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Wasser im Nahen Osten

Meldung vom 20.03.2020 / KfW Entwicklungsbank

Interview mit Stefan Zeeb und Dr. Stefan Gramel zu SDG 6

Bewässerte Flächen
Bewässerung mit aufbereitetem Wasser im Jordantal.

Die KfW Entwicklungsbank ist im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) seit Jahrzenten weltweit im Wassersektor tätig. Die Region Nahost steht dabei in besonderer Weise für die komplexen Zusammenhänge zwischen dem Wassersektor und unterschiedlichen Herausforderungen: Wasserarmut, Klimawandel, Verstädterung, Bevölkerungswachstum und Migration. Das alles führt in vielen Kommunen zu Versorgungsengpässen und führt sie an die Grenze des Leistbaren. Dr.-Ing. Stefan Gramel, Technischer Sachverständiger im Wassersektor Nahost, und Stefan Zeeb, Direktor der Abteilung Nahost in der KfW Entwicklungsbank im Interview.

Der Nahe Osten ist DIE Region, die für „Wasserkrise“ steht. Welche sind die wesentlichen Herausforderungen?

Stefan Zeeb: Im Nahen Osten ist da zunächst das Problem der Wasserverfügbarkeit. Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich, aber verglichen mit Deutschland reden wir generell nur von einem Bruchteil dessen, was wir hier zur Verfügung haben. Die nächste Frage ist, wie wird das Wasser auf die verschiedenen Nutzer verteilt – die Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Wasser für die industrielle Nutzung und auch den Tourismus, in vielen Ländern ein wichtiger Devisenbringer. Wer hat Zugang zum Wasser und wie wird die Verteilung geregelt? Die Wasserverteilung ist nicht nur auf nationaler Ebene zu betrachten, sondern auch zwischenstaatlich – wer darf Grundwasser, Wasser aus Flüssen oder dem Meer – die sich natürlich nicht an Grenzen halten - nutzen? Wieviel Wasser kommt nach Entnahme aus einem Fluss bei Nutzern im Nachbarland noch an?

Dr. Stefan Gramel: Ich möchte da ein paar Zahlen nennen, die das untermauern, was Stefan Zeeb gesagt hat: In Jordanien stehen pro Einwohner und Jahr weniger als 100 Kubikmeter erneuerbarer Wasserressourcen zur Verfügung, während es in den USA beispielsweise mehr als 9000 sind und in Deutschland etwa 1600. In Jordanien hat die Übernutzung des Grundwassers dazu führt, dass der Grundwasserspiegel um ein bis zehn Meter pro Jahr fällt. Das hat zur Folge, dass zunehmend salzhaltiges Wasser in die wichtigen Grundwasserreservoire eingezogen wird – ein Prozess, der nicht reversibel ist. Ganz deutlich sieht man hier die starke Anfälligkeit der Region gegenüber dem Klimawandel – das zeigt sich konkret in Wasserknappheit und Dürre.

Um das plastischer zu machen: können Sie das am Beispiel eines Projekts darstellen, in dem die unterschiedlichen Herausforderungen adressiert werden?

Gramel: Da fällt mir die Wasserwiederverwendung als typisches Beispiel für den Umgang mit Wasserknappheit ein, sie wird in Jordanien praktiziert, aber auch in den Palästinensischen Gebieten. Im Norden Jordaniens wird Wasser in Kläranlagen gereinigt und dann in der Landwirtschaft zur Bewässerung wiederverwendet. Das Frischwasser bleibt für die Trinkwasserversorgung. Da geht es um 10 bis 15 Mio. Kubikmeter, das ist die Menge, die etwa 400.000 Menschen im Jahr benötigen.

Die deutsche FZ engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich Wasserversorgung und Abwasser in der Region. Wie hat das mal angefangen und wohin hat es sich entwickelt?

Zeeb: Die Entwicklungszusammenarbeit im Wassersektor begann in den sechziger Jahren mit der Erschließung von Trinkwasserressourcen – und das meint nicht das Bohren von Dorfbrunnen, an denen die Frauen von Hand gepumpt haben, sondern größere Brunnen für Siedlungsgebiete und in Verbindung damit Trinkwasseraufbereitung und –verteilung über Netze. Im nächsten Schritt dann Abwassersammlung und Abwasserreinigung, also den Bau von Kläranlagen mit unterschiedlichen Technologien, die über die Jahre immer weiter entwickelt wurden. Seit einigen Jahren wird das Thema Entsalzung immer wichtiger. Grundwasserleiter sind zunehmend versalzt, das so genannte Brackwasser – nicht so salzhaltig wie Meerwasser – kann aufbereitet und dann als Trinkwasser genutzt werden. Aber es gibt auch immer mehr Meerwasserentsalzungsanlagen im Nahen Osten und in Nordafrika, die wichtige zusätzliche Trinkwasserquellen darstellen. Das ist mit höheren Kosten verbunden, u. a. weil Entsalzungsanlagen einen sehr hohen Energieverbrauch haben. Auch die Themen Energieeffizienz und die Nutzung erneuerbarer Energien in der Wasserver- und Abwasserentsorgung gewinnen an Bedeutung.

Gramel: Vielleicht noch ergänzend: Die Themen Klimaschutz und Klimaanpassung sind in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Beispiel Jordanien: 15 Prozent des Stromverbrauchs gehen in die Wasserwirtschaft, in Deutschland ist es weniger als ein Prozent. Die Anpassung an den Klimawandel ist ein wichtiger Aspekt, wenn wir Projekte konzipieren.

Noch mal für Laien: welche konkreten Maßnahmen werden im Bereich Klimaschutz und Energieeffizienz durchgeführt?

Gramel: Energieeffizienz heißt zum Beispiel der Einsatz von energieeffizienten Pumpen, in einem ersten Projekt in Jordanien sparen wir damit etwa 20 bis 30 Prozent Strom. Aber das heißt auch die Nutzung von erneuerbaren Energien.

In Israel wird mehr als die Hälfte des nationalen Wasserbedarfs über Meerwasserwasserentsalzung gedeckt. Ist das auch eine Option für die Partnerländer der FZ in der Region?

Zeeb: Im Nahen Osten sind solche Projekte in der Planung, vor allem in Jordanien, wo nicht zuletzt wegen der hohen Flüchtlingszahlen der Wasserbedarf sehr stark gestiegen ist. In Tunesien und Marokko hat die KfW bereits erste Projekte finanziert, weil auch dort die Wasserverfügbarkeit sehr eingeschränkt ist. Auch dort ist die Entsalzung eine – weil eben sehr energieintensive – teure Option, manchmal aber schlicht ohne Alternative. Für den Gazastreifen wird eine große Anlage zurzeit geplant – nicht von der deutschen EZ -, dort wird man versuchen, den Strombedarf über erneuerbare Energien zu decken. Im Gazastreifen wird das nicht ohne Subventionen gehen, anderswo – zum Beispiel in touristischen Zentren in Tunesien – geschieht das durchaus kostendeckend.

Zisterne im Jemen
Kläranlage Nablus West.
Der Zustrom von Flüchtlingen, wie aus Syrien und dem Irak, verschärft die Wasserknappheit. Wie sieht das Engagement der KfW Entwicklungsbank zum Beispiel in Jordanien oder dem Libanon aus?

Gramel: Ich beginne mal mit Jordanien. Flüchtlingskrise in Jordanien – das heißt etwa 1,3 Millionen Geflüchtete. Die erste Welle von Flüchtlingen nach Jordanien kam vor allem in die Grenzregion im Norden, dort ist die Wasserversorgung in den aufnehmenden Gemeinden phasenweise fast zusammengebrochen. Denn der Großteil der Geflüchteten lebt eben nicht in Flüchtlingslagern, sondern in Gemeinden. Es wurden schnell Vorhaben zur Brunnenrehabilitierung und zur Verbesserung des Wassertransportsystems auf den Weg gebracht – hierüber wurde die Versorgung von etwa 500.000 Menschen gesichert. Das war – nach Aussage unserer jordanischen Partner – das wichtigste Projekt zur Stabilisierung der Wasserversorgung in den Gemeinden im Norden Jordaniens. Es folgte dann der Bau der Aqip-Pipeline zum Wassertransport, es wurden aber auch Hausanschlüsse für syrische Flüchtlinge gelegt. Das ist die eine Linie unseres Engagements, die zweite ist – gemeinsam mit UNICEF – das Flüchtlingslager Zaatari, eines der größten Flüchtlingslager weltweit. Dort haben KfW und UNICEF das Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungssystem errichtet.

Zeeb: Der Libanon ist noch stärker von der Flüchtlingskrise betroffen, bei einer Einwohnerzahl von 4,5 Millionen wurden 1,5 Millionen syrische Geflüchtete aufgenommen. Eine Situation, die für uns eigentlich unvorstellbar ist. Wenn man das auf Deutschland hochrechnen will – dann müssten wir 20 Millionen Menschen aufnehmen. Dort ist ein System, das schon vorher nicht wirklich leistungsfähig war, extrem unter Stress geraten. Da erfolgte unsere Unterstützung – teilweise in Zusammenarbeit mit UN-Organisationen – in Form von kleineren Maßnahmen zur Stabilisierung der Trinkwasserversorgung. Im nächsten Schritt, vor allem im Großraum Beirut, arbeiten wir mit libanesischen Partnern zusammen – ganz ähnlich wie in Jordanien – und identifizieren Engpässe, schauen, wo können wir mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln gezielt in aufnehmenden Gemeinden die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung verbessern. Das ist, wie man sich vorstellen kann, schwierig in der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Krisensituation im Libanon.

Sie sind selbst im von Bürgerkrieg gebeutelten Jemen aktiv. Was machen Sie da? Und wie können Sie sicherstellen, dass die Gelder auch für die geplanten Maßnahmen verwendet werden?

Gramel: Seit 2016 war Cholera – eine wasserinduzierte Krankheit - im Jemen, einem der ärmsten Länder der Welt, immer wieder ein Thema in der Presse. Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind an Cholera erkrankt und geschätzt deutlich mehr als 3.000 Menschen an der Krankheit gestorben. In der Corona-Pandemie erleben wir gerade, wie selbst ein Land wie Deutschland mit einem leistungsstarken Gesundheitswesen an seine Grenzen kommt. Das muss man sich vor Augen halten.

Was machen wir also im Jemen? Wir arbeiten dort mit Partnerorganisationen zusammen, das ist zum Einen der Social Fund for Development (SFD), eine Non-Profit-Organisation, die schon seit vielen Jahren im Jemen aktiv ist, auch in sehr abgelegenen Regionen. Der SFD – mit ausschließlich jemenitischen Mitarbeitern - arbeitet oft eng zusammen mit Dorfgemeinschaften, das sind häufig sehr kleinteilige Maßnahmen. Auch mit UNICEF arbeiten wir im Wassersektor zusammen, aber eher in Städten, wo auch viele Binnenvertriebene zu versorgen sind.

Bauen einer Anlage
Der Bau eines Beckens zum Auffangen von Regenwasser im Jemen.

Große Infrastrukturmaßnahmen, die wir aus dem Libanon, aus Jordanien und den Palästinensischen Gebieten geschildert haben, sind im Jemen derzeit weder möglich noch sinnvoll. Dort werden zum Beispiel Hauswasserfilter einfachster Art hergestellt, mit denen Trinkwasser in einer Qualität hergestellt wird, dass man nicht an Cholera erkrankt. Ein weiterer Ansatz ist die Sammlung von Regenwasser in Zisternen und Becken. Der Bau von Latrinen ist wichtig, auch zur Eindämmung der Cholera. Es geht weiter mit Hygienekampagnen, um die Ansteckungsraten zu verkleinern. Weiter geht es um die Nutzung von Photovoltaik für Brunnen, denn die Stromversorgung ist in einem solchen Krisenland ein großes Problem.

Aber die Gelder für Projekte und Gehälter können noch immer überwiesen werden?

Zeeb: Ja, mit dem SFD arbeiten wir ja seit langem zusammen und konnten ein System etablieren, in dem die Gelder in kleinen Tranchen ausgezahlt werden. So wird das Risiko klein gehalten, dass Gelder nicht da ankommen, wo sie eingesetzt werden sollen. Und wir haben – obwohl seit fast sieben Jahren wegen der Sicherheitssituation kein Frankfurter Mitarbeiter der KfW mehr im Land war – ein Büro mit lokalen Kollegen vor Ort, die je nach Sicherheitslage auch bei der Kontrolle der Mittelverwendung die Möglichkeit haben, durchs Land zu fahren, sich Projekte anzuschauen. Die Ergebnisse sind – man kann sich das nur schwer vorstellen – durchaus vorzeigbar. Wir bekommen sehr eindrucksvolle Bilder - die Bevölkerung ist sehr kreativ und bekommt in Selbsthilfe beeindruckende Lösungen hin. Nicht vergleichbar mit einer großen Kläranlage, aber in der Situation genau das Richtige. Wir reden hier von zweistelligen Millionenbeträgen, die wir aufgeteilt auf viele kleine Projekte umsetzen können.

Weiterführende Informationen:

KfW Story – Wasser für Zaatari

Social Fund for Development - Jemen

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