Tipp: Aktivieren Sie Javascript, damit Sie alle Funktionen unserer Website nutzen können.

"Gemeinschaften können ihre Entwicklung selbst in die Hand nehmen"

Meldung vom 12.03.2018 / KfW Entwicklungsbank

Michael Kocher, General Manager der Aga-Khan-Stiftung (AKF), erläutert den Entwicklungsansatz seiner Organisation

Michael Kocher, General Manager der Aga-Khan-Stiftung (AKF): "Wir werden uns weiterhin auf die ärmsten und am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen konzentrieren."

Herr Kocher, die Aga-Khan-Stiftung (AKF) ist seit mehr als fünfzig Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Was sehen Sie als Ihre wichtigsten Erfolge?

Ganz oben auf der Liste steht unsere Arbeit in Nordpakistan, wo wir seit Jahrzehnten aktiv sind. Hier wurde 1983 der Ansatz unserer Förderprogramme für den ländlichen Raum entwickelt und erstmals umgesetzt. Er beruht auf dem Grundsatz, dass Gemeinschaften ihre Entwicklung selbst in die Hand nehmen können, indem sie Dorfvertretungen bilden, die für sie handeln. Unsere Arbeit hat gezeigt, dass Gemeinschaften durch solche Organisationsformen besser in der Lage sind, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

Erst vor einiger Zeit ist dieser Ansatz auch in Nordafghanistan zur Anwendung gekommen. Im Rahmen des Stabilisierungsprogramms für Nordafghanistan (SPNA), das von der KfW aus Mitteln des Auswärtigen Amts finanziert wird, unterstützen die AKF, die französische Nichtregierungsorganisation ACTED und Mercy Corps Bürgerversammlungen auf Distriktebene, um sie als Ansprechpartner lokaler Regierungsbehörden zu stärken. Die KfW stellt für diese Versammlungen Mittel zur Distriktentwicklung bereit, um wichtigen Bedarf vor Ort abzudecken und die Kapazitäten von Regierung und Bürgern gleichermaßen zu entwickeln. Über 100 Millionen Euro wurden bereits von 50 Distriktversammlungen in Anspruch genommen, um in mehr als 420 Projekten den Bau von Straßen, Schulen, Wasserversorgungseinrichtungen und anderer wichtiger Infrastruktur zu finanzieren. So konnten die Lebensbedingungen vor Ort verbessert und gleichzeitig die Zivilgesellschaft gestärkt werden.

Die Anwendung solcher gemeinschaftsorientierter Ansätze, bei denen die Menschen vor Ort ihre Entwicklung selbst in die Hand nehmen, ist unser Markenzeichen. Die Förderprogramme der AKF für den ländlichen Raum erreichen mittlerweile über acht Millionen Menschen, die in entlegenen Gebieten Asiens und Afrikas leben. Darüber hinaus haben mehrere Hundert Millionen von den Organisationen und Programmen profitiert, die sich an dem Ansatz orientieren.

Führen Sie auch grenzüberschreitende Programme durch?

Ja, auch unsere grenzüberschreitenden Programme in Zentralasien geben Anlass zu Optimismus, nicht zuletzt wegen des kooperativen Geistes, in dem sie umgesetzt werden. Vor der Sowjetzeit waren die afghanischen und tadschikischen Gemeinschaften auf beiden Seiten der Grenze durch Familienbande, Sprache und Traditionen verbunden. Dann waren sie über siebzig Jahre lang getrennt. In den letzten zehn Jahren hat die Aga-Khan-Stiftung fünf Brücken und Märkte gebaut, um diese Gebiete miteinander zu verbinden, Menschen wieder in Kontakt zu bringen, den lokalen Handel anzukurbeln und die Lebensgrundlagen vor Ort zu verbessern. Die Finanzierung erfolgte teilweise durch die PATRIP-Stiftung und die KfW aus Mitteln des deutschen Auswärtigen Amts. Die Auswirkungen waren erheblich. Bevor es die Märkte gab, mussten Dorfbewohner auf der afghanischen Seite zwei Tage lang mit dem Esel unterwegs sein, um Grundnahrungsmittel wie Salz oder Mehl zu kaufen; jetzt müssen sie nur noch am Markttag über den Fluss. So war es auch bei der Gesundheitsversorgung, deshalb haben wir mit den tadschikischen Behörden zusammengearbeitet, um für Afghanen in dieser Region Notfalldienste bereitzustellen.

Im Bereich der öffentlichen Infrastruktur hat die Aga-Khan-Stiftung mit ihren Partnern in den letzten zehn Jahren unter anderem fünf Brücken und Märkte gebaut, um Afghanistan und Tadschikistan zu verbinden. Die Finanzierung erfolgte teilweise durch die PATRIP-Stiftung und die KfW aus Mitteln des Auswärtigen Amtes.

In diesem abgelegenen Teil der Welt spricht alles für den Aufbau gemeinsamer Versorgungsdienste. Nehmen wir das Beispiel Energie. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und einem fünfjährigen Bürgerkrieg in den 90er Jahren brach auf der tadschikischen Seite die Energieinfrastruktur vollkommen zusammen; auf der afghanischen Seite hatte es eine entsprechende Infrastruktur ohnehin nie gegeben. Mit Unterstützung der IFC, der Weltbank und der Regierung Tadschikistans errichtete das Aga Khan Development Network 2002 mit der tadschikischen Firma Pamir Energy die erste öffentlich-private Energiepartnerschaft in Zentralasien. Heute haben 98 % der Tadschiken in diesem Gebiet, also nahezu 220.000 Menschen, Zugang zu bezahlbarer, zuverlässiger und sauberer Energie. Pamir Energy exportiert Strom über die Grenze nach Afghanistan, wodurch mehr als 40.000 Menschen erstmals mit Strom versorgt werden.

Die KfW und die PATRIP-Stiftung unterstützen dieses Projekt seit 2010 als wichtige Partner. Das hat dazu beigetragen, andere Entwicklungspartner in die Region zu holen, darunter die Europäische Kommission, die die AKF, die KfW und die PATRIP-Stiftung jetzt beim Bau einer sechsten Brücke und eines entsprechenden Markts unterstützt. Wir verspüren eine starke und zunehmende Dynamik.

Auf welche Entwicklungsbereiche konzentriert sich die AKF?

Um die vielfältig miteinander verflochtenen Ursachen der Armut zu bekämpfen, die die ärmsten und am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen, vor allem Frauen und Mädchen, betreffen, verfolgen wir einen sektoral übergreifenden Ansatz. Wir konzentrieren uns auf die Bereiche Landwirtschaft und Ernährungssicherheit, wirtschaftliche Integration einschließlich Aufbau von Infrastruktur wie Energie und Wasser, sowie Unternehmensentwicklung, Bildung und frühkindliche Förderung. Grundlage all unserer Arbeit ist die Verpflichtung, zur Entwicklung einer robusten und nachhaltigen Zivilgesellschaft beizutragen, die auch nach dem Abschluss der einzelnen Projekte weiter funktioniert.

Und in wie vielen Ländern arbeiten Sie?

Die Aga-Khan-Stiftung ist in 20 Ländern tätig, darunter Ägypten, Afghanistan, Bangladesch, Côte d‘Ivoire, Großbritannien, Indien, Kanada, Kenia, Kirgisische Republik, Madagaskar, Mali, Mosambik, Pakistan, Portugal, Schweiz, Syrien, Tadschikistan, Tansania, Uganda und die USA. Über das umfassender angelegte Aga Khan Development Network sind wir in insgesamt 30 Ländern tätig.

Wie wichtig ist Religion für Ihre Arbeit?

Die Stiftung ist eine überkonfessionelle Organisation, die mit Menschen jeglicher Herkunft und Glaubensrichtung zusammenarbeitet. Seine Hoheit Aga Khan gründete die Stiftung, um die Lebensbedingungen besonders benachteiligter Menschen zu verbessern: Anspruch und Arbeit der Stiftung beruhen auf ethischen Grundprinzipien des Islams, also Beteiligung, Solidarität mit den Schwächeren, Selbständigkeit und Menschenwürde. Pluralismus ist ein zentraler Bestandteil unseres ethischen Anspruchs, den wir in allen unseren Programmen fördern wollen.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit anderen Entwicklungsorganisationen?

Die Zusammenarbeit mit anderen Entwicklungsorganisationen und unzähligen weiteren Partnern ist für den Erfolg unserer Arbeit von grundlegender Bedeutung. An erster Stelle stehen die Gemeinschaften und Regierungen der Länder, in denen wir tätig sind. Dann sind da noch unsere wichtigen institutionellen Partner wie die KfW und die Regierung Deutschlands und anderer Länder. Wir pflegen langjährige Partnerschaften mit multilateralen Organisationen wie der Europäischen Kommission oder den Entwicklungsbanken und arbeiten mit Trusts, Stiftungen, Unternehmen, die unsere Werte teilen, und weiteren Nichtregierungsorganisationen zusammen. Die Durchführung übernehmen wir entweder allein oder in Partnerschaft mit Organisationen der Zivilgesellschaft – Jahr für Jahr kooperieren wir mit rund 40.000 Organisationen der Zivilgesellschaft, aber auch mit der Wirtschaft. Partnerschaften wie diese sind ein Eckpfeiler unseres Ansatzes – der Aufbau solcher Netzwerke stellt sicher, dass Programme und soziale Leistungen weit über Projekte und Verträge hinaus Bestand haben. Partnerschaft und Zusammenarbeit sind zentrale Aspekte unserer Arbeit. Durch sie sind wir in der Lage, von anderen Organisationen zu lernen, Stärken zu nutzen und unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten auszubauen, um einige der drängendsten Entwicklungsprobleme besser angehen zu können.

Ein Mann in Tadschikistan benutzt eine elektrische Säge, die mit Strom von Pamir Energy betrieben wird.

Worauf konzentrieren sich Know-how und Expertise der AKF?

Einige der wichtigsten Aspekte:

Erstens: Wir engagieren uns langfristig in den jeweiligen Ländern und Regionen. Wir wollen so lange vor Ort sein, bis eine signifikante und dauerhafte Veränderung der Lebensbedingungen spürbar ist.

Zweitens: Wir bringen unsere eigenen Mittel für ein Land oder eine Region ein und können deshalb langfristige Entwicklungsziele verfolgen, anstatt uns nach Finanzierungsfenstern der Geber oder Budgetbeschränkungen richten zu müssen. Die Finanzierung durch Partner ist wichtig und macht uns agiler, aber wenn wir erst einmal in einem Land sind, bleiben wir dort auch.

Drittens: Wir verfolgen einen regionalen und integrierten Ansatz. In Regionen wie Zentralasien oder Ostafrika haben wir deshalb Partnerschaften, durch die wir länderübergreifend arbeiten können, um regionale Herausforderungen wie Klimawandel oder Zugang zu Energie zu bewältigen.

Viertens: Wir konzentrieren uns auf die erfolgversprechendsten Interventionen, die in dem jeweiligen Umfeld möglich sind. Wir wollen zum Maßstab werden und Entwicklungsmodelle schaffen, die von anderen übernommen und angepasst werden können.

Welches sind die größten Schwierigkeiten bei Ihrer Arbeit?

Politische Instabilität und die Arbeit in einem fragilen Umfeld führen die Liste an, vor allem in Ländern wie Afghanistan und Syrien. Wir versuchen natürlich, das Risiko für unsere Partnergemeinschaften und unsere Mitarbeiter zu minimieren, aber wir haben uns dauerhaft für diese Länder entschieden und werden dort weiterhin präsent sein.

Der Klimawandel hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebensgrundlagen der Berg- und Küstengemeinden, in denen wir tätig sind. Die Ernährungssicherheit in Zeiten des Klimawandels zu gewährleisten ist und bleibt ein wesentliches Ziel unserer Arbeit.

Bevölkerungswachstum, Verstädterung und die hohe Zahl junger Menschen in Afrika und Asien stellen für die Bereitstellung öffentlicher Dienste eine massive Herausforderung dar. Die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten hat für uns höchste Priorität.

Und Ihre Ziele für die Zukunft?

Die Stiftung wird zusammen mit den anderen Strukturen des Aga Khan Development Networks weiter auf eine integrative und pluralistische Welt hinarbeiten, in der Unterschiede nicht als Schwäche, sondern als Stärke betrachtet werden. Wir setzen uns dafür ein, Millionen von Menschen aus der Armut zu befreien. Wir werden uns auch künftig auf die ärmsten und am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen konzentrieren, um ihnen zu helfen, ihre Selbstständigkeit und Widerstandsfähigkeit zu entwickeln, damit sie optimistisch in die Zukunft blicken können.

Kontakt

KfW Entwicklungsbank

Telefon

069 74 31-42 60

E-Mail

info@kfw-entwicklungsbank.de