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Indien: In der Zwickmühle

Meldung vom 26.06.2020

Die indische Regierung hat den Lockdown Anfang Juni beendet, um einen Absturz der Wirtschaft und die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung zu verhindern. Seither steigen die Zahlen der COVID 19-Infizierten. KfW-Büroleiter Christoph Kessler erklärt, was das im Alltag und für die Arbeit vor Ort bedeutet und wie sich die Situation entwickelt hat.

„Ich war der einzige Kunde beim Friseur“, berichtet Christoph Kessler, der seine graue Haarmähne nach drei Monaten Lockdown wieder in Form bringen ließ. „Normalerweise werden in dem winzigen Laden hier im Viertel drei bis vier Kunden auf einmal bedient, weitere warten auf einer Bank.“ Unter Berücksichtigung aller Vorsichtsmaßnahmen – Masken, Einwegkittel, Desinfektion aller Gerätschaften – ging der Friseur an die Arbeit und klagte dem Kunden dabei sein Leid. Er und ein Bruder seien die einzigen Verdiener in seiner elfköpfigen Familie. Durch die Schließung seines Ladens während des Lockdowns fiel nun auch sein Einkommen weg, während die Miete und alle anderen Kosten weiter liefen. „Dabei gehört der Friseur durchaus zur unteren Mittelschicht“, verdeutlicht Kessler.

"Centro Corona" in Bogotá
Durch die Ausgangssperre waren die Straßen in Delhi so leer wie nie.

Für die Millionen von Tagelöhnern, die auf dem Bau, in der Gastronomie oder im Transportgewerbe arbeiten, war der Verlust der Einkommen noch schlimmer. Viele von ihnen waren zu Anfang des Lockdowns teils zu Fuß, teils in überfüllten Bussen aus den Großstädten in ihre weit entfernten Heimatdörfer zurückgekehrt Ohne Geld und auf engstem Raum lebend blieb ihnen keine andere Wahl. „Und vorerst bleiben sie dort, denn die Angst vor einer Ansteckung ist sehr groß“, erklärt Kessler

Daher sind auch viele Bauvorhaben der KfW ins Stocken geraten. Ob es um den Bau von Hochspannungsleitungen für die Grünen Energie-Korridore geht, um den Bau von Solaranlagen, Abwasserentsorgung oder neue Metrolinien – es mangelt an Arbeitern, viele Baustellen sind verwaist. Auf den wenigen aktiven Baustellen müssen alle Beteiligten morgens Fieber messen lassen und ihre Kontaktdaten angeben.

Auch auf das KfW-Büro hat die Pandemie Auswirkungen. Mit Ausnahme einer Assistentin, die einmal in der Woche Post aus dem Büro holt, sind alle 16 Mitarbeiter dauernd im Home-Office. „Die digitale Infrastruktur ist hier sehr gut ausgebaut, daher sind die Videokonferenzen in der Regel kein Problem“, berichtet Christoph Kessler. Doch die Angestellten der Ministerien sind ebenfalls im Home-Office, nicht jeder von ihnen hat auch daheim einen guten Internetzugang. Außerdem vermisst Kessler den informellen, persönlichen Austausch, der in Indien sehr geschätzt wird. „Das war doch eine andere Qualität der Begegnung, als man sich physisch treffen konnte“, meint Kessler.

Inzwischen hat das indische Gesundheitssystem seine Belastungsgrenze erreicht. „Es wird von Zuständen wie in der Lombardei berichtet, die Krankenhäuser sind am Limit oder darüber hinaus“, sagt Kessler.

Slum vor indischer Großstadt
Slums vor einer indischen Großstadt. Ein ausreichender Schutz vor dem Infektionsrisiko scheint hier kaum möglich.

Durch die Aufhebung des Lockdowns schnellt die Zahl der Infizierten derzeit nach oben, doch Kessler erwartet, dass der Zenit der Erkrankungen bald erreicht wird. Schätzungen zufolge seien in Delhi bereits über 30 % der Menschen infiziert.

„Die indische Regierung steht letztlich vor einer unlösbaren Aufgabe“, meint der KfW-Büroleiter. Die Verzögerung des Pandemieausbruchs sei mit einem radikalen Lockdown erkauft worden, der Millionen Menschen in den Ruin getrieben habe. Dafür sei die Regierung hart kritisiert worden. In der Folge musste sie die Wirtschaft wieder öffnen. Kessler betont: „Was in Deutschland jedoch viel zu wenig erwähnt wird, sind die im großen Stil angelaufenen Hilfsprogramme, auch wenn sie noch nicht alle erreichen.“

Dr. Charlotte Schmitz

Bericht zur Lage in Indien (Stand Mai)