Tipp: Aktivieren Sie Javascript, damit Sie alle Funktionen unserer Website nutzen können.

Frauen aus Tunis berichten über ihren Mobilitätsalltag

Mobilitätsalltag in Tunis
Großer Andrang in der Metro – für Frauen nicht immer angenehm.

Während meines Studiums in Marburg und Frankfurt nutzte ich täglich öffentliche Verkehrsmittel. Ich schaute auf meine App, um herauszufinden, wann der nächste Bus und die nächste Bahn kommen – ging einfach aus dem Haus. Das sieht andernorts ganz anders aus; in vielen Städten der Welt ist der tägliche Verkehr eine echte Geduldsprobe: Als Tochter eines Tunesiers und weil ich mich dem Land persönlich verbunden fühle, wollte ich – im Rahmen meiner Masterarbeit – herausfinden, wie Frauen sich in dem Maghreb-Land fortbewegen.

Deshalb habe ich den Zusammenhang zwischen Gender und Mobilität in Tunesien untersucht und bin dabei der Frage nachgegangen, ob Frauen besondere Hindernisse überwinden müssen, wenn sie sich in der Hauptstadt Tunis bewegen. Dafür habe ich 13 Studentinnen zu ihrem Mobilitätsverhalten befragt. Bisherige Studien waren zu dem Ergebnis gekommen, dass Studierende ihr Transportmittel nach Faktoren wie Kosten, persönliche Vorlieben und der tatsächlichen Infrastruktur – etwa dem Vorhandensein von Fuß- oder Radwegen – auswählen. Ich wollte zusätzlich ergründen, mit welchen Problemen sich Frauen konfrontiert sehen.

Mein Bruder hat einen Führerschein, ich nicht

Gender und Mobilität in Tunesien
Sicherheit kommt zuerst.

"Wenn ich um 8 Uhr in der Vorlesung sitze, dann bin ich zwei Stunden vorher aufgestanden, habe auf den Bus gewartet, bin in die Metro umgestiegen und zum Campus gelaufen", erzählt Asma, eine Medizinstudentin aus Tunis, denn "ein Auto können meine Mutter und ich uns nicht leisten." Finanzielle Mittel sind mithin ein entscheidender Faktor bei der Wahl des Transportmittels.

"Mein Bruder hat einen Führerschein und fährt mit unserem Familienauto. Aus irgendwelchen Gründen glauben meine Eltern, dass ich keinen Führerschein brauche, um mobil zu sein", berichtet Sara. Auch Erziehung und Sozialisation spielen eine zentrale Rolle.

"Wenn ich meine Situation mit der meiner Brüder vergleiche, dann sehe ich den Unterschied. Sie können einfach auf den Türabsatz des fahrenden Busses springen und in der offenen Tür hängen. Ich hingegen habe Angst, belästigt zu werden" führt Nour aus. "In der Nacht fahre ich nie allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln." Aus Angst vor Belästigungen vermeiden die jungen Frauen öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad, umgehen bestimmte Verkehrsrouten und nutzen öffentliche Infrastruktur nur tagsüber oder in Begleitung.

Sicherheit hat Vorrang

Essia Sophia Ouertani
Essia Sophia Ouertani war Werkstudentin im KfW-Team Energie und Mobilität in Nordafrika/Nahost von 2015 bis 2017.

Daraus lässt sich schließen: Es gibt genderunabhängige und genderspezifische Mobilitätsbarrieren. Zu den Faktoren, die unabhängig vom Geschlecht greifen, zählen alte Busse, unbequeme Sitze, geringe Taktung – kurz gesagt die fehlende Attraktivität der Infrastruktur. Ob Transportmittel sicher sind und wie viele Personen sich darin befinden, erachten die befragten Studentinnen dagegen als eine Herausforderung, mit der hauptsächlich Frauen zu kämpfen haben, sie ist also genderspezifisch.

Was lässt sich dagegen unternehmen? Die befragten Studentinnen sprachen sich vor allem für eine bessere Frequentierung und zusätzliche Busse, Straßenbahnen und Züge, aber auch Überwachungskameras oder Sicherheitspersonal an Stationen und in den Verkehrsmitteln aus. Letztere nach Geschlechtern zu trennen, wie das zum Teil in anderen Ländern, etwa in Mexiko-Stadt, praktiziert wird, lehnten sie hingegen überwiegend ab. Stattdessen wünschen sie sich einen Mentalitätswandel in der Gesellschaft – der Männer?! –, damit Gleichstellung der Geschlechter gelebte Realität wird, nicht zuletzt im öffentlichen Raum. Asma führt dazu aus: "Wir müssen unsere Kindern von klein auf zu gleichgestellten Menschen erziehen, dann wird es in Zukunft besser."

Mit meiner Arbeit habe ich gezeigt, dass eine gendersensible Perspektive bei der Planung und Umsetzung von Mobilitätsvorhaben – auch in der EZ – wichtig ist, weil er einen gleichwertigen Zugang zu Verkehrsmitteln schafft und Frauen dadurch eine bessere gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Solche Vorhaben leisten dann auch einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit.

Als Fazit ist festzuhalten: Die Bedürfnisse von Frauen zu berücksichtigen, lässt insgesamt eine höhere Wertschätzung von öffentlichen Transportmitteln erwarten und leistet gleichzeitig einen Beitrag zur Erfüllung der "Sustainable Development Goals" (SDGs) der Vereinten Nationen. Es lohnt sich also gerade bei öffentlichen Verkehrsmitteln, die Anliegen der Frauen ernst zu nehmen.