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„Pandemien lassen sich nicht national bewältigen“

Interview mit der Leiterin des Zentrums für Internationalen Gesundheitsschutz am Robert Koch-Institut über Lehren aus der Corona-Krise und warum sich Sparen im Gesundheitssektor auf Dauer nicht auszahlt.

Portrait von Frau Professor Hanefeld
Prof. Dr. Johanna Hanefeld leitet seit Januar 2020 das Zentrum für Internationalen Gesundheitsschutz am RKI.
Als Sie Anfang 2020 den Posten beim Robert Koch-Institut antraten, haben Sie erwartet, dass Ihr Arbeitsgebiet schon wenige Wochen später derart im Fokus stehen würde?

Ich arbeite seit 20 Jahren auf dem Gebiet der globalen Gesundheit, und im Grunde genommen ist jetzt eingetreten, was wir immer wieder vorausgesagt und woran wir schon lange geforscht haben. Für uns kam die Pandemie deshalb nicht überraschend.

Sie haben die Pandemie in der Größenordnung kommen sehen?

So würde ich es nicht ausdrücken; das wäre vermessen. Aber alle, die im globalen Gesundheitsschutz arbeiten, haben schon lange vor den Gefahren einer möglichen Pandemie gewarnt. Wie gefährlich das sein kann, hat der Ebola-Ausbruch 2014/2015 nochmal gezeigt. Die genaue Ausprägung und exakt dieses Virus hatten wir natürlich nicht vor Augen, aber dass wir früher oder später eine Gesundheitskrise erleben würden, war mir und meinen Kolleginnen und Kollegen klar. Denn wir haben einen globalen Gesundheitsnotstand.

Nach der bisher gängigen Theorie ist das Virus von Tieren auf den Menschen übergesprungen, möglicherweise von Fledermäusen über das Schuppentier auf uns. Es handelt sich um eine sogenannte Zoonose. Können Sie das aus Ihrer Warte bestätigen?

Zu dieser Frage soll es bald ein internationales Forscherteam geben unter Leitung der Weltgesundheitsorganisation. Die Wissenschaftler wollen den genauen Ursprung der Zoonose ergründen; daran wird sich auch ein Kollege vom Robert Koch-Institut beteiligen.

Gibt es Regionen, in denen die Gefahr von Zoonosen höher ist als in anderen, zum Beispiel weil die Bevölkerungsdichte größer ist?

Diese Hypothese gibt es: Dass Zoonosen dort häufiger vorkommen, wo Menschen – und Tiere – eng beieinander leben. Allerdings, und das halte ich für sehr wichtig, hat uns COVID-19 gezeigt, dass keine Weltgegend verschont bleibt. Ist ein Erreger in einer Region, finden wir ihn auch bald in einer anderen. Das ist die wesentliche Lektion dieser Pandemie. Deshalb ist die Frage, ob bestimmte Weltgegenden anfälliger sind als andere, für mich falsch gestellt. Wir müssen beim Gesundheitsschutz global denken.

Dennoch scheint Afrika besser durch die Krise zu kommen, jedenfalls in Bezug auf das Infektionsgeschehen. Und das trotz tendenziell schwacher Gesundheitssysteme. Woran liegt das?

Ich bin vorsichtig mit solchen Festlegungen. Nicht, dass ich irgendwelche Szenarien an die Wand malen möchte, aber wir befinden uns noch mitten in der Pandemie und können keine abschließenden Urteile treffen.

Aber bisher hat doch Afrika tatsächlich weniger Fälle als Lateinamerika oder Asien...

Das ist richtig. Dafür sehen wir eine Reihe von Faktoren, die wahrscheinlich zusammengewirkt haben, um das Infektionsgeschehen abzuschwächen: Da wäre erstens die Demographie; Afrika hat die jüngste Bevölkerung weltweit und wir wissen, dass die Krankheit bei älteren Menschen einen schwereren Verlauf nehmen kann. Zweitens haben afrikanische Länder, vielleicht aus Erfahrungen mit anderen Gesundheitskrisen, früh und drastisch reagiert. Dann ist Afrika als Kontinent weniger städtisch und weniger verbunden mit der Welt. Beides könnte die Verbreitung des Virus verlangsamt haben. Und viertens könnte es sein, dass Menschen in Afrika eine gewisse Form von Immunität aufweisen, etwa durch vorangegangenen Parasitenbefall. Aber ich sage das alles mit großer Vorsicht, denn wir wissen noch nicht genug über die Zusammenhänge.

Nationalpark, grüne Waldfläche und im Hintergrund zeichnen sich die Berge ab
Für nachhaltige Entwicklung ist das Zusammenspiel von Mensch, Tier und Umwelt entscheidend.
Als Reaktion auf Corona und Zoonosen ist immer häufiger die Rede von „One Health“. Was hat es damit auf sich und warum ist dieses Konzept wichtig?

Es geht um eine andere Perspektive, um das Verständnis, dass Mensch, Tier und Umwelt in Eintracht auf dem Planeten leben müssen und deren Gesundheit eng verknüpft ist. Für uns ist das kein neues Konzept, aber es hat durch die Pandemie neue Bedeutung erlangt. Im Prinzip ist das in den nachhaltigen Entwicklungszielen aus dem Jahr 2015 schon angelegt, in denen es um „People and Planet“, also um den Menschen und die Umwelt geht. Wenn wir dieses Zusammenspiel nicht beachten und beherzigen, können wir uns nicht nachhaltig weiterentwickeln.

Das ist zunächst mal ein Gedankenkonstrukt. Wie kommen wir von hier zur konkreten Politik? Mit anderen Worten: Welche Lehren müssen aus Corona gezogen werden?

Ganz wichtig ist, dass wir nach der Krise nicht einfach zur Normalität zurückkehren und sagen: Das war‘s, die Krise ist vorbei. Sondern wir müssen insgesamt nachhaltiger leben und den internationalen Gesundheitsschutz stärken. Das ist in den letzten Jahren zwar schon geschehen, aber nicht weit genug gegangen.

Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht nötig, damit wir in ein paar Jahren nicht wieder vor ähnlichen Herausforderungen stehen?

Wir müssen uns auf künftige Fälle intensiver vorbereiten. Dafür braucht es ein besseres Frühwarnsystem und bessere Überwachungsmöglichkeiten für Mensch und Tier, damit wir sofort merken, wenn irgendwo ein Problem auftritt, das sich zu einer globalen Gesundheitskrise ausweiten könnte. Dazu brauchen wir einen regelmäßigen und systematischen Austausch über Grenzen hinweg und zwischen Praktikern und Wissenschaftlern. Deshalb versuchen wir uns vom RKI weltweit zu vernetzen und Erkenntnisse und auch Daten zu teilen. Wie gesagt, Pandemien lassen sich nicht national bewältigen.

Wir erleben gerade, dass Gesundheitssysteme an Grenzen geraten, und zwar nicht nur in Entwicklungsländern. Wie könnten sie stärker und widerstandsfähiger werden?

Die Gesundheitssysteme müssen in der Tat resilienter werden, damit sie auf Veränderungen rasch reagieren und Herausforderungen meistern können. Das gilt übrigens nicht nur für Pandemien; auch Antibiotika-Resistenzen werden uns noch intensiv beschäftigen, um nur ein Beispiel zu nennen. Dafür brauchen wir bessere Verwaltungen im Gesundheitsbereich. Wichtig ist ausreichend und gut ausgebildetes Personal. Damit meine ich natürlich Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpfleger, aber auch sogenannte Public Health Worker, also Bedienstete in Gesundheitsämtern, in Kommunen etc. Das alles gibt es nicht zum Nulltarif, sondern es muss kontinuierlich ins Gesundheitswesen investiert werden.

Ein junger Mann führt Tests im Labor durch, er trägt eine Schutzmaske
Gut ausgebildetes medizinisches Personal stellt einen Erfolgsfaktor zur Stärkung der Gesundheitssysteme dar.
Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Unterfinanzierung im Gesundheitswesen und der Schwere der Corona-Krise in einem Land?

Das ist so vielleicht ein bisschen schwarz-weiß gezeichnet, aber klar ist: Wenn man zehn Jahre im Gesundheitswesen spart und Investitionen aufschiebt, dann lässt sich das in einer Krise nicht kurzfristig nachholen. Für mich ist das eine weitere wichtige Lehre aus der Pandemie. Gesundheit hat einen überragenden Wert – und die muss uns etwas Wert sein.

Braucht es angesichts von Zoonosen und One Health nicht auch einfach mehr Naturschutz?

Mit Sicherheit sind der Naturschutz und das Thema Nachhaltigkeit ein sehr relevanter Teil der Reaktion, die auf die Krise folgen muss. Meine Expertise liegt im Gesundheitsbereich, deshalb habe ich diesen Aspekt zuerst angeführt. Aber meines Erachtens müssen wir viel mehr in Prävention investieren, auch auf diesem Gebiet, als dem Geschehen hinterherzurennen. Letzteres ist mit deutlich höheren wirtschaftlichen und menschlichen Kosten verbunden, wie wir gerade schmerzhaft erfahren.

Wie erleben Sie die internationale Zusammenarbeit, jetzt während der Pandemie?

Meinem Eindruck nach ist die Zusammenarbeit von allen möglichen Stellen und Ländern gewachsen. In dieser Hinsicht ist die Krise ein Katalysator. Jetzt spätestens wissen wir, dass sich hier kein Land rausrechnen kann. Alle sind betroffen, und bewältigen lässt sich das nur durch Zusammenarbeit. Ich hoffe, dass sich diese Sicht und dieser Geist über die Krisenzeit hinaus bewahren lassen.

Mehrere Impfkandidaten scheinen in greifbarer Nähe. Glauben Sie, dass es gelingen wird, sie gerecht in der Welt zu verteilen, wie es zum Beispiel die WHO fordert oder neulich auch beim G20-Gipfel besprochen worden ist?

Ich bin verhalten optimistisch. Vermutlich wird nicht alles sofort reibungslos und spannungsfrei ablaufen – eine Impfkampagne in der Größenordnung hat es ja auch noch nie gegeben –, aber letzten Endes, hoffe ich, wird die Menschlichkeit gewinnen.

Das Interview führte Friederike Bauer.