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Ghana: COVID-19 – der unsichtbare Feind

Die Welt befindet sich im Bann des Corona-Virus, der so genannte "Dritte Weltkrieg" ohne Waffen destabilisiert Volkswirtschaften, fordert Menschenleben und bedroht den sozialen Zusammenhalt. Auch das Heimatland von Isaac Hagan, lokale Fachkraft im KfW-Büro Accra, Ghana – mit einer Bevölkerung von etwa 31 Millionen Menschen – wurde nicht verschont. Der übliche Händedruck und die liebevolle Umarmung fallen weg, ebenso private und geschäftliche Zusammenkünfte; belebte Straßen und Märkte sind wie ausgestorben. Die Präsidentin von Ghana, Nana Akufo-Addo, sagte dazu: "Wir leben nicht in normalen Zeiten" – wir befinden uns im Krieg – gegen Covid-19.

Nachdem in Ghana am 12. März 2020 die ersten zwei Fälle bekannt wurden, hat die Regierung Maßnahmen wie die Einhaltung von Covid-19-Hygieneregeln und einen teilweisen Lockdown eingeführt. Während der dreiwöchigen restriktiven Ausgangsbeschränkungen bin ich nur zweimal in nahegelegene Geschäfte gegangen, um Lebensmittel zu kaufen. Nur in dringenden Ausnahmefällen durften die Menschen ihre Häuser verlassen. Eigentlich lasse ich mir alle zwei Wochen die Haare schneiden, nun habe ich, genau wie meine Frau und mein Sohn, seit mehr als einem Monat keinen Friseurladen mehr von innen gesehen – Sicherheit geht vor. Alle Wirtschaftszweige und Institutionen sind betroffen – Hotels, Fluggesellschaften, Schulen, Unternehmen und Kirchen. Viele informell Beschäftigte, wie zum Beispiel meine Schwester, die Friseurin ist und jetzt bei uns wohnt, sind arbeitslos geworden. Sie leben von ihren wenigen Ersparnissen. Auch formelle Arbeitsplätze sind gefährdet, die prognostizierten Einnahmen sinken, die Arbeitgeber sind knapp bei Kasse, Mikrofinanzinstitutionen stehen vor Liquiditätsproblemen, die Realeinkommen sind teilweise aufgrund der stark gestiegenen Lebensmittelpreise gesunken, usw. Vor dem Lockdown war ich noch mit meiner Frau auf dem Markt, um Lebensmittel zu kaufen. Zu unserer Überraschung waren die Preise für einige Lebensmittel wie Gari (normalerweise sehr billig), Yamswurzeln usw. innerhalb kurzer Zeit um mehr als 100 % gestiegen.

Leere Straße und geschlossene Geschäfte in Amman
Vor Corona: buntes Treiben auf dem Fischmarkt in Takoradi.

Wie alle meine Kollegen im KfW-Büro Accra arbeite ich jetzt von zu Hause aus (Working From Home). Das erspart mir den üblichen Stau-Stress und ich kann alle Aufgaben zeitgerecht erledigen. Ich nutze die Gelegenheit zu einem Online-Kurs "Unterstützung von KMUs während des Covid-19" und habe mehr Zeit für die Familie. Mein Sohn ist froh, mich die ganze Zeit zu Hause zu haben und möchte, dass ich jetzt Windeln wechsle, ihn bade, anziehe und füttere. Manchmal muss ich mich vor ihm "verstecken", um z. B. an einer Telefonkonferenz teilzunehmen, sonst übernimmt er einfach das Telefon. Auch meine Frau freut sich über Unterstützung bei der Hausarbeit und der Kinderbetreuung. In den KfW-Projekten läuft manches etwas langsamer, Abstimmungen verzögern sich. Nichtsdestotrotz stehe ich in regelmäßigem Kontakt mit unseren Partnern und bin mit Corona-bezogenen Maßnahmen beschäftigt, die helfen sollen, die Auswirkungen der Pandemie einzudämmen.

Issac Hagan mit Sohn Phanuel im Home Office.
Issac Hagan mit Sohn Phanuel im Home Office.

Zwischenzeitlich wurde Ghana ein zinsloses Darlehen des IWF in Höhe von 1 Mrd. USD zugesagt, um die durch die Pandemie entstandene Finanzierungslücke zu schließen. Die Regierung hat ein Coronavirus-Hilfsprogramm in Höhe von 219 Mio. USD für Haushalte und Unternehmen aufgelegt. Davon wird auch meine Familie profitieren, denn ein Teil dieses Programms ist der Wegfall von Wassergebühren. Die Zentralbank von Ghana hat den Leitzins von 16 % auf 14,5 % und die Primärreservepflicht von 10 % auf 8% gesenkt, um mehr Liquidität für den Bankensektor zu schaffen. Und die Ghana Association of Bankers hat ein Konjunkturpaket angekündigt, um den pharmazeutischen Sektor, das Gastgewerbe, die verarbeitende Industrie und den Dienstleistungssektor zu unterstützen. Viele Institutionen und Einzelpersonen leisten ebenfalls ihren Beitrag, zum Beispiel mit Spenden.

Es gibt aber auch positive Effekte von COVID-19: Verstärktes E-Business, Online- und Teleunterricht, Online-Gottesdienste und telemedizinische Beratung haben zu einem neuen Expansionsschub bei der Digitalisierung geführt. Innovationen sind in Ghana an der Tagesordnung – automatische und mobile Solar-Anlagen zum Händewaschen, Datenanalyse vom Virusstamm von Covid-19, lokale Produktion von Gesichtsmasken und medizinischem Zubehör, mögliche Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19 usw. Working From Home wurde bislang nicht praktiziert – die Haftung des Arbeitgebers, die Verantwortung des Arbeitnehmers, die Vorteile und Herausforderungen werden lebhaft diskutiert. Ich sehe die intensivere Zeit mit der Familie als ein Plus.

Während ich diesen Text schreibe, hat sich Covid-19, das in China seinen Anfang nahm, auf 52 afrikanische Länder, also alle mit Ausnahme der Komoren und Lesotho, ausgebreitet, mit fast 32.000 Infizierten und über 1.400 Todesfällen. In Ghana gab es 1.550 Fälle und elf Tote, 12 von 16 Regionen sind betroffen. Die Not, die dies für Afrika mit sich bringt, hat die G-20 und andere Entwicklungspartner veranlasst, dem Kontinent einen verzögerten Schuldenerlass und Kredite zu gewähren. "Das Virus kennt keine Grenzen ", wie der deutsche Außenminister Heiko Maas formuliert. Die Pandemie erfordert eine enge internationale Zusammenarbeit, um den gemeinsamen unsichtbaren Feind zu bekämpfen und uns eine Zukunft des Wachstums, der Transformation, der Entwicklung und des Wohlstands zu schaffen.

Leere Straße in Amman
Leere Straßen in Accra – ein ungewohnter Anblick.