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„Wir brauchen mehr als Multilateralismus – wir brauchen Polylateralismus“

Interview mit Rémy Rioux, Chief Executive Officer der französischen Entwicklungsagentur AFD und Vorsitzender des IDFC, über die Notwendigkeit neuer Partnerschaften und das besondere Verhältnis zur KfW

Portrait von Rémy Rioux
Rémy Rioux, Chief Executive Officer der französischen Entwicklungsagentur AFD und Vorsitzender des IDFC.
Eine der ersten Amtshandlungen von US-Präsident Biden bestand darin, dem Pariser Klimaabkommen und der Weltgesundheitsorganisation wieder beizutreten. Treten wir gerade in eine neue Phase der internationalen Zusammenarbeit und des Multilateralismus ein?

Ja, ich denke, wir stehen am Anfang einer neuen Ära der Verbundenheit und der wechselseitigen Beziehungen zwischen Regionen und zwischen Ländern. Das ist ein positives und hoffnungsvolles Signal. Jedoch halte ich den Begriff Multilateralismus in Anbetracht der Herausforderungen, vor denen wir stehen, für zu eng gefasst. Die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und umweltpolitischen Herausforderungen, die heute vor uns liegen, sind so groß, dass wir eine neue Form der Governance brauchen, eine breiter angelegte Herangehensweise, die mehr leisten kann als der klassische Multilateralismus.

Sehr interessant. Wie könnte das aussehen?

Damit wir dem Ziel einer gemeinsamen Welt, die sich am Pariser Klimaabkommen und an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDGs) ausrichtet, schnell näher kommen, müssen wir unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft einem grundlegenden Wandel unterziehen. Angesichts dieser nie dagewesenen Herausforderungen müssen sich die Staaten, Regionen, Städte, Institutionen und Bürger auf eine neue Reise begeben, die ich Polylateralismus nenne. Statt unilateral, bilateral oder multilateral zu handeln, müssen wir auf allen diesen Ebenen gleichzeitig handeln.

Aber war das nicht von vorneherein der Grundgedanke der Vereinten Nationen? Die UN setzen die Standards, die dann von den Ländern und anderen Akteuren auf allen Ebenen umgesetzt werden?

Die Vereinten Nationen haben im Jahr 2015 ein starkes Signal ausgesandt. Ein Signal, das sich schnell verbreitet und bewirkt, dass nationale und internationale Agenden auf beispiellose Art und Weise miteinander verknüpft werden. Die Tatsache, dass wir alle auf dieselben Ziele hinarbeiten müssen, bedeutet, dass die Unterscheidung zwischen international und national aufhören muss. Und die Pandemie hat uns einmal mehr vor Augen geführt, wie sehr wir auf Zusammenarbeit angewiesen sind. Wir brauchen eine Koordination auf allen Ebenen, um das Virus bekämpfen und die anderen großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wie den Klimawandel, den Verlust an Biodiversität, Wasserknappheit, Migration oder Digitalisierung bewältigen zu können.

Ist der IDFC – der International Development Finance Club – ein Beispiel für diese neuartige Ausrichtung?

Auf jeden Fall. In unserem Club haben sich 26 öffentliche Entwicklungsbanken, darunter die KfW und die AFD, zusammengetan, um gemeinsam die internationale Agenda des Pariser Klimaabkommens und der SDGs umzusetzen. Diese Institutionen sind entschlossen, eine neue Kraft ins Leben zu rufen, die internationale Organisationen dabei unterstützen soll, weltweit Investitionen in nachhaltige Entwicklung anzukurbeln. Wir haben uns dazu verpflichtet, bis 2025 insgesamt eine Billion US-Dollar für den Klimaschutz aufzubringen.

Und daraus entstand die Finance-in-Common-Initiative?

Der Finance-in-Common-Gipfel, der auf Initiative des IDFC entstand, ist in der Tat das beste Beispiel für Polylateralismus. Wir sind im letzten November zu unserem allerersten Treffen zusammengekommen. Alle 450 öffentlichen Entwicklungsbanken der Welt waren in ihrem Willen geeint, zur Erholung beizutragen und sich an nachhaltigen Finanzierungsprinzipien auszurichten.

Welche Vision haben Sie für Finance in Common?

Die Finance-in-Common-Bewegung ist gerade erst entstanden. Wir wissen jetzt, dass die Investitionen der öffentlichen Entwicklungsbanken zehn Prozent der weltweiten jährlichen Investitionen (d. h. 2,3 Bio. US-Dollar) ausmachen und daher über eine enorme Transformationskraft verfügen. Wir freuen uns bereits auf den zweiten Finance-in-Common-Gipfel, der im Herbst, noch vor der COP 26, stattfindet.

Für welche spezifischen Zwecke können die Entwicklungsbanken ihre Transformationskraft einsetzen?

Wir müssen unser System jetzt effektiver, konkreter und kollaborativer gestalten. Wir müssen Unterstützung für die Bewältigung dringender Aufgaben des Jahres 2021 bieten, insbesondere Finanzierung für Afrika, Gesundheit, Klima und Ernährungssicherheit. Auch können wir die Transformation unserer Arbeitsprozesse beschleunigen und mehr Nachhaltigkeit erreichen, indem wir gemeinsame Methoden zur Neuausrichtung und Mechanismen zur Rechenschaftslegung entwickeln und befolgen. Da liegt noch eine Menge Arbeit vor uns, aber die Vision und die Fähigkeit dazu sind vorhanden. Sehen Sie sich einfach mal Institutionen wie die KfW an, die ihre Geschäftstätigkeit jetzt an den SDG neu ausrichtet. Ich bin mir der wichtigen Rolle der KfW innerhalb Deutschlands bewusst, der Bedeutung, die sie für die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung, Investitionen in erneuerbare Energien, energieeffizientes Wohnen usw. hat. Auf nationaler Ebene hat sie eine wesentlich größere Wirkung als jede internationale Institution. Und sie teilt ihre Erfahrungen mit dem Rest der Welt über unsere Kollegen bei der KfW Entwicklungsbank. Anders ausgedrückt, brauchen wir starke nationale Institutionen, die auf globale Ziele hinarbeiten. Das ist mein Verständnis von SDG 17, das genau darin besteht, globale Partnerschaften für nachhaltige Entwicklung neu zu beleben.

Die SDGs sollen schon in weniger als zehn Jahren erreicht sein. Können wir das Ihrer Meinung nach schaffen? Vielleicht auf der Grundlage neuer Allianzen und neuer Formen der Zusammenarbeit?

Die unerwartete Krise, der wir gegenüberstehen, lässt es zweifellos fragwürdig erscheinen, ob wir die Agenda 2030 erfüllen können. Ich vermute, dass der Zeitplan zur Erreichung der SDGs bis 2030 und die Planung zahlreicher Regierungen, bis 2050 CO2-Neutralität zu erreichen, am Ende ineinander übergehen, da sie eng voneinander abhängen.

Bedeutet das, dass wir die Erreichung der SDGs auf 2050 verschieben?

Nein, wir müssen nach wie vor alles daransetzen, die Nachhaltigkeitsziele bis 2030 zu erreichen. Jedoch glaube ich, dass wir unser Zielsystem dann wahrscheinlich neu definieren und auf 2050 hin ausrichten werden. Und wir werden wahrscheinlich sehr viel ambitionierter vorgehen müssen. Davon muss jeder ausgehen.

Würden Sie mir beipflichten, dass bei Klima- und Umweltfragen seit 2015 ein größerer Fortschritt erzielt wurde als bei der sozialpolitischen Agenda? Die Ungleichheit hat praktisch überall auf der Welt zugenommen, insbesondere auch durch die Pandemie.

Das ist absolut richtig. Beim Thema Klima sind wir weiter vorangekommen als bei den gesellschaftlichen Herausforderungen. Dieses Ungleichgewicht muss korrigiert werden. In den letzten 20 Jahren ist die Kluft zwischen Arm und Reich in über 75 Prozent der OECD-Länder noch größer geworden. Die COVID-19-Krise hat das Auseinanderdriften noch weiter beschleunigt. Und wir haben erfahren, dass diese Probleme miteinander verflochten sind. Auch kann der Kampf gegen den Klimawandel neue Ungleichheiten hervorrufen, die eine explosive Wirkung entfalten, wenn wir nicht angemessen darauf reagieren. Das haben wir in Frankreich mit der Gelbwesten-Bewegung erlebt. Daher müssen wir die umweltpolitischen Herausforderungen mit den gesellschaftspolitischen Zielen in Einklang bringen. Öffentliche Entwicklungsbanken haben außerordentlich gute Antennen für Spannungen dieser Art. Bei der Suche nach Lösungen, diese beiden Dimensionen miteinander in Einklang zu bringen, können sie eine wichtige Rolle spielen.

Sie sprechen über neuartige Partnerschaften. Befinden sich die Beziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern auch in einem Wandel?

Mit den SDGs und dem Pariser Klimaabkommen haben wir ein gemeinsames Interesse über alle Arten von Ländern hinweg zum Ausdruck gebracht. Es verläuft keine Trennlinie mehr zwischen „uns“ und „ihnen“. Die öffentlichen Entwicklungsbanken haben verstanden, dass wir voneinander lernen müssen. Wir alle sind in einer Übergangsphase, und alle Innovationen und Ideen, die wir bekommen können, werden gebraucht, egal wo sie herkommen. Dann kann der Weg des globalen Südens hin zu nachhaltiger Entwicklung vielleicht kürzer ausfallen. Insgesamt funktionieren die Beziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern heute definitiv in beide Richtungen. Jedoch dürfen wir dabei nicht vergessen, dass wir für die Ärmsten unter uns eine kontinuierliche Unterstützung sicherstellen müssen.

Seit Sie an der Spitze der AFD stehen, haben Sie Partnerschaften stark in den Vordergrund gerückt. Was ist der Grund dafür?

Die Strategie der AFD-Gruppe beruht auf fünf Prinzipien. Eines davon lautet „non-sovereign first“, d. h. wir geben nichtstaatlichen Partnern den Vorzug. Wir arbeiten also nicht nur mit Regierungen zusammen, sondern mit einer größeren Bandbreite an Stakeholdern wie lokalen Behörden, öffentlichen Banken, der Privatwirtschaft, der Zivilgesellschaft usw. Wir suchen nach dem bestmöglichen Kanal, um die Bevölkerung zu erreichen und zu unterstützen. Das macht unsere Arbeit bisweilen komplexer, aber auch sehr bereichernd und letztendlich effizienter.

Warum ist das für Sie wichtig?

Zu unseren fünf Prioritäten gehört auch unser Grundsatz „partnership by design“, d. h. unsere Projekte sind grundsätzlich auf Partnerschaft ausgelegt. Denn ein Projekt mit einem Partner ist besser als eines, das wir alleine durchführen. So einfach ist das. Neben unseren Kunden versuchen wir auch, mit Dritten zusammenzuarbeiten. Im Idealfall erreichen wir auf diesem Weg Institutionen, die noch nicht mobilisiert wurden. Diese Bemühungen sind von zentraler Bedeutung, da sie dazu beitragen, die Botschaft der Nachhaltigkeit so weit wie möglich zu verbreiten. Und so gewinnen wir neue Mitstreiter auf unserem Weg zu globaler Kooperation.

Wie wichtig sind für Sie die Beziehungen zwischen KfW und AFD?

Die AFD engagiert sich immer weitgehender in ihrer Zusammenarbeit mit europäischen Partnerinstitutionen. Die KfW ist ein stabiler und langjähriger Partner, mit dem wir solide und vertrauensvolle Beziehungen pflegen. Dabei denke ich besonders an den verstorbenen Dr. Ulrich Schröder, der mich im IDFC so freundlich aufgenommen hat. Und ich möchte meinem Freund Günther Bräunig für unsere hervorragende Zusammenarbeit danken. Unser gemeinsames Portfolio beläuft sich auf ca. 600 Mio. Euro pro Jahr; 2020 waren es wegen der Pandemie sogar 1,2 Mrd. Euro. Die KfW und die AFD gehen Seite an Seite. Unsere Beziehung ist geprägt von Vertrauen.

Ganz allgemein gefragt: In welchen Bereichen arbeiten KfW und AFD zusammen?

Wir unterstützen gemeinsam eine ganze Reihe von Vorhaben und Initiativen, von der Clean Oceans Initiative zum Kampf gegen Plastikmüll in unseren Ozeanen über den Blue Action Fund zum Schutz mariner Lebensräume bis hin zum IDFC und Projekten unter der Sahel-Allianz.

Welches Projekt schätzen Sie ganz besonders?

Es ist schwer, hier nur ein einziges zu nennen. Ich würde vielleicht ein länderübergreifendes Programm hervorheben, mit dem der Übergang zur Elektromobilität in Lateinamerika großräumig gefördert werden soll. Das Programm wird von KfW, GIZ, AFD und der lateinamerikanischen Entwicklungsbank CAF gemeinsam aufgesetzt und beinhaltet finanzielle und technische Unterstützung für emissionsarme Fahrzeuge, was für den Fahrzeugmarkt und die Transportsysteme der Region einen Paradigmenwechsel bedeuten wird. Wir versuchen außerdem, den Green Climate Fund (GCF) dafür zu gewinnen. Dieses innovative Projekt, das zahlreiche Akteure vereint, bringt erneut unsere partnerschaftliche Haltung zum Ausdruck: Von Europa ausgehend möchten wir mit dem Rest der Welt zusammenarbeiten und multilateralen Institutionen und Prioritäten dienen.

Ist das die Art von Wirkungen, die Sie sich aus unterschiedlichen Partnerschaftskonzepten noch häufiger erhoffen?

Genau. Keine Institution könnte im Alleingang eine so große Wirkung erzielen. Aber zusammen können wir konkrete Veränderungen im angemessenen Maßstab erreichen!

Das Interview führte Friederike Bauer.