen lastet damit ein Großteil der gegenwärtigen Härten in diesem Bereich. Zugleich sind sie in den Gremien, die Sonderprogramme im Zusammenhang mit der Pandemie auflegen, eklatant unterrepräsentiert.

Was bedeutet das genau?

In Zahlen ausgedrückt heißt das: In den rund 220 Task Forces, die weltweit wegen der Pandemie gebildet wurden, befinden sich nur rund 24 % Frauen. In 24 Ländern bestehen diese Gremien sogar ausschließlich aus Männern. Das hat natürlich Folgen. Die Programme sind nicht auf Gender und Frauen ausgerichtet. UN Women hat in Zusammenarbeit mit UNDP über den „COVID-19 Response Tracker“ errechnet, dass von den mehr als 2.000 Sozial- und Arbeitsmarktprogrammen, die mittlerweile aufgelegt sind, nur rund 13 % auf die wirtschaftliche Sicherheit von Frauen abzielen.

Zusammengefasst kann man sagen: Frauen haben durch die Pandemie eklatante Nachteile; sie leisten einen Großteil der Arbeit, sind dabei aber stärker von wirtschaftlichen Einbußen und häuslicher Gewalt betroffen.

Und profitieren deutlich weniger von staatlichen Unterstützungsprogrammen. Frauen sind gewissermaßen dreifach benachteiligt.

Ein Mann wird geimpft
Auf Frauen lastet ein Großteil der Arbeit im Gesundheitssektor.
Die Pandemie wirkt wie ein Verstärker, aber vorher war die Lage für Frauen auch schon alles andere als rosig. Gibt es überhaupt ein Land, in dem die Gleichberechtigung tatsächlich verwirklicht ist?

Leider nein. Kein einziges. Sicherlich gibt es Frauen, denen es gut geht, die für sich in Anspruch nehmen, gleichberechtigt zu sein, die wirtschaftlich abgesichert sind. Aber auf breiter Fläche ist das in keinem Land der Fall. Das halte ich für misslich und sehr bedauerlich.

Warum ganz genau? Vielleicht möchten Frauen ja gar nicht alles so machen wie Männer.

Das ist nicht der Punkt. Sondern es geht darum, dass sie es nicht können, selbst wenn sie möchten. Außerdem existieren mittlerweile zahlreiche Studien, die belegen, dass mehr Rechte für Frauen nicht nur einen individuellen Nutzen haben, obwohl auch der wichtig ist, sondern Gesellschaften als Ganzes voranbringen. So hat zum Beispiel McKinsey errechnet, dass sich die gleichberechtigte Teilhabe am Wirtschaftsleben auszahlt: Durch Investitionen von rund 2 Bio. USD zwischen 2015 und 2025 könnte die Wirtschaftsleistung bis dahin um 12 Bio. USD gestiegen sein. Das entspräche einem Anstieg von 11 %. Davon würden wir alle profitieren.

Und trotzdem geschieht es nicht. Dem Weltwirtschaftsforum zufolge bräuchten wir noch mindestens hundert Jahre, bis Frauen und Männer gleiche Löhne und Gehälter haben, wenn wir im bisherigen Tempo weitermachen. Und das galt noch vor Corona.

So lange dürfen wir auf keinen Fall warten. Ich muss zugeben, dass ich mittlerweile eine große Ungeduld in mir spüre. Ich möchte auf keinen Fall, dass wir noch hundert Jahre brauchen, um wirkliche Fortschritte zu erzielen. Und ich befürchte, dass wir sogar wieder einen Backlash erleben könnten, nicht zuletzt durch Corona, wenn wir nicht ganz hartnäckig bei der Sache bleiben.

Woran liegt es, dass sich die Dinge nicht schneller entwickeln, obwohl die Fakten doch auf dem Tisch liegen?

Es mangelt nicht am Wissen um die Zusammenhänge oder an der Erkenntnis, sondern am politischen Willen und an der Umsetzung. Damit sich das ändert, müssen wir an den Machtstrukturen rütteln. Nehmen Sie die Parlamente: Bis heute sind im Schnitt immer noch 75 % aller Parlamentarier Männer. Es gibt nur eine Handvoll Parlamente, in denen Frauen wirklich die Hälfte der Mitglieder ausmachen. Aber in den Parlamenten werden die Gesetze gemacht, also die Bedingungen für das gesellschaftliche Zusammenleben geschaffen. Wenn wir dort nicht mehr Gleichberechtigung haben, werden wir nie vorankommen.

Und wie wollen Sie gerade diese Machtstrukturen brechen?

Quoten sind wichtig! Schauen Sie, heute haben wir eine imaginäre Männerquote, weil Männer einfach so gut wie alle Bereiche der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens dominieren. Das müssen wir durch feste Frauenanteile ändern, wie auch im Bericht des UN-Generalsekretärs zur diesjährigen Frauenrechtskonferenz und in deren Abschlusserklärung gefordert wird.

Die Quote ist umstritten und selbst vielen Frauen ein Dorn im Auge.

Ich würde mir wünschen, es ginge ohne. Aber wir haben lange genug beobachtet, dass der Fortschritt nicht schnell genug ist. Meiner Ansicht nach sollten wir jetzt auch nicht mehr unsere Zeit und Energie damit verschwenden, über den Sinn und Nutzen von Quoten nachzudenken, sondern einfach sagen: Lasst es uns versuchen. Und dann schauen wir, welche Wirkungen sie erzielen. Quoten sollten natürlich eine vorübergehende Maßnahme bleiben.

Eine junge Frau sitzt mit ihren Schulbüchern auf dem Boden eines Klassenzimmers
Gleichberechtigung hat nicht nur einen individuellen Nutzen, sondern dient Gesellschaften als Ganzes.
Was kann außer Quoten getan werden?

Es hakt auch bei den Stereotypen, weil einfach immer noch viel zu viele Vorurteile verbreitet werden, in den Medien, in der Werbung, teilweise auch in der Schule und im täglichen Umgang. Sie behindern den Wandel. Deshalb müssen wir mit der Gender-Erziehung schon in der Schule beginnen und sehr genau darauf achten, dass sexistische Bilder vermieden werden.

Wie kann das am besten gelingen?

Das geht nur, wenn wir auf vielen Ebenen gleichzeitig ansetzen: bei den Medien, in den Unternehmen, in der Zivilgesellschaft und natürlich in der Politik. UN Women hat eine globale Kampagne mit dem Titel „Unstereotype Alliance“ ins Leben gerufen, bei der wir mit großen Firmen zusammenarbeiten, um Vorurteile zu bannen. Und wir haben eine wunderbare Gelegenheit, durch das Generation Equality Forum das Thema in diesem Jahr stärker in den Vordergrund zu rücken. Das Generation Equality Forum ist eine globale Zusammenkunft für die Gleichstellung der Geschlechter. Es wird von UN Women organisiert, von den Regierungen Mexikos und Frankreichs ausgerichtet und der Zivilgesellschaft und Jugend mitgestaltet. Das Forum wird konkrete, ehrgeizige und transformative Maßnahmen – „Action Coalitions“ – einleiten, um sofortige und unumkehrbare Fortschritte auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter zu erzielen.

Haben vor allem männliche Regierungschefs inzwischen verstanden, dass es nachhaltige Entwicklung nur mit den Frauen geben kann?

Manche ja, manche nein. Deshalb ist es so wichtig, das Thema im Bewusstsein zu halten. Damit noch mehr Politiker auf der Welt erfahren, dass es ihrem Land besser gehen würde, wenn sie Gleichberechtigung vollends einfordern und verwirklichen.

Sie sind Mutter von zwei Söhnen. Was erzählen Sie denen über Gleichberechtigung?

Wir sprechen viel über das Thema; für sie ist es ganz selbstverständlich. Gleichberechtigung nützt letztendlich der gesamten Gesellschaft – Männer und Frauen, Jungs und Mädchen. Aufgrund von Frauenförderprogrammen wird es für sie vielleicht nicht immer so leicht sein auf dem Arbeitsmarkt wie für Männer früher, aber insgesamt – beruflich und privat – werden sie von diesem Wandel auch profitieren. Ich habe keine Sorge, dass meine Jungs untergehen.

Das Interview führte Friederike Bauer.