Im Gespräch
Neues Grundverständnis
KfW-Klimabeauftragter Harnisch zur UN-Klimakonferenz
KfW-Klimabeauftragter Jochen Harnisch. Quelle: KfW / Fotograf: Thomas Klewar
Nach einem zusätzlichen Verhandlungstag haben die Vertreter von 194 Staaten beim UN-Klimagipfel in Durban am Samstag eine mehrere hundert Seiten umfassende Vereinbarung verabschiedet.
Die EU setzte darin gemeinsam mit weiteren 120 Ländern einen Fahrplan zu einem Weltklimavertrag durch, der auch die USA, China und Indien in die Pflicht nimmt. Er soll bis 2015 erarbeitet werden und dann 2020 in Kraft treten. Während sich die Verhandlungspartner nach dem Marathon-Gipfel zufrieden zeigten, äußerten Umweltschutz-und Entwicklungsorganisationen auch Kritik.
Herr Harnisch, was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Ergebnisse in Durban?
Jochen Harnisch: Es wurden wichtige technische Fortschritte zu Themen wie Anpassung und Technologietransfer erzielt. Der "Green Climate Fund" kann weiter umgesetzt werden. Er unterstützt die Entwicklungsländer beim Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel. Außerdem gibt es ein neues Grundverständnis, dass alle Länder im selben Boot sitzen und die Schwellenländer sich ebenso wie alle Industrieländer für die Zeit ab 2020 in einem neuen Klimavertrag binden müssen. Dies ist wohl ziemlich das Maximum, das zur Zeit politisch für die EU erreichbar war. Dennoch wird dies bei weitem nicht reichen, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.
Was hat Sie auf der Konferenz besonders überrascht?
Harnisch: Nach den zähen Verhandlungen ist es fast überraschend, dass es letztlich doch gelang, einen Konsens zwischen den 194 sehr unterschiedlichen Staaten zu finden. Mittelfristig gibt es offenbar auch in Staaten wie China, Brasilien, Südafrika und vielleicht auch den USA und Indien mehr Flexibilität, sich in geeigneter Form völkerrechtlich für Klimaschutz zu binden, als noch vor wenigen Monaten für möglich gehalten.
Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für die Arbeit der KfW Entwicklungsbank und für andere Entwicklungsbanken?
Harnisch: Es ist natürlich erfreulich, dass sich nach dem Gipfel von Durban in Schemen Strukturen für eine gemeinsame Weltklimapolitik der Zukunft abzeichnen. Zugleich wird aber deutlich, dass für die kommenden fünf bis zehn Jahre die Dynamik für das nötige Handeln nicht von der internationalen Ebene kommen wird. Stattdessen werden freiwillige nationale Politikprogramme in den großen Schwellen- und Industriestaaten über Fortschritte beim Klimaschutz entscheiden. Hier ist die KfW gemeinsam mit den großen nationalen und bilateralen Förderbanken in anderen Ländern viel stärker in der Verantwortung als das noch vor kurzem absehbar war. Umso mehr ist die erfolgreiche Ausgestaltung unseres Förderbankennetzwerkes IDFC mit 19 großen Förderbanken aus aller Welt von hoher Bedeutung.
Sie sind auch als Autor im Weltklimarat (IPCC) tätig. Was nehmen Sie für Ihre Arbeit dort aus Durban mit?
Harnisch: Die Erstellung des fünften Sachstandberichtes des IPCC, mit der wir in 2011 begonnen haben, wird in einem hoch politisierten Umfeld erfolgen. Dies ist mit Blick auf die hohen Erwartungen ein schöner Ansporn für die Autorenteams, wirklich das Beste zu geben. Es verheißt aber auch Kräfte zehrende Kommentierungsprozesse, die zum Teil über wissenschaftliche Fragen hinausgehen.
Worauf kommt es jetzt besonders an?
Harnisch: Wir können mit Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel nicht bis 2020 warten. Bereits jetzt müssen alle Anstrengungen verstärkt werden. Europa und Deutschland sind hier mit ambitionierten und glaubwürdigen nationalen und internationalen Strategien gefragt. Wir werden hierzu viel klarer darstellen müssen, warum politische Vorgaben und internationale Förderprogramme auch ohne verbindliche globale Reduktionsziele Sinn machen. Der Nutzen kann zum Beispiel in positiven Beschäftigungswirkungen, verbesserter Versorgungssicherheit und erhöhter lokaler Umweltqualität jeweils hier und in Partnerländern liegen.
Das Gespräch führte Felicitas Birckenbach.
Weiterführende Informationen
KfW Entwicklungsbank in Durban
Montag, 12. Dezember 2011