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Jordanien: die härteste Ausgangssperre der Welt

Jordanien gilt als Stabilitätsanker im Nahen Osten, aber im Zuge der Corona-Krise macht das Land besondere Schlagzeilen. Denn hier gibt es „die härteste Ausgangssperre der Welt“. Christian Schaub, Leiter des KfW-Büros in Amman, kann darüber berichten.

Gleich nach dem Bekanntwerden der ersten Fälle Mitte März hat die jordanische Regierung in Windeseile reagiert und drastische Maßnahmen verhängt. Schulen, Kindergärten und Universitäten wurden umgehend geschlossen, alle Flüge ausgesetzt und alle Landesgrenzen abgeriegelt. Öffentliche und private Einrichtungen wurden geschlossen und am 20. März verhängten die Behörden eine landesweite Ausgangssperre, die mit äußerster Konsequenz durchgesetzt wurde. Zunächst durfte man die Wohnung für mehrere Tage überhaupt nicht mehr verlassen, wenn man nicht verhaftet werden wollte: Fast 400 Menschen wurden allein am ersten Tag festgenommen, weil sie auf der Straße ertappt wurden – mit bis zu einem Jahr Haft musste gerechnet werden. Alles war zu, selbst Apotheken und Supermärkte – härter als in Italien. Mittlerweile können Lebensmittelgeschäfte zwischen zehn und achtzehn Uhr wieder öffnen, doch jeder darf nur in unmittelbarer Nähe zu seiner Wohnung das Nötigste einkaufen. Mehrere hundert Autos wurden täglich beschlagnahmt, ganz zu schweigen von den Menschen, die in Polizeigewahrsam kamen. Und man war froh, rechtzeitig wieder zuhause zu sein, bevor abends um sechs im ganzen Land die Sirenen heulten. Auch jetzt werden immer wieder vollständige Ausgangssperren verhängt, an denen man überhaupt nicht vor die Tür darf.

Nach sechs Wochen Ausnahmezustand standen die Jordanier mit dem Beginn des Fastenmonats Ramadan am 24. April vor einer besonders großen Herausforderung. Denn nicht nur die traditionellen Moscheebesuche und das gemeinsame Fastenbrechen am Abend im großen Familien- und Freundeskreis müssen unterbleiben. Auch der eh schon beschwerliche Alltag, an dem die Menschen während dieser Zeit weder essen noch trinken, ist in Corona-Zeiten ein ganz spezielles Joch.

Leere Straße und geschlossene Geschäfte in Amman
Bereits seit Mitte März sind sämtliche Geschäfte geschlossen. Einzig Lebensmittelgeschäfte dürfen einige Stunden täglich öffnen.
Auswirkungen auf Land und Leute

Mittlerweile sieht es so aus, als ob die drastischen Maßnahmen die Ausbreitung des Virus in Jordanien vorerst wirkungsvoll eindämmen konnten. Am 4. Mai gab es nach der offiziellen Statistik 461 bestätigte Infektionen und neun Todesfälle. Trotz Ausweitung der Tests gab es den sechsten Tag in Folge keine neuen Infektionen im Landesinneren. Das öffentliche Leben und die Wirtschaft sind jedoch fast vollständig zum Erliegen gekommen.

Schon die syrische Flüchtlingskrise hatte dem Land hart zugesetzt, mit Wachstumsraten von nur zwei Prozent und einer Arbeitslosigkeit von etwa 19 %. Laut aktuellen Prognosen wird die jordanische Wirtschaft im Jahr 2020 um 3,4 % schrumpfen. Hinzu kommen nun die zusätzlichen Kosten und Einnahmenausfälle durch die Coronakrise. Ein kürzlich vereinbartes IWF-Programm sollte Jordanien, das eine hohe Staatsverschuldung aufweist, dabei unterstützen, auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu kommen und die Neuverschuldung zu bremsen. Zumindest kurz- und mittelfristig wird das nun nicht möglich sein.

Ohnehin ist zu befürchten, dass wichtige staatliche Investitionen wegen Einsparungen zurückgestellt werden müssen, mit den entsprechenden Folgen für die öffentliche Versorgung. Sozialversicherungsbeiträge und Steuern werden derzeit teilweise gestundet, und für Wasser und Strom werden keine Rechnungen gestellt. Gleichzeitig ist der Wasserverbrauch während der Krise um 40 % gestiegen. Allein für den Wassersektor beziffert der jordanische Staat die Verluste mit mehr als eineinhalb Millionen Euro pro Tag – für die Menschen ist das zumindest ein kleiner Beitrag zur Bewältigung der Corona-Lasten .

Leere Straße und Geschäfte in Amman
Für die Wirtschaft des Landes bedeutet die Coronakrise eine besonders große Herausforderung.
Gesellschaftlich Schwächere leiden besonders

Denn betroffen sind alle, wenngleich in unterschiedlicher Weise: vor allem Flüchtlinge, Arbeitslose, Frauen und informelle Arbeiter verfügen in der Regel über keine Rücklagen und haben es schwer, ihre Familien zu versorgen.

In den Projekten der deutschen Finanziellen Zusammenarbeit geht es wegen der Ausgangssperre ebenfalls nur schleppend weiter. Bauarbeiten und andere Maßnahmen können nicht durchgeführt werden, und auch die Partner stehen nicht überall zur Verfügung. In den letzten Tagen gab es erste Öffnungen, sodass das Leben auf die Straßen Jordaniens langsam zurückkehren kann.

Das Team im KfW-Büro arbeitet vollständig im Home Office, der regelmäßige Austausch über WebEx und Videokonferenz hat sich etabliert. Auch Meetings mit Partnerministerien und Gebern haben sich ins Internet verlagert. Dabei steht vor allem eine Frage im Vordergrund: Wie kann die Gebergemeinschaft dem Land nun kurzfristig am besten helfen? Die KfW wird dazu sicherlich einen wesentlichen Beitrag leisten.

Leere Straße in Amman
Menschenleere Straßen bezeichnen das Stadtbild von Amman und zeigen die Auswirkung einer weltweit nicht vergleichbaren Ausgangssperre.