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Invest for Jobs – Wachstumschance Afrika

Interview mit Jan Blum und Stefan Zeeb über „Investitionen für Beschäftigung“

Afrikanische Arbeiterinnen mit Helmen arbeiten an einem Dach
Am Welttag für menschenwürdige Arbeit (7.10.) treten Gewerkschaften auch gegen die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz ein.

Fehlende oder prekäre Arbeit, gefährliche Arbeitsstätten sowie Zwangs- und Kinderarbeit sind weit verbreitet. Die Folgen sind Armut und Perspektivlosigkeit. Das SDG 8 – Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum – will dafür sorgen, dass vor allem junge Frauen und Männer einen zukunftsfähigen Job haben. Das Ziel ist, dass Arbeit für alle menschengerecht gestaltet und auskömmlich entlohnt wird. Denn jeder Mensch hat das Recht auf faire und gute Arbeitsverhältnisse. Voraussetzung für nachhaltiges und inklusives Wirtschaftswachstum ist, dass es genügend Arbeitsplätze gibt und dass die Arbeitsbedingungen menschenwürdig sind. Deutschland engagiert sich deshalb intensiv für die Förderung von Beschäftigung und für die Einhaltung von Sozialstandards – auch in den Partnerländern der EZ.

Nach der globalen Wirtschaftskrise 2009 konnten Arbeitsproduktivität und Arbeitslosenquote weltweit verbessert werden. Zehn Jahre später (2019) schrumpft die Weltwirtschaft erneut und verzeichnet das geringste Wachstum seit 2008/2009. 2020 trifft die Coronavirus-Pandemie die globalen Arbeitsmärkte – insbesondere die Beschäftigten im informellen Sektor. In Afrika – wo in den vergangenen zwei Jahren ohnehin schon negative Wachstumsraten zu verzeichnen waren – sind im Agrarsektor etwa 95 % im informellen Sektor beschäftigt, außerhalb dieses Sektors sind es knapp 80 % (Afrika südlich der Sahara) bzw. knapp 50 % in Nordafrika und Nahost – diese Menschen trifft es besonders hart.

Schon 2019 hat die KfW Entwicklungsbank im Kontext der Sonderinitiative Ausbildung und Beschäftigung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) die „Investitionen für Beschäftigung (Investing for Employment) GmbH“ gegründet. Stefan Zeeb und Jan Blum sind mitverantwortlich für die GmbH und nehmen Stellung zu Hintergrund, Aufbau und Zielen.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die KfW Entwicklungsbank beauftragt, im Rahmen der Sonderinitiative Ausbildung und Beschäftigung die „Investitionen für Beschäftigung GmbH“ zu gründen. Warum die GmbH?

Jan Blum: Dem BMZ war bei der Konzeption des Vorhabens wichtig: eine große Zahl von Jobs zu schaffen, indem wir Unternehmens-nah agieren. Gewünscht war auch ein flexibles Instrument – so entstand die GmbH, in der wir die Ideen der Unternehmen aufnehmen und finanzieren.

Stefan Zeeb: Diese Flexibilität zeigt auch die Corona-Soforthilfe der GmbH. Genau wie in Europa geht es darum, notleidende Unternehmen mit dringend benötigter Liquidität zu unterstützen, damit Arbeitsplätze erhalten bleiben. Für eine rasche Umsetzung arbeitet die GmbH mit ausgewählten Partnern vor Ort zusammen. Neun Zuschussverträge mit afrikanischen Finanzinstitutionen sind zum Teil schon kurz vor der Auszahlung, zum Teil in Vorbereitung. Diese entlasten vor allem kleine und mittlere Unternehmen in Äthiopien, Côte d'Ivoire, Ghana, Marokko, Ruanda, Senegal und Tunesien.Wir erwarten ein Fördervolumen in Höhe von bis zu 80 Mio. Euro, und hoffen damit weit über 1.000 Unternehmen mit mehr als 60.000 Arbeitsplätzen zu erreichen.

Blum: Und ein dritter Punkt ist ein gutes Zusammenspiel der Instrumente: umfassende Beratung (auch über die GIZ) und ein finanzielles Förderangebot ergänzen einander. Zusammenfassend kann man sagen: Über die GmbH soll einerseits Beschäftigung generiert werden, aber auch das Thema Ausbildung in den Fokus rücken – und zwar unter intensiver Einbindung der Privatwirtschaft aus Deutschland, Europa und Afrika. Mit der Gründung einer GmbH kann man auf diese Bedarfe gut eingehen.

Portrait Interviewpartner Jan Blum
Jan Blum betont die Bedeutung eines Zusammenspiels aus Beratung und finanzieller Förderung.

Zum Hintergrund: Auf welche Herausforderungen in Afrika reagieren Sie mit der „Investitionen für Beschäftigung GmbH“?

Blum: Ganz knapp: Afrika braucht Jobs. Jobs für eine wachsende Bevölkerung – für 2050 rechnet man mit einer Einwohnerzahl von 2,5 Mrd. Menschen.

Zeeb: Vor allem für die vielen jungen Menschen in Afrika, die auf den Arbeitsmarkt drängen, werden jährlich etwa 20 Mio. Jobs benötigt.

Werden Sie auf dem gesamten Kontinent tätig werden?

Blum: Nein, es wird – vorerst – die sieben oben genannten Partnerländer geben.

Warum ausgerechnet diese Länder?

Blum: Das BMZ flankiert die während der deutschen G20-Präsidentschaft 2017 vereinbarte Compact-with-Afrika-Initiative mit erheblichen Mittelzusagen mit einem „Marschallplan mit Afrika“. Hierzu gehört auch die Sonderinitiative Ausbildung und Beschäftigung des BMZ. Über Investitionen für Beschäftigung unterstützen wir diese Bemühungen.

Welche Summen werden für Förderungen zur Verfügung stehen?

Zeeb: Bislang stehen uns rund 130 Mio. EUR vom BMZ zur Verfügung – aber der Bedarf ist riesig und wir sind zuversichtlich, dass wir – angesichts der Auslegung von Investitionen für Beschäftigung – bis zu 400 Mio. EUR gut und sinnvoll investieren können.

Blum: Die Nachfrage nach Förderung wird ja groß bleiben…

Portrait Interviewpartner Stefan Zeeb
Stefan Zeeb erachtet die Schaffung von Ausbildungsplätzen als wichtiges Mittel zu besserer Beschäftigung.

Sie sagten, dass die GmbH beim Privatsektor ansetzt – mit welchen Investitionshemmnissen ist der Privatsektor konfrontiert? Und daraus folgend: was wird gefördert?

Blum: Eine Vorbemerkung: wer schafft – in Afrika, aber auch bei uns – die meisten Jobs? Das ist der Privatsektor. Investitionshemmnisse in den afrikanischen Partnerländern sind zum Beispiel fehlende Ausbildungszentren und damit fehlende Fachkräfte, defizitäre Infrastruktur im Transport oder in der Stromversorgung oder auch veraltete Produktionsstätten. Wir sind nicht festgelegt, was die Branchen betrifft – im Zweifelsfall weiß der Privatsektor am besten, wo der Schuh drückt und stellt entsprechend seine Anträge.

Zur Veranschaulichung zwei konkrete Beispiele: eine fehlende Zufahrtstraße zu einem Industriepark. Ein entsprechender Antrag ist tatsächlich in Äthiopien eingegangen. Zweites Beispiel: ein Safthersteller – oder auch ein Kaffeeproduzent – findet auf dem lokalen oder internationalen Markt eine große Nachfrage nach seinen Produkten, aber nicht genügend geeignete Früchte, um seine Produktion ausweiten und damit zusätzliche Jobs schaffen zu können. Um dieses Investitionshemmnis abzubauen, könnte die GmbH dessen Investition in die Zulieferer unterstützen – etwa in eine Ausbildungsstätte und Geräte für die Bauern, oder in eine funktionierende Logistikkette, so dass Zulieferer künftig Vorprodukte in geeigneter Qualität und Menge liefern können.

Wie genau wird das funktionieren? Wer kann wo Förderung beantragen?

Blum: Zurück zum Beispiel Zufahrtstraße: in dem Fall haben sich drei äthiopische Unternehmen aus dem Industriepark mit der betroffenen Stadtverwaltung zusammengetan und gesagt: wir brauchen diese Straße. Bewerben kann sich im Prinzip jedes europäische und afrikanische Unternehmen, aber auch staatliche Institutionen und Nichtregierungsorganisationen. Auf unserer Website finden sich die erforderlichen Informationen.

Wie sah beim ersten Call for Proposals in Äthiopien die Resonanz aus?

Blum: Überwältigend! Wir waren positiv überrascht von der hohen Zahl an ideenreichen Concept Notes. Es waren fast 200, die innerhalb kurzer Zeit eingegangen sind. In einer ersten Runde haben wir 14 Vorschläge ausgewählt; solche, die am besten konzipiert waren und die eben auch am Ende pro Fördervolumen am meisten Jobs versprochen haben.

Ein junger afrikanischer Arbeiter mit Schutzbrille schleift eine Platte, sodass Funken sprühen
Zu fördernde Unternehmen müssen gewisse Mindeststandards erfüllen – etwa in Bezug auf Arbeitsschutz.

Wie ist die Resonanz bei deutschen Unternehmen / Institutionen?

Blum: Von den 14 Projekten in der Endauswahl haben drei eine deutsche Beteiligung, in erster Linie kamen die Anträge von äthiopischen Unternehmen oder Organisationen. Aber klar, wir freuen uns über jedes europäische Unternehmen, das in Afrika investiert, Arbeitsplätze schafft und sich mit seiner Idee um Förderung bewirbt.

Welche Rolle spielt das Thema Ausbildung von Fachkräften?

Zeeb: Für die Sonderinitiative als Ganzes spielt das Thema eine sehr wichtige Rolle. Neben der Schaffung von 100.000 zusätzlichen Jobs sollen auch 30.000 Ausbildungsplätze geschaffen werden. Denn es ist ja häufig ein zentrales Investitionshemmnis, dass keine Fachkräfte da sind. Und eine gute Ausbildung öffnet die Tür auf den Arbeitsmarkt und zu guter Beschäftigung.

Und welche Auswahl haben Sie getroffen? Wir führen dieses Gespräch ja anlässlich des Welttags für menschenwürdige Arbeit – an diesem Tag treten Gewerkschaften insbesondere für ein Verbot der Kinderarbeit, für den Schutz der Umwelt, für soziale Sicherung, für Arbeitsschutz und gegen die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz ein. Welchen Standards werden sich die geförderten Unternehmen und Institutionen verpflichten?

Blum: Für uns als KfW Entwicklungsbank gilt grundsätzlich: wir fördern nur Projekte, in denen gute Beschäftigung entsteht. Darunter verstehen wir in der Sonderinitiative eine Mindest-Beschäftigungsdauer, einen angemessenen Lohn und die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen. Zudem ist die „Verbesserung bestehender Beschäftigungsverhältnisse“ ein weiteres erklärtes Ziel der Sonderinitiative und der GmbH. Daher fördern wir auch Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Sicherung, der Gleichstellung, des Arbeitsschutzes usw.

Zeeb: Es geht uns also nicht nur um zusätzliche Jobs, die Unternehmen müssen auch gewisse Mindeststandards erfüllen, um eine Förderung zu erhalten. Das ist uns wichtig!