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Südafrika: Vertragsübergabe im Supermarkt

Meldung vom 16.06.2020

Silke Stadtmann ist seit Sommer 2019 Büroleiterin in Pretoria. Hier berichtet sie über die Corona-Lage im Land und den neuen Alltag im KfW-Büro.

Am 5. März 2020 wurde der erste Covid-19-Fall in Südafrika gemeldet: Ein infizierter Südafrikaner kam von einer Italienreise zurück. Nur knapp zwei Wochen später kündete Präsident Ramaphosa die ersten Maßnahmen an, um das Virus einzudämmen: Reisende aus einem Risikoland erhielten keine Einreiseerlaubnis, Schulen und Universitäten wurden geschlossen etc. Nach weiteren zwei Wochen ging ganz Südafrika in einen totalen Lockdown (Risikolevel 5): ganztägige Ausgangssperre (Verlassen der Wohnung war nur noch aus wichtigen Gründen, wie zum Einkaufen von Lebensmittel oder zu einem Arztbesuch erlaubt). Die Grenzen wurden geschlossen, der nationale wie internationale Flugbetrieb eingestellt, nur systemrelevante Firmen durften ihren Betrieb aufrechterhalten. Ziel des Lockdowns war es, das Virus einzudämmen und parallel das südafrikanische Gesundheitssystem auf den Ausbruch von Covid-19 vorzubereiten. Zu diesem Zeitpunkt gab es erst 554 Infizierte.

Nach insgesamt 5 Wochen mit einer der striktesten Ausgangssperren der Welt gab es endlich die ersten Lockerungen. Am 1. Mai, als alle ihre Häuser verlassen durften, war das wie ein Volksfest. Endlich wieder vor die Tür! Man durfte das Haus zwischen 6 Uhr und 9 Uhr morgens zur sportlichen Betätigung verlassen. Nach weiteren 30 Tagen und aufgrund des großen wirtschaftlichen und öffentlichen Drucks wurden die Restriktionen weiter gelockert, auf Risikolevel 3. Nun durften fast alle Wirtschaftssektoren wieder öffnen – unter strikten Vorschriften. Die Abstandsregel von 1,5 m sowie die Maskenpflicht im öffentlichen Raum gelten auch in Südafrika, soziale Kontakte außerhalb der Familie sind verboten, Restaurants und Hotels dürfen ihren Betrieb noch nicht wieder aufnehmen. Die Landesgrenzen sind weiter geschlossen. Reisen zwischen Distrikten sind nur aus wichtigen beruflichen Gründen erlaubt. Erst bei Erreichen von Level 2 wird es wieder Inlandsflüge geben, ab Level 1 werden auch wieder internationale Flüge möglich sein.

Kinder in Township am Wasserhahn
Eine saubere Wasserversorgung in den Townships ist für die Bekämpfung des Virus essentiel.

Die Einschränkungen und ihre Folgen:

Auf die ersten Fälle reagierte die Regierung besonnen, transparent und überlegt. Alle Parteien, Gewerkschaften und Kirchen standen geschlossen hinter dem Präsidenten und der Regierung. Dieser Rückhalt war für südafrikanische Verhältnisse einzigartig. Auch im internationalen Kontext erhielt die Regierung für ihr Krisenmanagement viel Lob und Anerkennung. Nach nun über 11 Wochen Lockdown wächst die Kritik durch Parteien, Wirtschaft und Verbände.

Während in anderen Ländern die Lockerungen zu einem Zeitpunkt umgesetzt wurden, an dem sich die Infektionszahlen stabilisiert hatten, lockert die südafrikanische Regierung die Restriktionen, während die Fallzahlen stark ansteigen, in manchen Regionen besorgniserregend stark. Insbesondere in den Townships, wo soziale Spannungen wachsen. Die Schlangen bei den Essensausgaben werden immer länger und oft reicht das Essen nicht für alle. Die Menschen leben hier auf engstem Raum zusammen, müssen Toiletten mit anderen Familien teilen und Wasser an den öffentlichen Zapfstellen holen. Abstands- und Hygieneregeln (ständiges Händewaschen etc.) fallen hier schon schwer.

Südafrika befand sich schon vor Corona in einer schlechten wirtschaftlichen Lage, die Pandemie wird dies verstärken. Mit einem Fonds zur Anschaffung von medizinischer Ausrüstung, einem Solidaritätsfonds, in den reiche Südafrikaner, Firmen und Regierungsmitglieder durch Gehaltsverzicht eingezahlt haben sowie einem Konjunkturpaket in Höhe von 25 Mrd. EUR versucht die Regierung gegenzusteuern. Insbesondere für den informellen Sektor, den Tourismus, mittelständische Unternehmen und andere benachteiligte Gruppen ist es schwierig. Das Land leidet schon heute unter einer Arbeitslosenquote von 29 %, davon ca. 55 % junge Erwachsene, diese wird auf jeden Fall drastisch ansteigen. Dazu kommen noch die Energiekrise, Dürre und Rezession.

Passanten in Kapstadt
Vor der Corona Pandemie herrschte stets reges Treiben auf Kapstadts Straßen.

KfW Büro in Pretoria

Das KfW-Büro wurde Ende März geschlossen. Wir arbeiten, genau wie unsere Partner, im Home-Office. Dank der guten Technik der KfW können wir fast “normal“ arbeiten. Ein virtuelles Meeting löst das nächste ab. Jeden Morgen machen wir einen „daily call": Was steht an? Was gibt es Neues? Das hilft dem Teamgeist und wir sehen uns über Video.

Auch in Level 3 sind alle aufgefordert weiter von zu Hause aus zu arbeiten. Die Auflagen für die Rückkehr ins Büro sind hoch: Zuerst muss das komplette Büros von einer Spezialfirma desinfiziert werden, Fiebermessen beim Kommen und Gehen und nach Feierabend muss wieder alles gereinigt werden.

Eindrücke von Lwazi Mdlopane, im KfW-Büro zuständig für den Gesundheitssektor und Bildung:

Die Covid-19-Pandemie hat deutlich gemacht, dass alle Menschen die gleichen Ängste um ihre Gesundheit und Zukunft haben. Sie hat Fragen der Führung und des Zusammenhalts in den Vordergrund gerückt. Als Südafrikanerin habe ich mich über die Führungsstärke des Präsidenten und des Gesundheitsministers gefreut. Ihre schnelle Reaktion und ihre Maßnahmen zur Abriegelung des Landes haben zur Unterstützung der Regierung durch die Bürger geführt. Überall im Land respektieren die Menschen die Desinfektionsregeln und tragen Masken. Auf der anderen Seite ist es traurig, die Bilder von unseren Townships und informellen Siedlungen zu sehen, wo die meisten Menschen Schwierigkeiten haben, ihre Familien zu ernähren und sich an die Vorschriften zu halten. Soziale Ungleichheiten wurden aufgedeckt, das betrifft auch den Zugang zu qualitativ hochwertiger medizinischer Versorgung und das mangelhafte Arbeitsrecht.

FZ-Engagement in der Krise – Vertragsübergabe im Supermarkt

Um dem Land und der Regierung beizustehen hat die KfW im Auftrag der Bundesregierung einen Zuschuss in Höhe von 2,14 Mio. EUR zugesagt. Damit soll das südafrikanische Gesundheitsministerium bei der Beschaffung von dringend benötigter medizinischer Ausrüstung unterstützt werden. Die Pandemie betrifft besonders Menschen mit geschwächtem Immunsystem und Vorerkrankungen, auch in Südafrika, wo die HIV/AIDS-Raten besonders hoch sind. Da wir zum Zeitpunkt der Unterschrift des Vertrages noch im Lockdown 5 waren und nur in den Supermarkt gehen durften, haben wir uns zur Übergabe der Verträge im Supermarkt getroffen. Das war die einzige Möglichkeit, da es auch keinen Kurierdienst oder Postbetrieb gab.

Wie geht es weiter?

Die Infektionszahlen steigen wie erwartet kontinuierlich an. Die Zahl der auf Covid-19 getesteten Personen lag am 29.05.2020 kurz vor der Öffnung zum Risikolevel 3 bei rund 17.000 Infizierten und 577 Toten. Knapp zwei Wochen später liegen die Zahlen bei rund 66.000 Infizierten und 1.423 Toten. Die Provinzen Ostkap und Gauteng, vor allem aber das Westkap und die Stadt Kapstadt sind besonders stark betroffen. Das Westkap verzeichnet derzeit zwei Drittel aller Fälle und mehr als drei Viertel der Todesfälle des Landes. Experten diskutieren noch die Ursachen und ob diese Situation ein Indikator dafür ist, wie sich die Pandemie bald im ganzen Land ausbreiten könnte.

Die Zahl der infizierten Ärzte und Krankenschwestern steigt ebenfalls an, die Testkapazitäten sind in erstaunlicher Geschwindigkeit hochgefahren, jedoch gibt es einen Stau bei der Auswertung der Tests von rund zwei Wochen. Mit den steigenden Zahlen der Infizierten nimmt auch die Kritik durch die Opposition, Wirtschaft und Bevölkerung weiter zu. Anfang Juni hat das oberste Gericht in Pretoria die erlassenen Restriktionen unter Level 3 und 4 für verfassungswidrig erklärt. Nun wird sich ein Teil der dringend benötigten Experten aus der Regierung Tage oder Wochen mit den Verfahren beschäftigen müssen – was die Unsicherheit in der Bevölkerung, was erlaubt und was verboten ist, nicht unbedingt verringern dürfte.