KfW Entwicklungsbank

Navigation


Sprachauswahl




Menschenwürdige Arbeit als Weg aus der Armut

Strategie "Decent Work"

Armut wird zunehmend als ein Problem fehlender menschenwürdiger Arbeit verstanden. Dabei berührt das Thema weit mehr als nur fehlende Arbeit in den armen Ländern. Oft herrschen dort auch nur sehr geringe Sozial- und Arbeitsstandards, die für viele westliche Unternehmen wegen der niedrigen Produktionskosten interessant zu sein scheinen. Und so hat die Globalisierung auch in den wohlhabenden Ländern Ängste ausgelöst, dass ein weltweites Wettrennen um die niedrigsten Standards auch die Arbeitsverhältnisse in den Industrieländern massiv verschlechtern könne. Vor neun Jahren hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) deshalb begonnen, das Konzept der Decent Work zu entwickeln, welches helfen soll, menschenwürdige Arbeit in allen Ländern zu ermöglichen. Seit dieser Zeit hat das Thema zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Grund genug für die KfW-Entwicklungsbank, ihre 43. Berliner Fachgespräche zur Globalisierung gemeinsam mit der ILO zu veranstalten. Dazu kamen am 4. März wieder weit über hundert interessierte Besucher in die Berliner Niederlassung der KfW zusammen. Moderiert wurde das Fachgespräch von Hans Jessen.

Ein Weg aus Armut und Unsicherheit

„Man muss den Menschen die Möglichkeit geben, sich aus der Armut herauszuarbeiten“, sagte zu Beginn der Fachgespräche Stephen Pursey von der ILO. Dabei ginge es eben um viel mehr als nur um Arbeit allein. Das Konzept der Decent Work würde darum auf vier wichtigen Elementen aufbauen. Bedeutend sei zunächst die Würde, denn es sei entscheidend, wie man als Arbeitender behandelt würde. Nächster Punkt sei die Sicherheit. Dabei ginge es nicht nur um eine ausreichende Entlohnung, sondern auch darum, dass es Körper und Seele gut ginge. Die weiteren Punkte wären Karrieremöglichkeiten und Gleichheit oder Fairness.

Auch Kajo Wasserhövel, Staatsekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, hob besonders hervor, dass nicht nur der sichere Rahmen von Arbeit wichtig sei, sondern auch, dass die Arbeit mit dem Leben vereinbar sein müsse. „Wichtig ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, sagte er.

Arbeitnehmer müssten aber auch die Möglichkeit haben, sich organisieren zu können, ergänzte Hildegard Hagemann von der Deutschen Kommission Justitia et Pax. Auch sei es ihrer Erfahrung nach für die Arbeitenden besonders wichtig, dass ihre Arbeitsbedingungen es ihnen ermöglichen würden, ihr Leben auch außerhalb organisieren zu können, zum Beispiel in den Bereichen Gesundheitsvorsorge und Kinderversorgung. „Es geht darum“, sagte Hildegard Hagemann, „das Leben auf allen Ebenen so organisieren zu können, dass es sicher ist.“

43. Berliner FG - Decent Work

v.l.: StS Kajo Wasserhövel, Dr. Hildegard Hagemann, Hans Jessen,

Dominique Döttling, Stephen Pursey

Hildegard Hagemann sah aber auch ein Problem gewerkschaftlicher Organisation. In den meisten Ländern sei ein Großteil der Arbeitsverhältnisse informell, in manchen Ländern sogar bis zu 90 Prozent. „Die leben von der Hand in den Mund“, sagte sie. Betroffen seien zum Beispiel Tagelöhner, Straßenhändler oder auch Heimarbeiterinnen. „Wir müssen aus dem Schienendenken raus“, forderte sie. Die etablierten Organisationen für formelle Bereiche müssten sich deshalb den informell Arbeitenden öffnen, die oft sogar schon in Selbsthilfegruppen organisiert seien.

Stephen Pursey unterstützte die Einschätzung, dass es auch für informelle Arbeiter wichtig sei, sich in formellen Gesellschaften zu vereinigen. Denn gerade sie könnten nicht nur dafür sorgen, dass die Rechte am Arbeitsplatz eingehalten werden, sondern sie würden den Arbeitenden auch eine Stimme geben. In dem Zusammenhang betonte Pursey noch einmal, dass das Konzept Decent Work auf alle Arbeitsverhältnisse anwendbar sei. „Alle Pfeiler der Decent Work Agenda haben eine hohe Relevanz für informelle Arbeit“, sagte er.

Kein neuer Protektionismus

Stephan Pursey als Vertreter der Internationalen Arbeitsorganisation stand auch für die Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Regierungen. Hier kam die Frage auf, ob Entwicklungsländer, aber auch China oder Indien, überhaupt ein Interesse an der Umsetzung eines Konzeptes wie Decent Work hätten, da die entsprechenden Staaten oft von der Verlagerung von Arbeitsplätzen profitierten. Kajo Wasserhövel bestätigte, dass einige seiner Gesprächspartner in den Partnerländern Decent Work als eine neue Art von Protektionismus betrachten könnten. „In dieser Hinsicht muss man dort noch werben“, sagte der Staatsekretär.

Stephan Pursey sah hingegen in den Partnerländern sehr oft die Bereitschaft, die Prinzipien des Decent Works umzusetzen. „Denn jetzt gibt es eine nützliche Agenda für Partnerschaft und Dialog zwischen Industrie- und Entwicklungsländern“, sagte Pursey. Viele Länder hätten nämlich erkannt, dass die Umsetzung des Konzeptes für sie viele Vorteile brächte. So könnte ein funktionierender Arbeitsmarkt entstehen und die Gesellschaften würden stabilisiert werden. „Das Konzept des Decent Work gibt uns in der Entwicklungspolitik wichtige Argumente in die Hand“, betonte auch Hildegard Hagemann.

Als ein Beispiel wurde Kambodscha genannt. Das Land hätte Programme, die den dort produzierenden Firmen garantieren könnten, dass die vertraglich vereinbarten Standards des Decent Work eingehalten würden. Das sei auch der Grund, weshalb die Produktionsstandorte im Land bestehen könnten, obwohl China kostenattraktivere Bedingungen biete. Besonders amerikanische Unternehmen, zum Beispiel aus der Textilbranche, würden die Garantien gerne nutzen, da die Konsumenten in den USA entsprechenden Druck auf die Unternehmen ausübten.

Über Arbeitsbedingungen entscheiden auch Konsumenten

„Die Amerikaner sind etwas besser, die Kraft der Konsumenten einzusetzen“, sagte Kajo Wasserhövel. Die Unternehmensberaterin Dominique Döttling bestätigte diese Einschätzung. „In Deutschland gibt es immer noch keine Qualitätsdebatte,“ sagte sie. Das könne man schon daran erkennen, dass die Marktanteile der Discounter immer noch wachsen. „Darin zeigt sich die Marktmacht der Konsumenten“, sagte Döttling.

Kajo Wasserhövel forderte daraufhin, dass den Verbrauchern durch Information die Möglichkeit gegeben werden müsse, selber zu entscheiden, für welche Produkte einer bestimmten Herstellungsmethode sie ihr Geld ausgeben. Das erhöhe auch den Druck auf die Unternehmen, sich mehr an den Standards des
Decent Work zu orientieren.

Unternehmen als wahre globale Akteure von Decent Work?

„Unternehmer mögen Kostenfaktoren nicht“, sagte Dominique Döttling. „Aber Decent Work ist ein gutes Konzept. Da sind wir uns alle einig.“ Denn Fakt sei es auch, dass ein Drittel des wirtschaftlichen Erfolges an den Faktoren des Decent Work hinge. „Decent Work ist ein Kennzeichen guten wirtschaftlichen Handelns“, betonte Döttling. Kajo Wasserhövel merkte an, dass soziale Verantwortung von vielen Firmen als gute PR, aber nicht als mehr angesehen werde. Dominique Döttling antwortete, dass Verantwortung immer nur persönlich sein könne. „Darum muss man immer gucken, wer in einem Unternehmen die Verantwortung trägt,“ sagte sie.

Zudem hätten Unternehmen sogar oft den größeren Spielraum, weil sie global operierten. Wenn sich in einem Unternehmen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf gemeinsame Standards einigten, hätten diese in jedem Unternehmensteil Gültigkeit und in jedem Glied der Wertschöpfungskette auf der Welt. Nationalstaatliche Entscheidungen endeten jedoch oft an den Grenzen, auch wenn dadurch der Einfluss der durch Wahlen legitimierten Regierungen letztendlich beschränkt würde. Trotzdem seien Unternehmen oft diejenigen, die nicht nur schöne Sätze produzieren. „Globale Unternehmer sind echte Akteure in der Decent Work Agenda“, sagte Döttling. Es sei deshalb gut, dass die Debatte um Decent Work als eine globale Debatte betrachtet würde.

Kein Wettrennen um die niedrigsten Standards

Kajo Wasserhövel betonte, es sei erwiesen, dass eine soziale Mindestabsicherung sogar Voraussetzung für eine nachhaltige Wohlstandsentwicklung sei. „Es gibt keinen Automatismus, dass das Wohlstandswachstum in den Entwicklungsländern einhergehen muss mit dem Abbau der Standards in den Industrieländern“, sagte Wasserhövel. Vielmehr sei das Gegenteil richtig. „Ein vernünftiger Rahmen kann eine sinnvolle Wohlstandsentwicklung auf beiden Seiten erzeugen.“

Wasserhövel sagte aber auch, wie wichtig in diesem Zusammenhang eine kohärente Vorgehensweise sei. So sei in seinem Politikbereich Arbeit und Soziales alles in Ordnung, gehe er aber zur Wirtschafts- oder Finanzpolitik sähe das oft anders aus. „Da hat man das Gefühl, als hätte man sich in der Tür geirrt“, sagte Wasserhövel. Hildegard Hagemann sah das Problem sogar noch umfassender. „Die kohärente Politikgestaltung der Bundesregierung ist in einem desolaten Zustand“, sagte sie. Es gebe zu wenig Gespräche zwischen den Ressorts. „Die Ansätze des Decent Work müssen aber auch in die Außenwirtschaftspolitik und in die Sozialpolitik einfließen“, ergänzte Hagemann.

Auch Ursula Engelen-Käfer von der Bundesagentur für Arbeit unterstützte in einem Publikumsbeitrag diese Ansicht. „Es gibt nicht mal innerhalb Deutschlands eine kohärente Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialpolitik“, sagte das ehemalige Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Zu hohe Standards behindern Erfolg

Engelen-Käfer sprach in ihrem Beitrag auch das Problem der zu hohen Ansprüche in der Frühzeit des Konzepts Decent Work an. Zu Beginn wären die Standards viel zu hoch und kaum anwendbar gewesen, schon gar nicht zur Beurteilung informeller Arbeitsverhältnisse. „Da ist man jetzt viel realistischer geworden“, sagte Ursula Engelen-Käfer. Decent Work müsse ein Instrument sein, welches praktikabel bleibt, weil es sich beschränkt und nicht überfordernd wirkt. Stephan Pursey bestätigte, dass ein zu komplexes Konzept zu Stillstand führe.

In diesem Zusammenhang ging Pursey auch auf das Problem der Messbarkeit von Decent Work ein. „Versammlungsrechte können schwer quantifiziert werden,“ sagte er. Darum dürfe man die Länder nicht untereinander vergleichen, sondern jedes Land müsse für sich nach dem Prozess beurteilt werden. Besonders hierfür sein auch die vier eingangs genannten Elemente wichtig. Er sei auch froh, dass Decent Work endlich Teil der Millennium Development Goals seien. Bis 2005 wäre menschenwürdige Arbeit immer unter dem Kapitel Gesundheit eingeordnet worden. Nun sei das Thema menschenwürdige Arbeit sogar in das Abschlussdokument des G8-Gipfels eingegangen, der im letzten Jahr in Heiligendamm stattgefunden hat.

Auch Kajo Wasserhövel begrüßte die Beschlüsse von Heiligendamm. „Es kommt aber nun auf die Konsequenzen an“, sagte er. „Was sind die nächsten Schritte?“ Noch würde die Bundesregierung vieles versäumen, was getan werden könne. „Der Hebel der Regierungen ist durch die Globalisierung kürzer geworden“, bemerkte Wasserhövel hierzu. Doch einiges könne auch die Bundesregierung tun. Vor allem könne sie dafür sorgen, dass das, was angekündigt wurde, auch umgesetzt wird. „Damit die Ansprüche des Decent Work auch bei denen ankommen, für die sie gemacht sind“, sagte Wasserhövel.

Stand: März 2008


nach oben


Impressum, Kontakt, Datenschutz, Funktionen

Diese Seite