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Honduras: COVID-19 in einem der anfälligsten Länder gegenüber des Klimawandels

Meldung vom 07.07.2020

Schon vor der Pandemie sah es für die honduranische Wirtschaft nicht rosig aus, berichtet Ivette Velásquez, Programmkoordinatorin im KfW-Büro in Tegucigalpa: Naturkatastrophen, politische Krisen, soziale Veränderungen und auch der Preisverfall bei Rohstoffen wie Kaffee haben die Entwicklung des Landes mit geprägt. Hinzu kommt nun die COVID-19-Pandemie, deren Auswirkungen noch nicht überschaubar sind.

Das honduranische Gesundheitssystem ist von seiner Struktur und Ausstattung her nicht darauf ausgerichtet, dem plötzlichen Bedarf durch eine so verheerende Pandemie gerecht zu werden. Insgesamt können in den Krankenhäusern nur 150 Personen intensivmedizinisch behandelt werden - eine verschwindend geringe Menge bei einer Bevölkerung von über 9 Mio. Menschen. Bis Ende Juni waren die Zahlen mit etwas über 18.000 Infizierten, 479 Toten und 1875 genesenen Corona-Patienten vergleichsweise gemäßigt, was die Regierung u.a. auf die Wirksamkeit landläufiger Behandlungsmethoden und medizinischer Präparate zurückführt.

Das Rückgrat der honduranischen Wirtschaft bilden kleine und mittlere Unternehmen, die rund 70 % der Arbeitsplätze stellen. Über 900.000 Menschen sind von knapp 750.000 Betrieben abhängig, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Aussichten, dass wegen der Pandemie etwa jeder dritte davon schließen wird, lassen nichts Gutes erwarten. Momentan hat jedes vierte Unternehmen seine Mitarbeiter freigestellt. Zumindest über das Internet konnten in vielen Fällen Produkte und Dienstleistungen weiterhin verkauft und somit die Geschäfte zumindest aufrechterhalten werden. Nach und nach wurden auch in Honduras Öffnungen in verschiedenen Wirtschaftsbereichen eingeführt, um möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern und auch die Versorgungsketten für Produktionsbetriebe nicht zu gefährden. Wobei es letztendlich um die Versorgung und Ernährung der Bevölkerung ging, die auf diese Weise nachhaltig gesichert werden musste.

Mann hält ein Schild hoch mit spanischer Aufschrift
Viele Menschen sind von den Auswirkungen betroffen und bitten um Unterstützung.

Die Folgen der Pandemie und der Arbeitslosigkeit sind bereits auf den Straßen der großen Städte des Landes zu spüren. Ganze Familien stehen an Ampeln und bitten um Essen. Mehr als 60 % der honduranischen Bevölkerung lebt in Armut und ist vom Tageseinkommen abhängig. Nach Schätzungen der Zentralbank von Honduras könnte sich dieser Anteil auf bis zu 75 % erhöhen, eine flagrante Verschlimmerung gegenüber den Zeiten vor der Pandemie. Um den von der Nahrungsmittelkrise betroffenen Familien zu helfen, hat die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) vorgeschlagen, über einen Zeitraum von sechs Monaten Lebensmittelgutscheine, Körbe oder Lebensmittelmarken an die Menschen zu verteilen, die aufgrund wegbrechender Einkommen in die extreme Armut abzusinken drohen. Doch über die Gutscheine hinaus muss sichergestellt werden, dass die Produktivität im Land insgesamt erhalten bleibt, etwa durch Umschulung und Beschäftigungsmaßnahmen. Daher wird überlegt, die Gutscheine in geeigneten Fällen an die Erbringung von Gegenleistungen oder Arbeitseinsätzen zu binden, damit die Menschen zu gegebener Zeit in ein geordnetes Erwerbsleben zurückkehren können, um den Unterhalt ihrer Familien zu gewährleisten.

Neben der Pandemie muss die honduranische Regierung auch auf andere Krisen reagieren, die sich in naher Zukunft abzeichnen. Jahr für Jahr bringt der Klimawandel neue Krankheiten, Vertreibung, Dürre und somit die zunehmende Verelendung eh schon verarmter Bevölkerungskreise mit sich. Die klimatischen Extreme sind bekannt: Dürre, Überschwemmungen, Erdrutsche. Ein Drittel der Bevölkerung lebt im so genannten "Dry Corridor", wo sich ein großer Teil der Produktion des Landes konzentriert. Ganze Familien leben von der Landwirtschaft und leiden unter der Dürre, deshalb wandern sie aus, um nicht zu verhungern. Und das alles gibt es nicht nur hier, sondern auch im Zentrum und im Norden des Landes. Für Familien, die ihr Zuhause verlieren, werden Behelfsunterkünfte in Schulen hergerichtet. Honduras als eines der anfälligsten Länder gegenüber dem Klimawandel lebt in einer permanenten Krise und muss sich nun zusätzlich an die Pandemie anpassen. Dazu braucht es ein effektives und transparentes Handeln der Regierung - Politiken und Maßnahmen, die eine nachhaltige Entwicklung fördern und sich positiv auf die soziale Situation auswirken. Zu alledem braucht es aber auch Solidarität in der Bevölkerung.

Astrid Lara (24) und ihre Tochter Linsay Lara (5) wohnen in einem Haus das stark vom Erdrutsch beschädigt ist. Ihre Couch steht schief, es gibt Risse in der Wand ihres Schlafzimmers und der Boden des Wohnzimmers hat sich bereits um mehr als 20 cm bewegt. Mehrere Viertel an den hängen Tegucigalpas sind so stark von Überschwemmungen betroffen, dass sie Bewohner in der Regenzeit nicht ihre Häuser verlassen können. Jedes Jahr sterben Menschen wenn die Hänge dem Wasser nicht mehr standhalten und abrutschen. In der Hauptstadt Honduas sollen daher Projekte entstehen um die Hänge abzusichern.
Mehrere Viertel an den Hängen Tegucigalpas sind so stark von Überschwemmungen betroffen, dass die Bewohner in der Regenzeit ihre Häuser nicht verlassen können.

Makroökonomische Auswirkungen

Als Soforthilfe für die Bevölkerung wurden Zuschüsse, Transfers, Kreditprogramme, Steuerstundungen und andere Maßnahmen beschlossen, die in der Zukunft abzugelten sein werden. Dank der Verhandlungen mit den internationalen Kreditgebern, insbesondere dem IWF, konnten im Staatshaushalt die Voraussetzungen für eine umfangreiche Unterstützung der Wirtschaft geschaffen werden: hierzu hat das Parlament einer Neuverschuldung von mehr als 2 Mrd. USD zugestimmt.

Schätzungen der Zentralbank zufolge ist nach einem Wirtschaftswachstum von 2,7 % im Jahr 2019 mit einem Rückgang von 2,9 % bis 3,9 % im laufenden Jahr zu rechnen. Die Regierung ist nun gefordert, die gesamtwirtschaftliche Stabilität aufrechtzuerhalten, öffentliche Ausgaben abzusichern und Investitionen zu schützen.

Nach COVID-19

Nach Annahmen der Weltbank dürfte die honduranische Wirtschaft durchaus in der Lage sein, sich kurz- bis mittelfristig wieder zu erholen, wenngleich um den Preis eines Wachstumseinbruchs, der im Vergleich zur Krise von 2009 ganz erheblich sein dürfte. Die Rezession könnte bis 2021 andauern – wobei die größte Herausforderung für Honduras darin bestehen dürfte, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen möglichst hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten und dem allgegenwärtigen Bedarf nach sozialer Absicherung zu finden.

Plakat mit spanischer Aufschrift
Aufmunternde Worte in der Stadt: Alles wird gut.