Wie Kautschukanbau bescheidenen Wohlstand schafft
Marktorientierte Landwirtschaft sorgt für Einkommen
Kautschuk lässt sich am besten bei Sonnenaufgang zapfen. Das Latex fließt besser, wenn es noch nicht so heiß ist. Viele Bauern zapfen selbst, die wohlhabenden Landbesitzer beschäftigen auch Arbeiter. Foto: KfW Bankengruppe / Michael Ruffert
In einer Region in Westghana sorgt die marktorientierte Landwirtschaft für Einkommen und sichert die Ernährung. Bauern pflanzen dort Hevea-Bäume an, um Latex zu gewinnen. Sie kooperieren mit einem Privatunternehmen, das sie beim Anbau unterstützt und die Abnahme des Kautschuk garantiert. Das Konzept hat sich bewährt, deshalb soll es in weiteren Regionen Ghanas mit anderen landwirtschaftlichen Produkten fortgesetzt werden. Ein neuer Fonds, den die KfW Entwicklungsbank im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) aufgelegt hat, ermöglicht ähnliche Kooperationen unter anderem mit Kakao- oder Zitrusbauern. Die "Finanzielle Zusammenarbeit" steuert zu dem "Outgrower and Value Chain Fund" zunächst zehn Millionen Euro bei, weitere 23 Millionen Euro wurden bei Regierungsverhandlungen zugesagt. In Ghana sind die bisherigen Erfahrungen mit dem Kautschukanbau positiv.
Es dauert sieben Jahre bis Latex fließt
Der Himmel hängt voller Nebel und Nieselregel: Die sonst grüne Landschaft mit Kokospalmen, Büschen und Bäumen wirkt trist im grauen Licht. Niederschläge spülen die rote Erde weg und lassen den Landrover in tiefen Mulden sanft hin- und herrutschen. Die Regenzeit in Ghana neigt sich dem Ende zu, mit wechselhaftem Wetter. Als über den rumpeligen Feldweg das kleine Dorf Yediyesele in Westghana erreicht ist, reißen die Wolken wieder auf. Blauer Himmel und ein wenig Sonne zeigen sich.
In einer überdachten kleinen Halle haben sich etwa 50 Dorfbewohner versammelt: Einige Frauen tragen bunte Kleider, die Männer T-Shirts, Hemden, kurze und lange Hosen. "Plan your future", ruft ein Mann in Jeans und kurzärmeligem Hemd. "Plan rubber tree", antwortet die Menge. Und das ist keine traditionelle Begrüßungsformel in der lokalen Sprache. Damit drücken die Menschen aus, dass sie eng mit dem "Rubber Outgrower Plantations Project", kurz ROPP, verbunden sind.
Viele der Menschen in der Halle sind Bauern oder Bäuerinnen, die Kautschuk anbauen. Manche seit vielen Jahren, einige haben erst kürzlich damit begonnen. Es war keine leichte Entscheidung: Denn die Hevea-Bäume, aus denen der Naturkautschuk gewonnen wird, müssen sechs bis sieben Jahren wachsen. Erst dann kann die Rinde geritzt und "angezapft" werden, um den Milchsaft, das Latex, zu gewinnen. Eine lange Zeit für arme Bauern, die ihre Familien ernähren müssen. "Aber wir unterstützen die Bauern mit Setzlingen und beraten bei der fachgerechten Anlage und Betreuung der Plantagen", sagt Emmanuel Akwasi Owusu, der Mann in Jeans und Hemd, der das ROPP-Projekt für das ghanaische Privatunternehmen GREL ("Ghana Rubber Estate Limited") leitet.
Der Kautschukproduzent GREL kauft den Bauern ihre Ernten zu Preisen ab, die sich am Weltmarktpreis orientieren. Die Landbewohner arbeiten marktorientiert als "Vertragsbauern". Sie erhalten in der langen Anbauphase zudem Kredite von einer lokalen Geschäftsbank, der "National Investment Bank" (NIB), um die Setzlinge zu bezahlen und die Felder zu bestellen und zu pflegen. Die Kredite sind langfristig, sie müssen sie erst tilgen, wenn ihre Plantagen Erträge erzielen.
Das ghanaische Landwirtschaftsministerium fördert dieses "Dreierbündnis" aus dem Agrarunternehmen GREL, NIB und den "Vertragsbauern" . Die Französische Entwicklungsagentur AFD und die KfW Entwicklungsbank unterstützen das Projekt, beraten und begleiten die Umsetzung. Die erste Phase des Programmes begann bereits 1995. Seit 2006 werden rund 1.800 Bauern und Bäuerinnen in der westlichen und zentralen Region Ghanas dabei unterstützt, jeweils etwa vier Hektar Kautschukbäume anzupflanzen, insgesamt etwa 8.000 Hektar.
In dem kleinen Dorf Yediyesele und der Umgebung sind es rund 150 Bauern, die Kautschauk anpflanzen. Diejenigen, die bereits den Milchsaft "zapfen" und ihre Ernte an GREL verkaufen, erzielen damit ein gutes Einkommen. Allen voran der Chief, der lokale Herrscher im Ort, Nana Kwame Essuah III., der bereits 1995 mit dem Kautschukanbau begann.
Das Dorf hat jetzt Strom
In der Versammlung trägt er ein traditionelles Gewand mit Streifen und Mustern, bei der Ernte auf dem Feld sieht man auch ihn in kurzen Hosen und T-Shirt. "Das Leben im Dorf hat sich durch den Kautschukanbau sehr verbessert", sagt er überzeugt. Die Menschen könnten ihre Kinder jetzt zur Schule schicken, auch zur weiterführenden Schule in die nächstgrößere Stadt Axim – denn jetzt fahre ein Bus. Außerdem gebe es bessere Straßen und Zufahrtswege. Viele Bauern hätten sich neue Häuser mit festen Dächern gebaut. Besonders wichtig ist dem Chief aber, dass es jetzt Strom gibt. Das Dorf habe seinen Beitrag zu einem staatlichen Elektrifizierungsprogramm leisten können.
Chief Nana Kwame Essuah III. kann sich durch den Kautschukanbau eine Reise nach Mekka leisten. Quelle: KfW Bankengruppe / Michael Ruffert
Der Chief betont, dass die Bauern und Bäuerinnen weiterhin genug Lebensmittel für den eigenen Bedarf produzieren. Sie reservierten einige Hektar für die Subsistenzproduktion, wo zum Beispiel Cassava und Tomaten wachsen. In der Region gebe es kaum Hunger und Unterernährung.
Ein Beitrag zum Klimaschutz
Nach einigen Kilometern Fahrt über rumpelige Wege ist die Kautschukplantage von Ocrah Mensah erreicht. Der rüstige Bauer trägt einen Schlapphut, Arbeitshosen und Gummistiefel. Er ist bereits seit 15 Jahren Kautschukbauer: Seine Hevea-Bäume stehen in langen Reihen gradlinig hintereinander auf den Feldern. Viel Grün ist zu sehen. Die Bäume tragen dazu bei, Treibhausgase zu reduzieren – und deshalb gilt das Projekt auch als Beitrag zum Klimaschutz.
Die Familie von Ocrah Mensah besitzt inzwischen 15 Hektar Kautschukplantage, denn auch seine erste Frau ("Senior-Wife") und sein Sohn bauen das Naturprodukt an. "Der Kautschuk hat mein Leben verlängert", sagt er lachend. Er hat jetzt Geld für Medizin und gutes Essen, lebt in einem solide gebauten Haus. Ocrah Mensah ist 72 Jahre alt, die Lebenserwartung in Ghana beträgt normalerweise rund 63 Jahre im Schnitt. Seine Plantage ist so groß, das er das zapfen nicht mit seiner Familie alleine bewältigen kann. Mensah beschäftigt zwei Lohnarbeiter und schafft so auch Arbeit und Einkommen für Menschen, die kein Land besitzen.
Bauerorganisation verhandelt den Preis für Kautschuk
Das Büro der Bauernorganisation "Rubber Outgrowers & Agents Association" (ROAA) liegt etwas außerhalb der Küstenstadt Takoradi: Der Vorstand, der sich hier regelmäßig trifft, ist stolz auf die steigenden Mitgliederzahlen. "Wir vertreten inzwischen mehr als 5.000 Kautschukbauern", betont Generalsekretär Paul Appiah. Rund zwei Drittel davon sind Männer, der Rest Frauen. ROAA vertritt die Bauern bei den Vertragsverhandlungen und setzt sich bei den Gesprächen mit GREL für gute Preise ein, die sich am Weltmarkt orientieren. Weltweit ist die Nachfrage groß und steigt weiter, denn der Naturkautschuk findet breite Anwendung bei der Herstellung von Autoreifen, Matratzen und Babysaugern
Da die Nachfrage nach Naturkautschuk weiterhin stark steigt, profitieren in Ghana alle Beteiligten von dem Programm. Der GREL-Projektleiter, Emmanuel Akwasi Owusu, spricht von einer "Win-Win-Situation". Das Agrarunternehmen sei auf die "Vertragsbauern" angewiesen, weil es in Ghana kaum noch möglich sei, weitere Landflächen für Großplantagen zu erwerben. Gleichzeitig erzielten die Bauern ein sehr gutes Einkommen. GREL hat errechnet, dass ein Kautschukbauer, der vier Hektar anbaut, nach Abzug der Kosten monatlich rund 1.000 Euro verdient. Eine Summe, die um ein Vielfaches höher liegt, als das Durchschnittseinkommen in Ghana. "Damit kurbeln wir die Wirtschaft in der Region an", betont Owusu. So werde Armut bekämpft und die nachhaltige ländliche Entwicklung gefördert.
Freitag, 30. Dezember 2011