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Wasser im Nahen Osten

Interview mit Christian Haas und Ulf Trautmann zu Wassersituation und Lösungsansätzen der KfW im Nahen Osten

Ult Trautmann und Christan Haas im Büro
Links im Bild: Ulf Trautmann, rechts Christian Haas

Die KfW Entwicklungsbank ist im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) seit Jahrzenten weltweit im Wassersektor tätig. Die Region Nahost steht dabei in besonderer Weise für die komplexen Zusammenhänge zwischen dem Wassersektor und unterschiedlichen Herausforderungen: Wasserarmut, Klimawandel, Verstädterung, Bevölkerungswachstum und Migration. Das alles führt in vielen Kommunen zu Versorgungsengpässen und führt sie an die Grenze des Leistbaren. Christian Haas, Teamleiter Wasser und Klima Nahost, und Ulf Trautmann, Technischer Sachverständiger für Wasser im Nahen Osten in der KfW Entwicklungsbank im Interview.

Der Nahe Osten ist DIE Region, die für „Wasserkrise“ steht. Welche sind die wesentlichen Herausforderungen?

Christian Haas: Im Nahen Osten ist da zunächst das Problem der Wasserverfügbarkeit. Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich, aber verglichen mit Deutschland ist das nicht die Hälfte des Wassers, sondern ein Bruchteil von dem, was wir hier so zur Verfügung haben. Die nächste Frage ist, wie wird das Wasser auf die verschiedenen Nutzer verteilt – die Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Wasser für die industrielle Nutzung und auch den Tourismus, in vielen Ländern ein wichtiger Devisenbringer. Wer hat Zugang zum Wasser und wie wird die Verteilung geregelt? Die Wasserverteilung ist nicht nur auf nationaler Ebene zu betrachten, sondern auch zwischenstaatlich – wer darf Grundwasser, Wasser aus Flüssen oder dem Meer – die sich natürlich nicht an Grenzen halten – nutzen? Wieviel Wasser kommt nach Entnahme aus einem Fluss bei Nutzern im Nachbarland noch an?

Ulf Trautmann: Ich möchte da ein paar Zahlen nennen, die das untermauern, was Christian Haas gesagt hat: In Jordanien stehen pro Einwohner und Jahr nur etwas mehr als 50 Kubikmeter erneuerbarer Wasserressourcen zur Verfügung, während es in den USA beispielsweise mehr als 9000 sind und in Deutschland etwa 1600. In Jordanien hat die Übernutzung des Grundwassers dazu geführt, dass der Grundwasserspiegel um ein bis zehn Meter pro Jahr fällt. Das hat zur Folge, dass zunehmend salzhaltiges Wasser in die wichtigen Grundwasserreservoire eingezogen wird – ein Prozess, der nicht reversibel ist. Noch dramatischer ist die Situation im Gazastreifen: Dort ist das Grundwasser in weiten Teilen überhaupt nicht mehr nutzbar und das Defizit daraus muss durch teure Entsalzungsanlagen kompensiert werden. Ganz deutlich sieht man auch die starke Anfälligkeit der Region gegenüber dem Klimawandel – das zeigt sich konkret in Wasserknappheit und Dürre.

Bewässerte Flächen
Landwirtschaft im Jordantal

Um das plastischer zu machen: können Sie das am Beispiel eines Projekts darstellen, in dem die unterschiedlichen Herausforderungen adressiert werden?

Trautmann: Da fällt mir die Wasserwiederverwendung als typisches Beispiel für den Umgang mit Wasserknappheit ein, sie wird in Jordanien praktiziert, aber auch in den Palästinensischen Gebieten. In Nablus im Westjordanland beispielsweise hat sich die KfW im Auftrag der Bundesregierung und der EU mit mehr als 120 Mio. EUR engagiert, um das Abwassermanagement und die Wasserversorgung zu verbessern – eine Kläranlage wurde gebaut, eine zweite ist in Planung. Die Abwasserleitungen wurden erweitert und ein Hauptsammler zur Kläranlage gebaut. Ein Blockheizkraftwerk erzeugt aus dem Faulgas des Klärschlamms Strom, und mit den gereinigten Abwässern werden Granatapfelbäume, Oliven und Nussbäume auf der Musterpflanzung auf dem Gelände gewässert.

Der Betrieb der Kläranlage läuft schon über mehrere Jahre erfreulich gut und liefert ausreichend gereinigtes Abwasser, das auch Landwirten aus den umliegenden Gemeinden zur Bewässerung ihrer Felder zur Verfügung gestellt wird. Neben Oliven und Nüssen könnten die Kleinbauern auch Obstbäume – zum Beispiel Feigen und Aprikosen – anbauen, da die Anbauflächen durch das Wasser aus der Kläranlage im Sommer bewässert können. Das wirkt dem Risiko von Ernteausfällen bei ausbleibendem Regen entgegen. Und die Landwirte trauen sich jetzt auch, ertragreichere und wirtschaftlich lukrativere Pflanzen anzubauen; der Kauf dieser Pflanzen wird übrigens subventioniert.

Wie sieht Ihr Engagement im Gazastreifen aus?

Haas: Im Auftrag der Bundesregierung wollen wir zu einer verbesserten Grundversorgung der rund zwei Millionen Einwohner im Gazastreifen beitragen. Im Zusammenschluss mit anderen Gebern wie der EU und der Weltbank erfolgt ein Umbau des Trinkwasserversorgungssystems – so sollen die Grundwasservorkommen entlastet und regeneriert werden. Gleichzeitig wird damit eine bessere Versorgung der Bevölkerung mit sicherem Trinkwasser erreicht. Frischwasser aus Meerwasserentsalzungsanlagen wird mit Grundwasser zusammengeführt, so wird die Fördermenge aus dem strapazierten und teilweise stark versalzten Grundwasserleiter erheblich reduziert. Für den Umbau des Systems stellt die Bundesregierung rd. 50,6 Mio. EUR zur Verfügung.

mehrere Männer bei den Bauarbeiten einer Kläranlage
Bauarbeiten – Kläranlage „El Burreij“

Die KfW engagiert sich aber nicht nur in der Trinkwasserversorgung, sondern finanziert zudem den Bau der zentralen Kläranlage „El Bureij“ für Gaza-Stadt und umliegende Gemeinden. Die Anlage wird die Abwasserentsorgung für rd. 650.000 Menschen sichern und die Gefahr einer Kontaminierung des Grundwassers im nördlichen Gazastreifen verringern. Knapp ist in Gaza nicht nur sicheres Trinkwasser, sondern auch elektrische Energie. Daher wurde bei der Planung auf ein nachhaltiges Energiekonzept geachtet, so dass sich die Kläranlage in Zukunft durch Photovoltaik und Biogasverstromung selbst mit Energie versorgen kann. Die Anlagen dafür befinden sich auf dem Gelände der Kläranlage und unterliegen dem Kläranlagenbetreiber. Planungsgemäß wird die Anlage nach vollständiger Inbetriebnahme mehr Strom produzieren, als sie selbst verbraucht. Der Überschuss an Energie steht dann den Haushalten in Gaza zur Verfügung.

Nach der Grundsteinlegung 2016 konnte die Anlage in nur vier Jahren Bauzeit errichtet werden – unter den schwierigen Umständen ein großer Erfolg für die lokalen Träger und die KfW Entwicklungsbank. Leider konnte der ursprünglich geplante Testbetrieb im Frühjahr auf Grund der Corona-Pandemie nicht beginnen. Wir sind aber voller Hoffnung, dass ein Anfahren der Anlage noch 2020 erfolgen kann.

Die deutsche FZ engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich Wasserversorgung und Abwasser in der Region. Wie hat das mal angefangen und wohin hat es sich entwickelt?

Haas: Die Entwicklungszusammenarbeit im Wassersektor begann in den sechziger Jahren mit der Erschließung von Trinkwasserressourcen – und das meint nicht das Bohren von Dorfbrunnen, an denen die Frauen von Hand gepumpt haben, sondern größere Brunnen für Siedlungsgebiete und in Verbindung damit Trinkwasseraufbereitung und -verteilung über Netze. Im nächsten Schritt dann Abwassersammlung und Abwasserreinigung, also den Bau von Kläranlagen mit unterschiedlichen Technologien, die über die Jahre immer weiterentwickelt wurden. Seit einigen Jahren wird das Thema Entsalzung immer wichtiger. Grundwasserleiter sind zunehmend versalzt, das so genannte Brackwasser – nicht so salzhaltig wie Meerwasser – kann aufbereitet und dann als Trinkwasser genutzt werden. Aber es gibt auch immer mehr Meerwasserentsalzungsanlagen im Nahen Osten und in Nordafrika, die wichtige zusätzliche Trinkwasserquellen darstellen. Das ist mit höheren Kosten verbunden, u.a. weil Entsalzungsanlagen einen sehr hohen Energieverbrauch haben. Auch die Themen Energieeffizienz und die Nutzung erneuerbarer Energien in der Wasserver- und Abwasserentsorgung gewinnen an Bedeutung.

Der Zustrom von Geflüchteten, wie aus Syrien und dem Irak, verschärft die Wasserknappheit. Wie sieht das Engagement der KfW Entwicklungsbank zum Beispiel in Jordanien oder dem Libanon aus?

Trautmann: Ich beginne mal mit Jordanien. Flüchtlingskrise in Jordanien – das heißt mehr als 600.000 offiziell gemeldete Geflüchtete. Die erste Welle von Flüchtlingen nach Jordanien kam vor allem in die Grenzregion im Norden, dort ist die Wasserversorgung in den aufnehmenden Gemeinden phasenweise fast zusammengebrochen. Denn der Großteil der Geflüchteten lebt eben nicht in Flüchtlingslagern, sondern in Gemeinden. Es wurden schnell Vorhaben zur Brunnenrehabilitierung und zur Verbesserung des Wassertransportsystems auf den Weg gebracht – hierüber wurde die Versorgung von etwa 500.000 Menschen gesichert. Das war – nach Aussage unserer jordanischen Partner – das wichtigste Projekt zur Stabilisierung der Wasserversorgung in den Gemeinden im Norden Jordaniens. Es folgte dann der Bau der Aqip-Pipeline zum Wassertransport, es wurden aber auch kleine Einzelmaßnahmen realisiert und z. B. Hausanschlüsse für syrische Geflüchtete gelegt. Das ist die eine Linie unseres Engagements, die zweite ist – gemeinsam mit UNICEF – das Flüchtlingslager Zaatari, eines der größten Flüchtlingslager weltweit. Dort haben KfW und UNICEF das Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungssystem errichtet.

Eine junge Bauarbeiterin mit gelber Weste steht vor einer Baustelle
Im Libanon wird Jugendlichen nach Abschluss der WASH-Ausbildung im Rahmen eines Cash-for-work-Programms ein Job in einem Bauunternehmen angeboten

Haas: Der Libanon ist noch stärker von der Flüchtlingskrise betroffen, bei einer Einwohnerzahl von 4,5 Millionen wurden 1,5 Millionen syrische Geflüchtete aufgenommen. Eine Situation, die für uns eigentlich unvorstellbar ist. Wenn man das auf Deutschland hochrechnen will – dann müssten wir 27 Millionen Menschen aufnehmen. Dort ist ein System, das schon vorher nicht wirklich leistungsfähig war, extrem unter Stress geraten. Da erfolgte unsere Unterstützung – teilweise in Zusammenarbeit mit UN-Organisationen – in Form von kleineren Maßnahmen zur Stabilisierung der Trinkwasserversorgung. Im nächsten Schritt, vor allem im Großraum Beirut, arbeiten wir mit libanesischen Partnern zusammen – ganz ähnlich wie in Jordanien – und identifizieren Engpässe, schauen, wo können wir mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln gezielt in aufnehmenden Gemeinden die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung verbessern. Das ist, wie man sich vorstellen kann, schwierig in der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Krisensituation im Libanon.

Abschließend: seit Februar reisen Sie und Ihre Kollegen nicht mehr – wie wird das Engagement vor Ort weitergeführt?

Haas: COVID-19 ist eine enorme Belastung für die Wasserversorger im Nahen Osten: Viele Einnahmen sind weggebrochen, da Wasserrechnungen nicht mehr vollständig bezahlt wurden. Baustellen wurden fast überall zumindest temporär gestoppt, internationales Personal von Baufirmen oder Consultants konnte teilweise nicht mehr aus- oder einreisen. Mit begrenzten Mitteln konnten wir einzelne Versorger finanziell unterstützen, aber die finanziellen Auswirkungen der Krise wird man sicherlich noch viele Jahre in der Region spüren.

Unsere eigenen Aufgaben konnten wir über Telefonate und Videokonferenzen mit unseren Projektpartnern oder Consultants weitgehend weiter wahrnehmen, auch mit großer Unterstützung durch unsere Außenbüros. Für die örtlichen Fortschrittskontrollen, die natürlich aktuell nicht stattfinden können, haben wir jetzt begonnen, lokale Ingenieure zu rekrutieren, die sich einen unabhängigen Eindruck über den Baufortschritt machen und uns dann berichten. Die ersten Erfahrungen, die wir damit gerade machen, bestätigen den gewählten Ansatz, sie zeigen aber auch, wie wichtig es für uns in Frankfurt ist, den Kontakt mit den Partnern und Kollegen in unseren Ländern zu halten und ohne Besuche zu pflegen. Das geht hoffentlich bald auch wieder vor Ort!

Das Interview führte Susanne Schröder.

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