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Indien: Tagelöhner stehen vor dem Nichts

Auch in Indien stellt das Corona-Virus die Bevölkerung vor eine große Herausforderung. Christoph Kessler, Leiter des KfW-Büros in Delhi, befindet sich aktuell noch vor Ort und schildert aus dem Home Office die Situation in Indien. Dabei erläutert er auch, warum die Corona-Krise für das Land eine besonders schwierige Situation darstellt.

Die aktuelle Lage ist geprägt durch den Lockdown, den Premierminister Modi am 23. März für das gesamte Land verkündet hat. Er galt zunächst für drei Wochen und wurde mittlerweile bis zum 3. Mai verlängert. Konkret bedeutet dies, dass nur noch die wichtigsten Dienstleistungen aufrechterhalten werden und die Menschen quasi nur noch zum Einkaufen ihres Grundbedarfs die Wohnungen verlassen dürfen.

"Centro Corona" in Bogotá
Durch die Ausgangssperre sind die Straßen in Delhi so leer wie nie.

Nach der Ankündigung des Lockdowns machten sich viele Menschen in Delhi gleich auf, um in den zahlreichen Geschäften schnell noch Vorräte einzukaufen. „Auch wenn die Regierung immer betonte und weiter betont, dass die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen sichergestellt ist, konnte ich das Gedränge vor und in den Geschäften an diesem Abend gut beobachten“, berichtet Christoph Kessler.

Auch das Team des KfW-Büros muss sich an die neue Situation anpassen. Alle arbeiten im Home Office, und alle Besprechungen intern wie auch mit externen Stellen finden als Telefonkonferenz statt. So bleibt das KfW–Büro trotz Ausgangssperre weiterhin arbeitsfähig, wenn auch mit Einschränkungen. „Persönlich ist mir der regelmäßige Kontakt zu den indischen Büromitarbeitern besonders wichtig. Sich nach dem Befinden zu erkundigen und gleichzeitig selbst noch vor Ort zu sein, ist ein Zeichen der Solidarität in diesen besonderen Zeiten“, so Christoph Kessler.

Zwei fahrradlieferanten
Auch Büroleiter Christoph Kessler arbeitet derzeit von zu Hause.
Tagelöhner stehen vor dem Nichts

Das größte humanitäre Problem in Delhi sind Hunderttausende von Tagelöhnern etwa am Bau, in der Gastronomie oder im Transportwesen, die über Nacht ihre Jobs verloren haben. Sie haben jetzt keine Lebensgrundlage mehr, und die wenigsten verfügen über Rücklagen. Da Personenzüge und Überlandbusse ihren Betrieb eingestellt haben, können die Menschen auch nicht in ihre Heimatorte zurückkehren. Zwar gibt es schon einige Unterstützungsmaßnahmen seitens der Regierung, aber insgesamt laufen die Hilfsprogramme für Tagelöhner erst langsam an.

Daher haben sich viele zu Fuß auf den Weg nach Hause gemacht und laufen teilweise Hunderte von Kilometern. Kurz vor Ostern hatte die Regierung des Bundesstaates Haryana etwa 100 Busse bereitgestellt, um einen Transport zu ermöglichen. Doch durch das Gedränge und das dichte Miteinander, das hierbei entstand, wurde der Verbreitung des Virus wahrscheinlich noch Vorschub geleistet. Wie vielerorts in Europa ist auch hier zu befürchten, dass die Stadtflucht angesichts des bevorstehenden Lockdowns die Ausbreitung von Corona begünstigt hat.

„Social distancing“ ist in Indien kaum möglich

Auch Indien befindet sich in dem Dilemma, dass „social distancing“ wegen der hohen Bevölkerungsdichte und dem engen sozialen Zusammenhalt kaum möglich ist. Bezogen auf die hohe Bevölkerungszahl sind die vorhandenen Kapazitäten zum Testen und zur Behandlung von COVID-19-Patienten extrem knapp. Erhebliche Anstrengungen werden unternommen, um der Lage Herr zu werden, etwa durch den Einsatz der Armee oder die massive Produktion von Beatmungsgeräten in staatlichen Unternehmen. Die Aussichten jedoch, das Virus in absehbarer Zeit zu besiegen, maßgebliche Teile der Bevölkerung überhaupt testen oder gar intensivmedizinisch behandeln zu können, sind gering. Zum Stand 20. April gab es 17.265 Infektionen und 543 Todesfälle infolge von Corona.

Ein hoher Preis für die Bevölkerung

Auch die Menschen, die im informellen Sektor arbeiten und landesweit den größten Anteil der Beschäftigten stellen, verlieren durch den Lockdown ihre Existenzgrundlage. Zwar gibt es in Indien eine lange Tradition staatlicher Unterstützung für Arme, aber die Verfahren sind langwierig und es braucht viel Zeit, bis die Hilfe auch bei den Menschen ankommt.

Dass sich das Corona-Virus unter diesen Umständen weiter ausbreiten dürfte, wird im Lande daher kaum bezweifelt. Auch die Aussichten, zumindest die Zahl der Neuinfektionen soweit abzusenken, dass das Gesundheitssystem damit umgehen kann, werden eher skeptisch beurteilt, ganz zu schweigen davon, dass viele Infektionen und Sterbefälle durch Covid-19 wohl gar nicht erst erfasst werden.

Slum vor indischer Großstadt
Slums vor einer indischen Großstadt. Ein ausreichender Schutz vor dem Infektionsrisiko scheint hier kaum möglich.