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„Es wird Lücken im Bildungsweg geben“

Interview mit Catherina Hinz, Direktorin des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, über den Schulausfall in Corona-Zeiten und die Bedeutung von Bildung generell.

Portrait von Catharina Hinz
Catherina Hinz leitet seit September 2019 das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Die Corona-Krise hat die ganze Welt über Nacht verändert; eine dieser Veränderungen betrifft auch den Bildungsbereich. Nach UN-Angaben waren zeitweise 90 % aller Kinder und Jugendlichen nicht in der Schule. Welche Folgen hat das?

Es wird zu Brüchen in der Bildungsbiografie vieler junger Menschen kommen. Nicht so sehr hier bei uns in Europa, sondern vor allem in Afrika. Dort gibt es nicht überall Notprogramme, wie wir sie jetzt kennengelernt haben: Homeschooling, E-Learning etc. Sondern da findet häufig einfach gar nichts statt. Und das wird unzählige Afrikanerinnen und Afrikaner zurückwerfen.

Kann man den wegfallenden Unterricht in Entwicklungsländern wirklich gar nicht ersetzen?

Doch, dazu gibt es auch interessante Ansätze, die schon angewendet werden und die man unbedingt weiterverfolgen sollte. Eine Möglichkeit liegt in Apps. Ich denke zum Beispiel an ein Siyavula-Programm in Südafrika, frei zugänglich, für alle nutzbar. Das ist eine Art Online-Unterricht für Mathematik und Naturwissenschaften; die Materialien dazu können sich Kinder und Jugendliche einfach so herunterladen. Die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer hat sich während Corona um 400 % erhöht.

Allerdings haben 50 % aller Menschen noch keinen Zugang zum Internet, darunter auch viele Kinder und Jugendliche. Apps helfen also nicht immer.

Das ist richtig. Corona hat gezeigt, wie wichtig die Digitalisierung für Bildung gerade auch in Entwicklungsländern ist. Der Zugang zu virtuellen Unterrichtseinheiten, das Wissen, das sich über das Internet anzapfen lässt, die Kontakte, die man knüpfen kann – all das ist gerade dann, wenn der normale Unterricht ausfällt, von besonderer Bedeutung.

Herrscht denn in den meisten Ländern ein Bewusstsein dafür, dass ausfallender Unterricht ein ernstes Problem ist?

Ja, das ist mein Eindruck. Gerade in Afrika stellt die junge Bevölkerung ein großes, auch wirtschaftliches Potenzial dar, das man nicht verspielen möchte. Wenn Millionen Kinder große Lücken im Bildungsweg haben, was wir nicht hoffen wollen, dann hätte das Konsequenzen über die einzelne Person hinaus. Das sollte den Verantwortlichen durchaus bewusst sein.

Blick durch den Klassenraum einer Grundschule in Maputo. Die Kinder schauen zur Tafel, auf die ihre Lehrerin etwas schreibt.
Über längere Zeit ausfallender Unterrichts kann v.a. in Afrika verheerende Folgen haben und gar zu einer „verlorenen Generation“ führen.

Corona mal einen Moment ausgeblendet, welche Bedeutung hat Bildung für das Fortkommen von Gesellschaften generell? Könnten Sie den Nutzen kurz zusammenfassen?

In unseren neuesten Studien beschreiben wir drei Kernbereiche, die für die sozioökonomische Entwicklung von Gesellschaften essentiell sind: Bildung, Gesundheit und Ernährung. Die drei Faktoren bedingen sich gegenseitig. Kinder, die gesund und besser ernährt sind, lernen besser. Kinder, die gebildet sind, haben bessere Chancen, später Einkommen zu erwirtschaften und ihre Kinder wieder besser zu ernähren und gesünder aufzuziehen.

Gibt es Beispiele von Entwicklungssprüngen, die gelungen sind, ohne größeren Wert auf Bildung zu legen?

Mir fällt kein Land ein, das große Fortschritte ohne den Bildungssektor erzielt hätte. Die asiatischen Tigerstaaten zum Beispiel haben einen riesigen Schub gemacht, gerade weil sie Bildung so betont haben. Das erhoffen wir uns jetzt auch für Afrika.

Wieviel Geld muss man in Bildung investieren, um diesen Effekt zu erzielen? Gibt es dafür Richtgrößen?

Die UNESCO empfiehlt, zwischen 15 bis 20 % des Staatshaushaltes oder 4 bis 6 % des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aufzuwenden. Das schaffen natürlich noch nicht alle Länder; etwa die Hälfte der Staaten Afrikas, für die es Daten gibt, lag zuletzt weit entfernt von dieser Empfehlung.

Vor Corona gab es schöne Fortschritte im Bildungssektor. Wo sind sie am größten, wo besteht am meisten Nachholbedarf?

Im Primarschulbereich haben sich die Einschulungsraten fast überall auf der Welt grundlegend verbessert. Selbst in vielen Ländern Afrikas liegt die Quote hier mittlerweile bei zwischen 80 und 100 %. Die Frage ist nur, wie lange die Kinder dann in der Schule bleiben. Schließen sie die Primarschule ab? Gelingt ihnen der Übergang zur Sekundarschule? Und was kommt dann? Da gibt es noch viele Fragezeichen und zudem große regionale Unterschiede.

Auch die Qualität des Unterrichts spielt eine Rolle...

....gerade in vielen afrikanischen Ländern. In einer repräsentativen Untersuchung hat sich gezeigt, dass selbst unter Viertklässlern ein hoher Anteil der Schülerinnen und Schüler nicht wirklich lesen kann. Im Senegal zum Beispiel liegt der Anteil der Kinder, die nach der vierten Klasse einen ganzen Absatz lesen können, bei nur einem Viertel, in anderen Ländern der gleichen Untersuchung sogar noch darunter. Das heißt, wir müssen dringend an der Unterrichtsqualität arbeiten. Die Ursache liegt zum Teil an zu großen Klassen, aber zum Teil auch an der Ausbildung der Lehrer, die noch zu wünschen übrig lässt.

Bildung ist für alle Kinder wichtig, aber ganz besonders für Mädchen. Woran liegt das?

Für sie bedeutet der Schulbesuch nicht nur persönlicher Nutzen, sondern sie lernen auch gleich für die nächste Generation mit. Mütter mit einem höheren Schulabschluss wissen zum Beispiel besser Bescheid über gute Ernährung, über Hygiene, über die wichtigsten Krankheiten. Das geben sie an ihre Kinder weiter. In der Regel erhalten diese dann eine noch bessere Ausbildung und eine noch bessere Gesundheitsversorgung als sie selbst. Dadurch vervielfältigt sich der Bildungseffekt.

Grundschule in Maputo: Die Lehrerin hilft einer Schülerin, etwas in ihr Heft zu schreiben.
Insbesondere für Mädchen ist Bildung von elementarer Bedeutung – sie stellt die Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben dar.

Werden sie nicht auch unabhängiger dadurch?

Das auch. Sie haben andere Lebensperspektiven, größere Freiheiten, können selbständiger und selbstbestimmter leben, ihre Meinung besser vertreten, eigenes Einkommen generieren. Und sie bekommen weniger Kinder. In den Entwicklungsländern haben gebildete Frauen mit Sekundarabschluss im Schnitt zwei bis drei Kinder weniger als Frauen ohne Bildung. Das ist ein großer Unterschied.

Ist der Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Kinderzahl inzwischen wissenschaftlich bewiesen?

Daran besteht kein Zweifel. Es gibt sehr viele Studien dazu. Ein wichtiger Schlüssel, um die Bevölkerungsentwicklung in den Griff zu bekommen, liegt deshalb in einer möglichst guten Bildung – in Kombination mit Zugang zu Verhütungsmitteln.

Warum ist es, global betrachtet, trotzdem noch nicht so weit her mit der Gleichberechtigung? Wir haben in den vergangenen zwanzig Jahren große Bildungsfortschritte gerade bei Mädchen erlebt, die sich dann aber nicht in gleiche Lebenschancen übersetzen. Woran liegt das?

Einen Gender-Gap gibt es leider nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch bei uns. Das hat viel mit traditionellen Rollenmustern zu tun, die sich nicht von heute auf morgen verändern lassen. Aber Bildung für Mädchen lohnt sich in jedem Fall, weil auch hier jede Generation ein Stückchen weitergeht und eine kleine Verbesserung in Richtung Geschlechtergleichheit erlebt. Es dauert halt alles...

Wie kann man dafür sorgen, dass Mädchen – länger – zur Schule gehen?

Schulgebühren abschaffen ist ein wichtiger Faktor. Immer wenn Bildung Geld kostet, geht das häufig als erstes zu Lasten von Mädchen. Aber manchmal helfen auch schon einfache Veränderungen wie Toiletten. Wiederum im Senegal hat man festgestellt, dass Mädchen zu Hause geblieben sind, weil sie sich in Toiletten nicht unbeobachtet fühlten, vor allem während der Periode. Getrennte Toilettenhäuser können eine Menge bewirken.

Die formale Bildung ist eine Sache, der Übergang zum Arbeitsmarkt eine andere. Dieser Schritt ist oft sehr schwierig, woran liegt das?

Tatsächlich sind viele junge Leute nicht richtig auf den Arbeitsmarkt vorbereitet, selbst wenn sie die Sekundarschule abgeschlossen haben. In Afrika zum Beispiel werden zunehmend Fachkräfte gesucht; diese Nachfrage wird bisher nicht ausreichend bedient. Hier wäre berufliche Bildung wichtig. Aber selbst, wenn es sie gibt, ist sie nicht so institutionalisiert wie in Deutschland. Viele junge Leute fangen einfach irgendwo als Handlanger an und bekommen dann im Job notdürftig irgendwelche Fähigkeiten beigebracht. Eine richtige Ausbildung durchlaufen sie meist nicht. Das ist ein großer Mangel.

Guatemala: Einige Berufsschüler mit Sicherheitskleidung und Helmen arbeiten nebeneinander mit Schraubenziehern und Akkuschraubern an Steckdosen.
Berufsbildung sollte an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausgerichtet sein. Diese Berufsschule in Guatemala bietet eine Vielzahl qualitativ hochwertiger Ausbildungsmöglichkeiten an.

Wie lautet Ihre Empfehlung an der Stelle?

Es sollte möglichst in jedem Land eine - wie auch immer organisierte - Berufsbildung geben, um diese Brücke zum Arbeitsmarkt zu schlagen. Hier kann die Entwicklungspolitik einen wichtigen Beitrag leisten. Viele Länder fragen das aktiv nach. Der Bedarf ist groß. Auch hier gibt es bereits vielversprechende Initiativen, auf die man aufbauen kann. Wichtig ist, die Privatwirtschaft einzubeziehen und einen Dialog zwischen dem Bildungssektor und den Unternehmen herzustellen. Klar ist auch: Damit entstehen keine Jobs, sondern es wird nur die Nachfrage gedeckt, die es schon gibt. Deshalb braucht es zusätzlich noch Beschäftigungsinitiativen, zum Beispiel in der Landwirtschaft.

Für wie groß halten Sie die Wahrscheinlichkeit, dass wir SDG 4 bis zum Jahr 2030 erreichen, bis dahin allen Kindern und Jugendlichen eine hochwertige Bildung ermöglichen können?

Es gibt Länder, die das schaffen werden, aber sicher nicht alle. Das wäre auch ohne Corona schwierig geworden, aber jetzt erst recht. Wichtig ist in der Nach-Corona-Phase, die versäumte Schulzeit so schnell wie möglich aufzuholen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Eine ganze Corona-Generation heranzuziehen, wäre verheerend; das können wir uns einfach nicht leisten.

Das Interview führte Friederike Bauer.