Tipp: Aktivieren Sie Javascript, damit Sie alle Funktionen unserer Website nutzen können.

„Piloten heben ab“

Interview mit BMZ-Referatsleiter Dr. Andreas Foerster über die Digitalisierung in ärmeren Ländern und den Wandel in der Entwicklungszusammenarbeit

In Deutschland haben wir durch die Corona-Pandemie einen Push bei der Digitalisierung erlebt. Gibt es ähnliche Tendenzen in den Entwicklungsländern?

Die Lage ist weltweit sehr unterschiedlich und auch noch nicht vollständig zu überblicken; wir befinden uns noch mitten in der Corona-Pandemie. Aber klar ist: Die Entwicklungsländer haben erkannt, dass sie ihr Entwicklungspotenzial deutlich erweitern, wenn sie sich digital gut aufstellen. Hier wie dort benötigt das Betriebssystem ein Update.

Gilt das für alle gleichermaßen?

Die Chancen sehen alle, aber natürlich stehen die Länder an verschiedenen Stellen im Prozess der Digitalisierung. Einige Länder in Asien sind weiter als manches Industrieland. Das ist vielleicht das faszinierende an diesem Thema: Anders als sonst in der Entwicklungszusammenarbeit haben die Geber nicht automatisch die Nase vorn.

Die UN verweisen immer wieder darauf, dass die Nachhaltigkeitsziele durch Corona gefährdet seien, Entwicklungsgewinne verloren gingen. Kann die Digitalisierung dem entgegenwirken?

Die Digitalisierung ist einer der entscheidenden Bausteine, um die globalen Nachhaltigkeitsziele doch noch zu erreichen. Wir brauchen bei der Entwicklungszusammenarbeit eine größere Hebelwirkung. Sonst besteht – auch durch Corona – tatsächlich die Gefahr, dass wir die Ziele weit verfehlen. Und diese Hebelwirkung können wir mit der Digitalisierung erreichen. Sie hilft uns dabei, Entwicklungsziele effizienter zu erreichen, und eröffnet die Möglichkeit, funktionierende Pilotprojekte global zu skalieren. Diese Chance sollten wir unbedingt nutzen.

Könnten Sie das an einem Beispiel erläutern?

Nehmen Sie das Beispiel Berufsbildung. Angenommen, wir entwickeln mit viel Mühe ein gutes Curriculum für Mechatroniker in Bangladesch. Wenn wir dieses Curriculum als E-Learning-Kurs aufsetzen und es auf eine globale E-Learning-Plattform stellen, können unsere Partner den Kurs auch in Bolivien, Malawi, Vietnam und vielen anderen Ländern nutzen. Vielleicht braucht es, je nach kultureller Eigenart, ein bisschen Anpassung, die Sprache ist eine andere, aber das Gerüst bleibt dasselbe und kann mit relativ geringem Aufwand auch anderswo genutzt werden. Und E-Learning ist nur ein Beispiel; das gleiche gilt auch für E-Identity-Systeme, für intelligente Energie- oder Gesundheitssysteme – für fast alle Sektoren und Themen der EZ. Digitalisierung erlaubt uns, erfolgreiche Einzelprojekte aus einer globalen Perspektive zu betrachten und mit relativ geringen Kosten in andere Länder oder Sektoren zu übertragen, so dass erfolgreiche Piloten über den Einzelfall hinaus einen Mehrwert erzeugen.

Einige Kinder sitzen an der Wand angelehnt. Sie bedienen Tablets, die mit Kopfhörern verbunden sind, die die Kinder aufhaben.
Auch in der Primar- und Sekundarbildung bieten digitale Tools neue Möglichkeiten des Lernens.
Allerdings ist die Digitalisierung auch mit hohen Investitionskosten verbunden...

Nicht unbedingt. Wenn wir Erfolgsbeispiele von anderswo nutzen, ist die größte Investition schon gemacht. Dann handelt es sich um eine Art Zweit- und Drittverwertung mit geringen Zusatzkosten. Genau deshalb müssen wir unseren Blick für solche Gelegenheiten schärfen. Dann könnten wir mit jedem investierten Euro eine Vervielfachung der Wirkung erreichen.

Aber es braucht doch Investitionen zum Beispiel für die Netzinfrastruktur. Schließlich ist immer noch die Hälfte der Menschheit nicht am Netz, kann von den Chancen der Digitalisierung noch gar nicht profitieren.

Das ist richtig. Fast 50 % der Menschen haben weltweit noch keinen Zugang zum Internet, in Afrika sind es sogar rund 75 %. In den Netzzugang zu investieren, ist deshalb sehr wichtig, aber wir sprechen hier von enormen Beträgen. Schätzungen zufolge sind dafür allein für Afrika 800 Mrd. EUR nötig. Solche Summen liegen weit jenseits der Möglichkeiten einzelner Nationalstaaten. Den Netzausbau können nur große multilaterale Finanzakteure wie die Weltbank oder die Europäische Investitionsbank stemmen, und das am besten zusammen. Wir helfen dabei, die Kapazitäten der lokalen Regulierungsbehörden zu stärken, denn das Beispiel 5G zeigt, wie kompliziert der richtige Einsatz dieser Investitionen ist.

Stichwort Netzzugang: Die digitale Kluft zwischen Frauen und Männern ist groß und letzthin sogar noch gewachsen. Gleichzeitig wissen wir, dass Frauen für Entwicklung besonders wichtig sind. Wie kann man sie ans Netz bringen?

Das ist tatsächlich ein Problem: Wir haben eine digitale Kluft zwischen arm und reich, Stadt und Land und zwischen Männern und Frauen. Und das müssen wir ändern. Hier gibt es noch sehr viel zu tun, auch für uns. Wir brauchen dafür vor allem ein stärkeres Bewusstsein und mehr Bildung. Mit der Initiative #ESkills4girls arbeiten wir mit zehn Organisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika daran, Tech-Karrieren für Mädchen vorzubereiten.

Eignen sich bestimmte Sektoren mehr für Digitalisierungsprojekte als andere?

Viele Probleme, die wir im Bundesentwicklungsministerium (BMZ) bearbeiten, können durch digitale Lösungen wirksamer bearbeitet werden. Allerdings ist Digitalisierung mehr als Technologie, als Computer und Apps. Es geht immer auch um die Frage, wie Prozesse anders gedacht und gestaltet werden können, um sie mit Innovationen effizienter und wirksamer für die Zielgruppe zu machen. Digitalisierung so verstanden bietet in jedem Sektor Ansatzpunkte.

Wir haben viel über Chancen gesprochen. Gibt es auch Risiken oder sind die angesichts des großen Entwicklungsbedarfs in vielen Ländern nicht so wichtig?

Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters wie bei der Einführung der Landwirtschaft vor 10.000 Jahren oder der Industrialisierung vor 200 Jahren. Dahinter verbergen sich neben den einmaligen Chancen gewaltige Risiken. Cyberangriffe oder viral verbreitete Fake-News können massive Schäden bewirken. Der Umgang mit Daten von Bürgern birgt – gerade in der Kombination mit künstlicher Intelligenz – erhebliche Gefahren, kann die Menschenrechte gefährden und Demokratien untergraben.

Heißt das nicht in letzter Konsequenz, dass man mit bestimmten Regimen keine Digitalisierungsprojekte umsetzen kann?

Jedenfalls nur mit großer Vorsicht und nach genauer Prüfung. Denn manche Produkte können in der Tat für militärische Zwecke oder für soziales Screening missbraucht werden. Deshalb sind Regularien und Standards, die diesem Missbrauch entgegenwirken, von großer Bedeutung. Auf solche Regelwerke hinzuwirken, gehört deshalb auch zu unseren Aufgaben.

Haben wir als kleines Europa mit unseren digitalen Lösungen überhaupt Chancen in diesem globalen Wettbewerb?

Ja, bei der Gestaltung der digitalen Transformation stehen wir global im Wettstreit mit anders ausgerichteten Gesellschaftsmodellen. Die EU als größter Binnenmarkt der Welt setzt dabei auf ein eigenes Modell für eine digitale Nachhaltigkeitsgesellschaft, um sich international als nachhaltiger Lebens- und Wirtschaftsraum zu profilieren. Wenn wir unsere Kräfte in Europa mit dieser Vision einer nachhaltigen digitalen Zukunft noch mehr bündeln, können wir einen entscheidenden Unterschied machen. Wir sind deshalb gerade unter deutscher Ratspräsidentschaft dabei, die europäische Geberplattform D4D-Hub einzurichten und uns unter dem Stichwort „Team Europe“ noch besser aufzustellen.

Sind zum Beispiel die afrikanischen Länder überhaupt interessiert an europäischen Ideen und Anwendungen?

Das ist je nach Land unterschiedlich, aber insgesamt ist das Interesse an einer Zusammenarbeit mit Europa sehr groß. Wir sehen das an der neuen EU-Afrika-Strategie, die während der deutschen Ratspräsidentschaft verabschiedet werden soll, und in der die Digitalisierung eine entscheidende Rolle spielt. Und wir merken es an der Initiative „Smart Africa“, in der sich 30 der 54 afrikanischen Staaten zusammengeschlossen haben. Im vergangenen Oktober hat das BMZ mit dem Sekretariat der Initiative eine enge Kooperation vereinbart.

Wie groß ist die Begeisterung in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit für die Digitalisierung?

Auch wir befinden uns mitten in einem Veränderungsprozess. Entwicklungsminister Gerd Müller hat Digitalisierung im Reformkonzept „BMZ 2030“ zu einem Initiativthema und Qualitätsmerkmal der deutschen Entwicklungszusammenarbeit gemacht. In einem abteilungsübergreifenden Digitalforum verankern wir digitale Prinzipien und den Standard „digital by default“ im ganzen Haus. Das heißt: Bei jedem neuen Projekt soll standardmäßig geprüft werden, ob es mit digitalen Komponenten effektiver werden könnte. Die KfW Entwicklungsbank hat sich dazu gerade neu aufgestellt und eine eigene Abteilung für Digitalisierung und Innovation gegründet. Das begrüße ich sehr und halte das für einen klugen und zukunftsorientierten Schritt.

Das Interview führte Friederike Bauer.