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Mexiko: Auf dem Papier wirkt das Ausmaß der Ausbreitung überschaubar

Meldung vom 24.06.2020

Auch in Mexiko gibt es im Kampf gegen die Pandemie mittlerweile Lockerungen, wie Helge Jahn, Leiter des KfW-Außenbüros in Mexiko-Stadt, berichtet. Trotz staatlicher Hilfen müssen viele Menschen jedoch auch längerfristig mit Einkommensverlusten und wachsender Armut rechnen. Und selbst in den Verbrechensraten spiegeln sich die Folgen von Corona.

In Mexiko wurde die erste Corona-Infektion am 28. Februar 2020 bestätigt, und schon seit der 2. Märzhälfte befanden sich Wirtschaft und öffentliches Leben weitgehend im Lockdown. Ein Großteil der Neuinfektionen wurde in Mexiko-Stadt und den angrenzenden Ballungsgebieten registriert. Bis zum 23. Juni hatten sich über 185.000 Menschen mit dem Virus infiziert, fast 23.000 haben ihr Leben verloren – das entspricht 175 Todesfällen auf eine Million Einwohner. Allerdings ist Mexiko mit weniger als fünf Tests pro Neuinfiziertem auch das OECD-Land, in dem am wenigsten getestet wird, so dass man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen kann.

Blick auf das Monument „El Caballito“ an der Kreuzung von Avenida Reforma und Avenida Juárez
Es ist zwar spürbar ruhiger als sonst. Aber viele Bewohner können es sich schlicht nicht leisten, einfach zu Hause zu bleiben – und damit auf Einkommen zu verzichten.

Gesundheitssystem – im regionalen Vergleich gut

Die Kapazitäten im Gesundheitsbereich sind im lateinamerikanischen Vergleich gut. Die Regierung hat nicht nur die Krankenhausinfrastruktur erweitert und zusätzliches Personal rekrutiert, sondern auch die Kapazitäten des Militärs für den zivilen Bedarf geöffnet. Staatlich krankenversicherte COVID-19 Patienten können in privaten Krankenhäusern behandelt werden, und auch Menschen, die gar keinen Versicherungsschutz haben, werden in den staatlichen Krankenhäusern aufgenommen. Trotzdem sind Personalknappheit, fehlende Beatmungsgeräte und ein Mangel an Schutzausrüstung ein Problem.

Engagement des Privatsektors – gespendete Beatmungsgeräte

Durch privat aufgebrachte Mittel konnten zahlreiche Beatmungsgeräte an öffentliche Krankenhäuser im ganzen Land gespendet werden. Sie stammten aus den USA und China und wurden über die bestehenden „Luftbrücken“ mit diesen Ländern geliefert. China belieferte Mexiko darüber hinaus zusätzlich mit Material wie OP-Masken und Schutzbrillen.

Einschränkung der Mobilität

Aufgrund der schnellen Ausbreitung des Virus wurden die Social-Distancing- und anderen Maßnahmen, die die Regierung beschlossen hatte, zunächst verlängert – dazu zählte auch die Aussetzung aller nicht essenziellen Aktivitäten. In den Unternehmen wurde durchaus kontrolliert, ob die Regelungen auch eingehalten wurden – Geldstrafen waren an der Tagesordnung.

Ab dem 13. Mai traten die ersten Lockerungen in Kraft. Je nach Anzahl der positiv getesteten Fälle konnte das wirtschaftliche und soziale Leben lokal wieder aufgenommen werden, und ab dem 1. Juni begann schließlich, phasenweise, eine weitgehende Öffnung in allen Wirtschaftsbereichen.

Schulen und Universitäten werden erst wieder zu Präsenzunterricht zurückkehren, wenn es für Studierende und Lehrende sicher ist. Auch die Grundschulen bleiben wegen der unzureichenden sanitären Bedingungen in vielen Bundesstaaten mindestens bis August geschlossen.

Seine Grenzen hat Mexiko jedoch weiterhin nicht geschlossen. Zwar wurden, wie mit den USA vereinbart, nicht unbedingt notwendige Reisen entlang der Landgrenze beider Länder eingeschränkt. Aber der volkswirtschaftlich wichtige Warenaustausch mit den USA fand selbst in den Phasen besonders hoher Infektionsraten statt.

Blick entlang einer der wichtigsten Verkehrsstraßen von Mexiko-Stadt, der Avenida Reforma.
Der Blick entlang der Avenida Reforma, einer der wichtigsten Verkehrsstraßen von Mexiko-Stadt.

Maßnahmen der Regierung zur Rettung der Wirtschaft

Um die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise abzufedern, hat die Regierung verschiedene Maßnahmen beschlossen, darunter die Vergabe von einer Million Mikrokrediten, Vorauszahlungen von Renten, Hilfen für den sozialen Wohnungsbau, kleine und mittlere Unternehmen. Wenngleich der finanzielle Umfang der Rettungspakete sich laut IWF eher gering ausnimmt, da die wenigen, eher sozial- denn wirtschaftspolitisch orientierten Maßnahmen ohne zusätzliche externe Neuverschuldung finanziert werden sollten.

Aktuelle wirtschaftliche Folgen

Durch den Lockdown in seinen diversen Phasen gingen in Mexiko allein im April 2020 rund 555.000 formelle Arbeitsplätze verloren – der höchste monatliche Absturz seit Beginn der Aufzeichnungen, der die gravierenden Wirtschaftskrisen von 1995 und 2008 noch übertraf. Bis Mitte des Jahres wird eine Arbeitslosenquote von etwa 11 % erwartet. Da jedoch die meisten Erwerbstätigen im informellen Sektor arbeiten, ist gerade hier die Not und die Existenzangst der Menschen besonders groß.

Nach Einschätzungen des IWF dürfte die Coronakrise einen Wachstumseinbruch von 6,6 % zur Folge haben – nach einem geschätzten Zuwachs von 1 % zu Jahresbeginn. Somit ist bereits absehbar, dass sehr viele Familien mit extremen Einkommenseinbußen rechnen müssen und die Armut zunimmt.

Sicherheitslage

Wie das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) berichtete, gab es in Mexiko während des ersten Monats der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie einen 80 %igen Anstieg bei den Hilfe-Anrufen von Frauen, die Gewalt erlitten. Auch kam es zu zahlreichen Angriffen auf Beschäftigte des Gesundheitswesens, meistens von Menschen, die eine Ansteckung durch Ärzte oder Krankenschwestern befürchteten. Infolgedessen gibt es in einigen Bundesstaaten nunmehr Geld- oder auch Freiheitsstrafen von bis zu sechs Jahren Gefängnis für Delikte dieser Art. Um medizinische Einrichtungen und ihre Mitarbeiter zu schützen und die Lieferung von Hilfsgütern zu begleiten, hat die Regierung zudem Teile der mexikanischen Streitkräfte in die am stärksten vom Virus betroffenen Bundesstaaten entsandt.

Auch allgemeine kriminelle Aktivitäten nahmen zwischen März und April um etwa 14 % zu. Die Umtriebe der Drogenkartelle gingen zwar durch Corona leicht zurück, aber dennoch wurden im März 2020 2.585 Morde erfasst – die offensichtliche Folge verstärkter Territorialkämpfe.

Palast der Schönen Küste
Der abgesperrte Vorplatz des Palastes der Schönen Künste („Palacio de Bellas Artes“).